LUXEMBURG
MONIQUE MATHIEU

… wäre heute 100 Jahre alt geworden - Fast 40 Jahre lang fügte Pir Kremer unermüdlich Vers an Vers und verfasste so eine lebendige Chronik über das Leben in Luxemburg in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Als „Satiriker, Kabarettist, Lyriker, Hörspielautor“ bezeichnet das Luxemburger Lexikon, das 2006 in Erstauflage im Verlag Binsfeld erschien, den am 17. August 1919 geborenen Pir Kremer. Hinter diesen Bezeichnungen verbirgt sich ein Radiomann, Revueschreiber, Liedermacher, Autor und Poet, aber auch ein Verfechter des „Lëtzebuergeschen“ und, ganz simpel, ein Mensch.

In seinem 80jährigen Leben verfasste Pir Kremer hunderte Gedichte und Sketche über das Alltagsgeschehen, von denen etliche über ihre Zeit hinaus ihre Wirkung und Aussagekraft behalten haben. Ein Teil hiervon wurde in Buchform veröffentlicht: Zwischen 1971 und 1989 erschienen der Reihe nach: „Zesummmegepiktes“ (1971), „Repikéiert“ (1976), „Nogepiktes“ (1982) und „Kanner feiere frou Fester“ (1984), sowie „Pik As. En Owend fir de Pir Kremer“ (1989), das auf dem Programm basiert, das zum 70. Geburtstag des Autors von seinen Freunden zusammengestellt wurde, sowie „Méi wéi honnert Pärelen“ (1994), das zum 75. Geburtstag bei „Les Cahiers luxembourgeois“ erschien.
Zwischen 1962 und 2000 schrieb Pir Kremer ganze „Revuen“, die seinerzeit vom Lëtzebuerger Theater alljährlich auf der großen Theaterbühne präsentiert wurden, oder Teile davon; insgesamt ist sein Akronym „Pik“ 24mal in den Programmheften zu finden. Im Rahmen der „Revue“, aber genauso außerhalb, entstanden weit über 200 Lieder, viele davon wurden von Jean-Pierre Kemmer oder anderen Komponisten vertont. Über 20 Schallplatten nahm Pir Kremer allein oder zusammen mit Freunden auf. So betitelte die Zeitschrift „Revue“ ihn 1967 in einem Artikel als „unseren nationalen und einzigen Chansonnier“, während Fernand Hoffmann ihn in seiner „Geschichte der Luxemburger Mundartdichtung“ „einen wahren Meister des Bänkelsangs“ nannte.

Am 7. Juni 1964 ein erstes Mal, und danach 35 Jahre lang war an jedem Sonntag bei RTL das von Pir Kremer redigierte „Staminet“ zu hören, in dem er als Michel, zusammen mit Freund Meyer (Léon Blasen) und Emmeli (Micky Erpelding, später Emilie Cao), und bald auch Tata Sidonie (Tilly Jung) bei einem Gläschen Moselwein das Wochengeschehen aus der Sicht „des kleinen Mannes“ in Form einer lockeren Plauderei auf die Schippe nahm.

Pir Kremers Sketche und Verse waren stets so formuliert, dass sie zwar unmissverständlich Fehlzustände anprangerten, aber nicht verletzten. „Wéi gedoen hunn ech ni engem, wollt dat jiddefalls ni (...). Wann s de een an der Satir an den Himmel luefs, dann ass dat heinsdo méi, wéi wann s de en an der Roserei op d’Schëpp hëls“, gab er 1976 Josy Braun im tageblatt zu Protokoll. Und ja, Pir Kremer verfasste auch mit einer gewissen Freude Werbetexte, ob für die Brasserie Nationale („Sidd gudder Deng mat Bofferdeng“), Seligmann, Galerie Moderne oder Marken wie Knorr oder Triumph – die Liste ist sehr lang (insgesamt 58 Auftraggeber gibt das Centre national de littérature an), und stellt ihrerseits einen Teil der Sozialgeschichte des Landes dar.

