MONT ST. MICHEL
HELMUT WYRWICH

Vor 50 Jahren wurde Georges Pompidou französischer Staatspräsident

Es ist 50 Jahre her, dass Georges Pompidou Präsident der fünften Republik in Frankreich wurde. Ein Amt, dass er nicht vollenden kann. Er stirbt fünf Jahre nach seiner Wahl, am 2. April 1974. Frankreich hat sich von dem Begründer der Republik, von dem Widerstandskämpfer, dem Sieger und Aussöhner mit Deutschland, General Charles de Gaulle getrennt.

Der Mann, der die Strukturen der bis heute dauernden fünften Republik entworfen und auf sich zugeschnitten hat, hatte einen strategischen Fehler begangen. De Gaulle hatte erkannt, dass der Zentralismus Frankreich in eine Sackgasse führen würde. Regionalisieren wollte er das Land und dazu eine Volksabstimmung durchführen. Als er merkte, dass er sie verlieren würde, drohte er mit Rücktritt. Er verlor die Volksabstimmung und trat zurück.

Der letzte Premier des Generals

Und dann Georges Pompidou. Er war der letzte Premierminister des Generals gewesen. Den Wahlkampf hatte er unter dem Motto der Fortführung der Tradition geführt.

Mit einer komfortablen Mehrheit von 55 Prozent wurde Pompidou in sein Amt gewählt. Die Politik des Generals aber führte er nur bedingt fort. Was war Frankreich für ein Land, ein Jahr nach der „Revolution“ von 1968?

In den Universitäten wurde – immer weniger zwar – aber doch immer noch die Faust kämpferisch erhoben. Der Kühlschrank hatte seinen Siegeszug in die Haushalte noch nicht angetreten.

Sanitäranlagen in den Wohnungen waren in Paris wie auch im übrigen Frankreich häufig unbekannt.
Die kommunistische Partei hatte ihre unbestrittenen Hochburgen. Aber: Frankreich ging es eigentlich gut. Das Land erwarb sich Wohlstand. Das wirtschaftliche Wachstum lag bei fünf bis sechs Prozent pro Jahr, die Arbeitslosigkeit bei um die drei Prozent. Paris hatte noch keinen Bürgermeister. Der sollte erst unter Präsident Giscard d’Estaing eingeführt werden und hieß Jacques Chirac als erster Amtsinhaber. Das Wohlergehen Frankreichs war noch auf den General zurückzuführen. Der hatte mit seiner wirtschaftlichen Planungsbehörde (commissariat au plan) Frankreich zu Leben erweckt. Pompidou war schon als Premierminister an vielen Grundsatzentscheidungen beteiligt, die in seiner Amtszeit realisiert werden sollten.

Grundsatzentscheidungen

Als Präsident setzt er weitergehende Maßstäbe. Nur ein Jahr nach seiner Wahl führt er den Grundlohn ein. Er baut damit die Grundlage für eine wirtschaftliche Größe im Bruttonationalprodukt. Der Grundlohn schafft den berechenbaren Binnenkonsum, der heutzutage immer noch die wesentliche Stütze für das französische Wirtschaftswachstum ist und stetige Auseinandersetzung um die Kaufkraft der französischen Haushalte bedeutet Frankreichs Wirtschaft geht es gut. Marcel Bich hat 1950 den Wegwerf-Kuli auf der Basis einer Erfindung des Ungarn Ladislao Biro entwickelt. Seine Marke Bic wird zum Begriff für den Wegwerf-Kugelschreiber.

1972 kommt das Wegwerf-Feuerzeug hinzu. Beide Artikel stehen in Frankreich für das Wachstum, für Vertrauen in die Zukunft, für Konsum, den das Grundeinkommen sichert. Hinzu kommen Grundsatzentscheidungen. Pompidou entscheidet noch vor seinem Tod 1974 dass Frankreich Eisenbahn-Hochgeschwindigkeit braucht. Die erste Strecke soll von Paris nach Lyon führen. Die Hochgeschwindigkeit wird in Frankreich bis heute die Mobilität, das Urlaubsverhalten und schließlich das Wohnverhalten verändern. Man kann beispielsweise in Metz oder Reims wohnen und in Paris arbeiten.

Der TGV schließlich verändert das Flugverhalten. Was der TGV in bis zu zwei Stunden Fahrzeit schafft, braucht das Flugzeug nicht mehr zu leisten. Mit dem TGV in den Osten Frankreichs hat Air France seine Flüge nach Metz eingestellt.

