MONT ST. MICHEL
HELMUT WYRWICH

Vor 80 Jahren rief Charles de Gaulle die Franzosen zum Widerstand auf

Das Jahr 2020 ist das Jahr des General Charles de Gaulle. In diesem Jahr wäre der Begründer der fünften Republik 130 Jahr alt geworden. Vor 80 Jahren hielt er von London aus die Rede, die den Widerstand der Franzosen gegen die Besetzung durch die deutsche Besatzung begründete. Vor 50 Jahren starb der 1890 geborene Stratege, Politiker und Begründer der Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland im Alter von 80 Jahren.

Mitte Mai1940: Der Oberst de Gaulle hatte gerade die deutschen Truppen bei Abbeville aufgehalten und ein wenig zurückgedrängt. Er telefonierte mit dem Generalstab in Paris, verlangte Unterstützung durch Panzer und Flugzeuge, war überzeugt, die deutschen Truppen stoppen zu können. Die Antwort war eine kalte Dusche: „Ziehen sie sich zurück.“ Der Generalstab unter Marschall Pétain, Sieger von Verdun im Ersten Weltkrieg, hatte eine andere Vorstellung. Der Vormarsch der deutschen auf Paris sei nicht aufzuhalten.

Ein junger Offizier der psychologischen Kriegsführung erlebte die Auseinandersetzung mit. Er bot Charles de Gaulle an, vor ein Mikrofon zu treten und über Abbeville und seine Einschätzung der Lage zu reden. De Gaulle war skeptisch, ließ sich schließlich überzeugen. „Sie haben das Wort“, erklärte der junge Mann ihm und zeigte ihm eine andere Waffe als die der Panzer, der Flugzeuge, Kanonen und Gewehre.

Oberst de Gaulle war zu diesem Zeitpunkt Befehlshaber der vierten französischen Division. Die Ansichten des Obersten und die der militärischen Führung lagen weit auseinander. Marschall Pétain, Sieger der Schlacht von Verdun, sah in dem Überfall auf Frankreich eine Reaktion der Deutschen auf den Ersten Weltkrieg und eine Abrechnung mit Frankreich.

Zweite Front

Charles de Gaulle war der Meinung, dass die Deutschen einen Weltkrieg heraufbeschworen hatten. Er beschwor die Generalität, das französische Afrika Korps gegen die Deutschen einzusetzen, eine zweite Front zu eröffnen und Frankreich zu retten. Marschall Pétain und seine Generäle hingegen stellten sich gegen de Gaulle.

Wer war dieser widerspenstige, 1,95 Meter große Offizier, der stets anderer Meinung war als die herrschenden Auffassungen? Dieser Mann, der stets auch Widerstand gegen sich selbst erzeugte, weil er ein strategischer Querdenker in einer Zeit war, in der die Generalität auf Verteidigung eingestellt war, er selbst aber auf Offensive und Modernität für die Armeen und die Kriegsführung forderte?

Charles André Joseph Marie de Gaulle wurde am 22. November 1890 in Lille geboren. Der spätere General und Staatspräsident wuchs in einer Familie auf, die konservativ katholisch einerseits, sozial intellektuell andererseits geprägt war. Seine Großmutter war Schriftstellerin, sein Großvater Historiker. Sein Vater war Lehrer an katholischen Schulen. Die Vorfahren gehörten zum normannischen und burgundischen Landadel. Seine Mutter kam aus einer wohlhabenden Unternehmerfamilie aus Lille und blickte auf Vorfahren aus Irland, Schottland, Deutschland und Frankreich zurück.

Innerlich zerrissene Armee

De Gaulle wuchs auf in der Zeit, in der die französische Armee innerlich zerrissen war, in der der Antisemitismus in ihren Reihen sich durch die Dreyfus-Affäre bemerkbar machte. Die Streitschrift „J’accuse“ von Emile Zola setzte die französische Armee auf die Anklagebank. Ein damals unerhörter Vorgang. Die Familie de Gaulle stellte sich in ihrer intellektuellen Einstellung auf die Seite des jüdischen Offiziers Dreyfus.