Am 17. August 1919 in Koerich, im Westen des Landes, als Ältester von zwei Söhnen geboren – sein Bruder Jemmy (Jean-Pierre) kam 1921 zur Welt –, wuchs Pir Kremer in einer Welt zwischen den Kriegen auf, die von harter Arbeit geprägt war. Sein Vater Jean-Pierre führte zusammen mit seiner Frau Marie, die aus einer zehnköpfigen Geschwisterschar einer tief in Koerich verwurzelten Familie stammte, einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb und arbeitete, wie viele seinerzeit, zusätzlich in der Hütte in Steinfort.

Lëtzebuerger Journal

Nach der Primärschule in Koerich, in der Pir lernte, dass das Leben außer Arbeit auch ästhetische Seiten hatte – der Lehrer nahm die Kinder zu Ausstellungen mit –, besuchte „Kréimesch Pir“, wie man ihn in „Käerch“ nannte, die Handwerkerschule in der Hauptstadt und machte dort eine Lehre als Mechaniker. „Zu anderen Studien reichte es nicht, weil der Vater die Auswirkungen der Stilllegung der Steinforter Hütte (diese erfolgte 1931) zu spüren bekommen hatte“, heißt es 1976 in der Illustrierten Revue. Denn eigentlich war Pir Kremer ein sehr begabter Schüler.

1936 eröffneten „Ponts&Chaussées“ ein Laboratorium zur Prüfung ihrer Materialien in der Handwerkerschule und stellten auf Empfehlung des Schuldirektors Pir Kremer ein. Hier arbeitete er demnach als der Krieg kam, und blieb vom Schlimmsten – dem Einzug in die Nazi-Armee – verschont. Anders sein Bruder Jemmy, der die deutsche Uniform tragen und an die Front musste. Pir sollte ihn nie wiedersehen – 1949 wird er als „verschollen“ ins Koericher Einwohnermelderegister eingetragen.

Bei den „Ponts&Chaussées“ wechselte Pir Kremer recht bald in die Buchhaltung, wo er sich bis zu seiner Pensionierung als „Commis principal“ im Jahr 1982 mit Zahlen und Budgets befasste. Anfangs legte er den Weg von Koerich nach Luxemburg-Stadt mit dem Fahrrad zurück, nahm manchmal auch den Bus. 1953 dann zog er mit seiner Frau Alice Kass, die er 1948 geheiratet hatte, und die ebenfalls ein Koericher Mädchen, aber acht Jahre jünger als er war, nach Luxemburg-Merl. „Hie war ëmmer pënktlech wéi eng Aierchen“, sagt mir seine Tochter Danielle, die 1956 zur Welt kam. Den Weg zum Büro und nach Hause, ca. zwei Kilometer, legte er zu Fuß zurück, viermal am Tag, kam er doch zum Mittagessen fast immer nach Hause.

Pir Kremer starb am 28. März 2000 in der „Clinique Sacré Coeur“, nach einer kurzen aber heftigen Erkrankung. Im gleichen Jahr verschieden auch seine „Staminet“-Mitstreiter und Freunde Léon Blasen (Januar 2000) und die zwanzig Jahre jüngere Micky Bintz-Erpelding (Juli 2000). Im November 2018 übergab die Familie seinen Nachlass dem „Centre national de littérature“ in Mersch sowie dem „Centre national de l’Audiovisuel“ in Düdelingen.

Auf drei oder vier Tageszeitungen sei er abonniert gewesen, wissen die Journalisten zu berichten, die Pir Kremer im Laufe der Zeit interviewten oder porträtierten. Und öfters sei er auf der Zuhörertribüne in der „Chamber“ gesehen worden, heißt es - was ich bezeugen kann. Seine Tochter bestätigt: Neutral sei ihr Vater gewesen, „an de Walen huet e panachéiert“, verrät sie mir. Einige seiner Gedichte und Texte lassen aber klar erkennen, dass in ihm ein wenig ein „Grüner“ schlummerte, zu einer Zeit, als sich diese Partei noch im Bildungsprozess befand. Hierzu ein Auszug aus dem Gedicht „Se bauen eng nei Autobunn!“:

Et kraache Beem, et briechen Äscht,
De Buedem ziddert wéi laang no
‘t war enger aler Buch hiert lescht,
Eng Éiwegkeet laang stong se do.
E Bagger wullt sech duerch d’Gesträich,
En haust méi schlëmm wéi en Taifun.
E Bulldozer mécht alles gläich.
Se bauen eng nei Autobunn.
D’Jorhonnerten hunn e gebuer.
De Bësch, dat schéinste Stéck Natur.
Eng Woch déi gong der Technik duer,
Du war e fort, ewéi geschuer.