Wirtschaftliche Regionalisierung

Pompidou hat mit solchen Entscheidungen eine wirtschaftliche Regionalisierung Frankreichs eingeleitet, die keinem Präsidenten politisch und verwaltungsmäßig gelungen ist.

Pompidou geht in anderen Bereichen weiter: Ihm gelingt die deutsch-französische Kooperation für die Nachfolge des alternden französischen Passagierflugzeuges Caravelle. Unter Jacques Chirac wird daraus der Airbus. Und schließlich: Er führt die von de Gaulle geplante Nuklearpolitik weiter.

Allerdings wird die gewünschte energiepolitische Unabhängigkeit – auch unter dem Eindruck der ersten Ölkrise - mit amerikanischer Technik erkauft. Druckwasser-Reaktoren nach dem Westinghouse-Modell sind preiswerter als Eigenentwicklungen, entscheidet der ex-Bankier.

Den Briten die Tür geöffnet

Und schließlich die entscheidende Wende: Der General hatte eine Mitgliedschaft Großbritanniens in der Europäischen Union blockiert. Pompidou öffnet den Briten die Tür. 50 Jahre später würde er sich im Grab umdrehen, würde er mitbekommen, was die Briten daraus machen.

Es gibt einen anderen Pompidou, der die Macht des Präsidenten gegen seine Regierung ausübt. Paris werde mehr und mehr zu einem Museum, kritisiert er. Man brauche ein Geschäftsviertel und hohe Hochhäuser. Das erste wird das Hochhaus am Bahnhof Montparnasse. Es wird gerade renoviert.
Das Geschäftsviertel aber entsteht am Rande. Es wird die Défense, in der Präsident Mitterrand später in der Achse der beiden anderen, den dritten Pariser Triumphbogen bauen lässt.

Die Défense ist heutzutage das wichtigste Pariser Werbe-Argument für die Ansiedlung von britischen Banken und Unternehmen für die Zeit nach dem Brexit. Sie ist Frankreichs Unternehmenszentrum geworden. Aber der Präsident ist auch Literat und hat eine Schwäche für die Kunst. „Die Kunst ist Ausdruck einer Epoche, einer Zivilisation. Sie ist der beste Ausdruck, den ein Mensch seiner Würde geben kann“, sagt er. Im Elyséepalast lässt der leidenschaftliche Raucher ein modern eingerichtetes Raucherzimmer einrichten. Seine Frau Claude stellt Möbel mit modernem Design in die Räume stellen.

Der Autopräsident

Ein Design, das 50 Jahre später wieder modern wird. Das berühmteste Beispiel ist das „nationale Zentrum für Kunst und Kultur“, das er noch im ersten Jahr seiner Präsidentschaft beschließt, dessen Fertigstellung er 1977 aber nicht mehr erlebt und das seinen Namen trägt: das „Centre Pompidou“.

Der Präsident ist ein Autonarr. Das Auto, so seine Überzeugung, gibt dem Menschen seine persönliche Bewegungsfreiheit. Die Nationalstraßen sollen Stadt und Land miteinander verbinden. Die Autobahnen sind für die großen Distanzen und den Wirtschaftsverkehr bestimmt, ist seine Auffassung.

Für Paris als Frankreichs Zentrum stellt er sich Umgehungskreisel vor, die Uferstraßen entlang der Seine als innerstädtische Schnellstraßen und einen inneren Umgehungsring mit Ausfallstraßen in die verschiedenen Regionen soll es geben.

Barbara, Sardou und die anderen

Pompidou ist davon überzeugt, dass die Zukunft in der Mobilität mit dem Auto liegt. Realisiert wird davon der „Boulevard Périphérique“. Und zurückgeführt – durch eine Autofeindlichkeit, wie insbesondere Paris sie „auszeichnet“ – wird insgesamt die Autopolitik. Die Schnellstraßen entlang der Seine sind von Bürgermeisterin Anne Hidalgo in Fußgängerstraßen verwandelt worden.

Gérard Dépardieu feiert in diesem Sommer Bühnenerfolge mit Liedern von Barbara. Sie ist 1997 gestorben, wurde gefeiert in der Ära Pompidou. Depardieu steht auf der Bühne und singt mit erstaunlich weicher Stimme ihre Chansons.