Der zum Querdenker erzogene de Gaulle trat 1908 in die Offiziersschule Saint Cyr ein. Vier Jahre später verlässt er sie mit Auszeichnung, erhält sein Patent als Leutnant. Er tritt in das 33. Infanterieregiment unter der Führung von Oberst Philippe Pétain ein. Der Weg beider Männer wird sich bis 1940 stetig kreuzen.

De Gaulle war ein unbequemer Offizier. Er wird in Verdun verletzt, gerät in Kriegsgefangenschaft, versucht fünf Mal zu fliehen, ohne Erfolg. Reaktiviert in Metz, kritisiert er den Bau der Maginot-Linie, von der er prophezeit, dass die Deutschen sie umgehen werden. Er fordert die Schaffung der Position des Oberbefehlshabers für die in sich zerstrittenen französischen Streitkräfte, dem die alleinige Entscheidungsbefugnis zugebilligt werden sollte.

Er ist der Meinung, dass ein neuer deutsch-französischer Krieg kein Grabenkrieg mehr sein würde, sondern ein mobiler. Er fordert den Aufbau mobiler Panzer-Einheiten mit entsprechender Luftunterstützung. Und er fordert eine Berufsarmee. Das ist seine in den 1930er Jahren entwickelte Vorstellung eines „modernen Krieges“. Die Generäle in Paris aber kleben an den Vorstellungen des Ersten Weltkrieges. Nur: In Berlin werden de Gaulles Warnungen General Guderian zugespielt, der später den Beinamen „Panzergeneral“ erhalten wird.

Allein in London

Am 1. Juni1940 macht Ministerpräsident Paul Renaud Charles de Gaulle zum Staatssekretär und verantwortlich für die Beziehungen zu Großbritannien. Am 6. Juni erhält er den „zeitweiligen“ Rang des Brigadegenerals. Im Kriegsrat verlangt de Gaulle eine Offensive gegen die Deutschen, wehrt sich gegen den Gedanken eines Waffenstillstandes. Petain bricht die Diskussion ab, will einen Waffenstillstand mit Hitler. Der provisorische Regierungssitz wird von Paris nach Bordeaux verlegt.

Deutsche Truppen nehmen Paris am 14. Juni 1940 ein. Am 16. Juni tritt Ministerpräsident Paul Reynaud zurück. Als Nachfolger wird Marschall Philippe Pétain vereidigt, der am 17. Juni Deutschland einen Waffenstillstand anbietet. Am 22. Juni wird er in dem Eisenbahnwagen unterzeichnet, in dem der Waffenstillstand am Ende des Ersten Weltkrieges unterzeichnet wurde. In Bordeaux erhält de Gaulle von Paul Reynaud aus einem Geheimfonds die Summe von 100.000 Goldfranken und die Schlüssel zu einer ihm gehörenden Wohnung in London.

Er reist am 17. Juni 1940 von Bordeaux nach London, wo er Churchill trifft. Das Treffen zwischen beiden wird in dem Film „de Gaulle“ dokumentiert. „Sie sind ganz allein“, sagt Churchill. „Aber ich habe das Wort“, soll de Gaulle geantwortet haben. Churchill bietet ihm gegen den Widerstand seiner Regierung an, über die BBC eine Rede an die Franzosen zu halten. De Gaulle arbeitet die Nacht über daran.

Am 18. Juni 1940 um 19.00 sitzt er in einem Studio der BBC und fordert die Franzosen zum Widerstand gegen die Besatzer auf. Diese Rede gilt als die wichtigste in seinem Leben. Die Rede wird direkt ausgestrahlt. Sie wird in den folgenden Tagen mehrfach wiederholt. Die Zeitungen im unbesetzten Süden Frankreich berichten über sie. Die Substanz der Reden wird in Tausenden von Plakaten in Frankreich verbreitet. De Gaulle hat mit ihr die psychologische Kriegsführung gegen die deutsche Besatzung begonnen und die „Résistance“ aus der Taufe gehoben.