Lëtzebuerger Journal

Pir Kremer galt allgemein als bescheiden, hielt er sich doch bei den vielen gesellschaftlichen Ereignissen, bei denen er ein gern gesehener Gast war, stets diskret im Hintergrund auf. Wollte er sich so schlicht eine gewisse Distanz bewahren, seine dichterische Freiheit als Chronist des Tagesgeschehens nicht in Gefahr bringen? Ähnlich vermerkt es Evy Friederich 1976 in der Wochenzeitschrift Revue: „Allerdings hat sich bei Pir Kremer etwas in seinem Verhältnis zu den Menschen, die er auf die Bühne oder vor das Mikrophon stellt, geändert. Kannte er anfangs wohl selbst alle Politiker, so kannten sie ihn nicht. Heute ist bei seiner Popularität dadurch manches, auch das Verhältnis zwischen ihm und ihnen, anders geworden. Wodurch jedoch die Satire keineswegs geschmälert wird“.

In Merl wohnte Pir Kremer Tür an Tür mit LSAP-Politiker und Minister Robert Krieps, der ihm zum Siebzigsten in „PikAs“ schrieb: „(…) Voilà plus de 35 ans que nous habitons deux maisons une à côté de l’autre. Nous nous voyons presque tous les jours, brièvement, et échangeons des propos sans importance, tantôt des commentaires plus pointus sur des sujets divers. Si l’on pouvait faire un décompte exact, c’est de la bêtise humaine que nous nous sommes le plus souvent soit indignés soit amusés. Nous ne sommes pas près d’épuiser le sujet. C’est donc en âme et conscience que je puis affirmer que lorsque Pier Kremer épingle les sots ou ridiculise les orgueilleux, il est d’une entière sincérité. Je pense qu’il répond à un besoin naturel, à moins qu’il y voie une mission prophylactique. Dans l’une comme dans l’autre hypothèse, il a joué et continue à jouer un rôle salutaire en réduisant à leurs justes proportions ceux qui se croient des privilèges et s’arrogent des pouvoirs sur les autres, oubliant trop facilement qu’ils sont là pour servir (…).“

Abgesehen von den ihm zu Ehren organisierten Pir Kremer-Abenden zum 70. und 75. Geburtstag, wurden Pir Kremer zwei Ehrungen Zeit seines Lebens zuteil: 1994 wurde er als Mitglied ins Institut grand-ducal, in der Sektion „Arts et Lettres“, aufgenommen. Fünf Jahre zuvor hatte ihm die „Actioun Lëtzebuergesch“ die Silberplakette für seine Verdienste um die luxemburgische Sprache zuerkannt. Anlässlich der Überreichung dieser Anerkennung las Pir Kremer den Anwesenden sein unter dem Titel „Steiwe Buedem un de Schong“ verfasstes Autoporträt vor, in dem es in der dritten Strophe heißt:

Ech koum vum Duerf,
déi Sprooch
déi d’Leit do schwätzen
hat ech gären.
Déi einfach Sprooch,
vun där ganz vill
an héichgeléiert Hären
behaapte se wier arem,
a se wier beileiwen
net ze gebrauchen
fir ze dichten an ze schreiwen.
Ech hu probéiert,
an hei an do een Ee geluegt.
Ech ginn et zou: eng Poesie,
hunn ech ni fäerdeg bruecht.
Ma vläicht ass iewer alt
eppes Klenges mer gelong,
trotz mengem
steiwe Buedem un de Schong.