Das ist eine Wiederaufnahme eines Abends, den er einst zusammen mit Barbara gestaltet hatte. Im Publikum finden sich mit Emmanuel Macron und Nicolas Sarkozy, die zwei Staatspräsidenten mit ihren Ehefrauen. Barbara, der begnadete Sänger Gilbert Bécaud mit seinem unvergessenen Lied „Nathalie“, oder Georges Brassens und Gainsbourg gehören zu den Größen der französischen Musik in jener Zeit.
Und dann gibt es da einen jungen frechen, attackierenden Sänger namens Michel Sardou, der dem Land, „in dem es 50 Millionen Dummköpfe gibt“ eine Liebeserklärung singt. Sardou hat erst 50 Jahre später seinen Abschied von der Sänger-Bühne genommen.

Pompidou ist zunächst Literat, wird dann Politiker. Er hat eine Anthologie der französischen Poesie veröffentlicht. In seinen Jahren heißen die Bestseller „le Taxi mauve“, „Papillon“ oder der „Archipel Goulag“. Alain Peyrefitte schreibt sein fast hellseherisches Buch „Wenn China erwacht“.

Was ist das für eine Zeit, in der Pompidou Präsident ist? Der Mann ermutigt, setzt sich gegen Althergebrachtes durch, zeigt den Franzosen die Wege in die Zukunft auf. Es ist eine Zeit in der (fast) Alles möglich scheint.

Aber es ist auch die Zeit, in der Globalisierung und Europäisierung in Frankreich noch Fremdwörter sind. Und wenn man genau hinschaut, ist das die Zeit einer beginnenden Moderne, der die Franzosen heute nachtrauern, kurz: Eine Zeit, in der das Wort „Krise“ unbekannt war.

ALS PRÄSIDENTEN NOCH SELBST AM STEUER SASSEN

Pompidou und „sein“ Porsche

Man stelle sich vor, das französische Präsidentenpaar würde privat einen Porsche 911 oder einen Audi oder ein Mercedes Cabrio fahren und damit zu ihren Wochenend-Wohnsitz nach Le Touquet an die Kanalküste reisen. Nicht auszudenken mit welchen „Kosenamen“ Emmanuel Macron sich abfinden müsste. Er, der jetzt schon mit dem Spitznamen „Präsident der Reichen“ lebt. Frankreich ist nicht mehr das Land der Toleranz und der Leichtigkeit des Lebens aus der Zeit von Georges und Claude und Georges Pompidou.
Das erste Präsidentenpaar der Nach-Ära von Charles de Gaulle liebte das gute Leben, das moderne Leben, die Offenheit der Kultur, das moderne Design und die zeitgenössische Kunst. Claude und Georges Pompidou waren die typischen Repräsentanten der „Glorreichen 30“, jene Jahre des französischen Wirtschaftswunders, die 1945 begannen und mit dem Tod von Pompidou 1974 zu Ende gingen. Georges Pompidou muss keine Berührungsängste haben, als er 1962 einen Porsche 356 bestellt, der schon erstaunliche Ähnlichkeit mit dem späteren 911 hat. Unter der Leitung von Ferry Porsche entwickelt, wurde das Auto von 1948 bis 1965 gebaut. Bei der Bestellung war Pompidou Bankier bei Rothschild. Mitten in der Liefer-Wartezeit wird er Premierminister Frankreichs. Auf seinen Porsche will er nicht verzichten. Er verhandelt den Vertrag mit Porsche neu und kauft ihn für seine Frau Claude, auf die der Wagen auch zugelassen wird. Vorsichtig war Pompidou allerdings dennoch. Als er am 14. April 1962 zum Premierminister Frankreichs ernannt wird, vereinbart er mit Porsche eine Änderung des Kaufvertrages.
Es ist das Modell 1600 S mit einer Leistung von 75 Pferdestärken und luftgekühlten Motor auf der Basis eines Käfer-Aggregates. Claude Pompidou entscheidet sich für ein elegantes schiefergrau mit beiger Lederausstattung. Sie übernimmt den Wagen im November 1962.
Georges Pompidou ist Frankreichs Autopräsident. Er fährt das Auto seiner Frau selbst. Stets schnell, häufig zu schnell, vermerken die Sicherheitsbehörden. Sie können dem Präsidentenpaar auf ihren Wochenendreisen zu ihrem privaten Wohnsitz quer durch Frankreich nach Okzitanien mit ihren biederen Peugeot 404 häufig kaum folgen. Der präsidiale Porsche bleibt 39 Jahre im Besitz von Claude Pompidou. Dann kauft Porsche Frankreich ihn, arbeitet ihn auf und stellt ihn in Le Mans im Technik Zentrum aus. Theoretisch kann er noch fahren. Er ist zugelassen auf Porsche und trägt nun die neue Autonummer 595CXT95.