Der Boden an den Schuhen war zwar haften geblieben, aber die Feder konnte Pir Kremer dennoch grazil und unermüdlich führen. Hatte er seine ersten Sketche und Theaterszenen vor dem Zweiten Weltkrieg für Lokalvereine in Koerich geschrieben, so nahm er – soweit bekannt – erst Anfang der 60er Jahre das Schreiben wieder auf, um ab diesem Moment unheimlich produktiv alles zu Papier zu bringen, was seine Aufmerksamkeit auf sich zog.

Uns, unserem Land, sind somit viele Gedichte und Texte geblieben, die über die Zeit hinaus immer wieder in Abendprogrammen und in Text- und Gedichtsammlungen (wie „e buch am zuch“ oder Schulbüchern) aufgegriffen werden, und uns ein Lächeln – wenn nicht gar ein Lachen – aufs Gesicht zaubern, und uns gleichzeitig zum Nachdenken anregen. Auch sind einige seiner bekanntesten Liedertexte, wie etwa die „Reportage“ „FC Schinnegebees géint Sportveräin Flappeg“ oder „Mir sinn um Dill“, von Colette a Fernand gesungen, heutzutage auf YouTube zu hören – Neuzeit verpflichtet. Andere wurden von aktuellen Bands aufgegriffen. So findet sich beispielsweise auf dem Album „Kale Bauer“ der Hiphop-Band The Läb ein „Tribut un de Pir Kremer“ in Form des Gedichts „Meeschterwierk“: Auf neuproduzierter Hintergrundmusik liest der Autor mit dem unverkennbar rollenden „R“ den Text selber.

Umso ernüchternd mutet es an, dass es bis heute – fast zwanzig Jahre nach dem Tod von Pir Kremer – nur eine einzige Straße in ganz Luxemburg gibt, die seinen Namen trägt, und diese befindet sich …auf Belval. Auf meine Nachfrage hin nach dem Warum dieses Engagements bekam ich zur Antwort, dass Bürgermeister George Engel 2006 die drei neuen Straßen auf Belval jeweils nach einem großen Luxemburger Politiker, Künstler und Sportler habe benennen wollen. Zurückbehalten wurden die Namen Robert Krieps, Pir Kremer und Charly Gaul. Und so sind Pir Kremer und Robert Krieps auf Belval wiederum „Nachbarn“… Es wäre aber längst an der Zeit, Pir Kremer sowohl in der Hauptstadt – wo er einen Großteil seines Lebens verbrachte – als auch in seinem Heimatort Koerich mit einer Straßenaufschrift zu gedenken. Oder, so mag man sich fragen, hapert es an der politischen Aufgeschlossenheit, bzw. am Bewusstsein für unser luxemburgisches Literaturgut, dass sich hier noch nichts getan hat?

Hier eines seiner Gedichte aus aktuellem Anlass, und weil Pir Kremer stets die Einladung aus dem Stadthaus wahrnahm, am offiziellen Spaziergang zur Fouer-Ouvertüre teilzunehmen:

Schueberfouer

Béierzelter an Tamtam
Frittebuden a Reklamm
Kreesch! Spektakel! Duercherneen!
Käpp! Gesiichter! Ärem! Been!
Tromm an Troter! D’Uergel! D’Schell!
Zinglabum! Kaméidi! Knäll!
Alles mateneen am Chouer:
Schueberfouer!

Fritten, Nougat, Knätschgumm, Zipp.
Thüringer an aner Wipp.
Eisekuchen, Poulet, Fësch.
Méi an och alt manner frësch.
Lutschen, flutschen, knätschen, knaen.
Déifverwonnert Kanneraen.
Glimmer, Glanz, Flimmer a Flouer.
Schueberfouer!
Heel- a Botz- a Fleckemëttel.
Haut bezuelt ee just en Drëttel.
Bijouen déi ni verraschten.
An trotzdeem ganz wéineg kaschten.
Nei Patenter an al Tricken.
Honnert Frang eng Dose Bicken.
Vill versprach a wéineg wouer.
Schueberfouer!