LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Paul Galles von der Young Caritas erhält den „Europäischen Bürgerpreis“ 2016 - Warum er?

Um das Handgelenk trägt er zahlreiche Stoffbändchen und die Locken sind etwas länger als bei vielen Angestellten. Kein Wunder, Paul Galles ist in der Jugendarbeit aktiv. Der Luxemburger kommt damit zu Ehren. Das Europäische Parlament hat ihn zusammen mit 49 weiteren Personen ausgezeichnet. Er erhält den „Europäischen Bürgerpreis“ 2016 und ist somit der Laureat Luxemburgs. Vorgeschlagen hatte ihn Viviane Reding, die CSV-Mitglied ist. Galles selbst ist seit langem in der Kirche verwurzelt und arbeitet als Koordinator für den Freiwilligendienst der Young Caritas in Luxemburg. Der 43-Jährige beschäftigt sich mit sozialer Inklusion und vor allem mit Flüchtlingsfragen.

Herr Galles, was machen Sie bei der Young Caritas?

Paul Galles Seit fünf Jahren arbeite ich für den Service Young Caritas, der ein breitgefächertes Angebot für Jugendliche hat. Meine Aufgabe ist es, die Jugendlichen zu koordinieren, die sich freiwillig in solidarischen Projekten für Menschen in schwierigen Lebenslagen einsetzen. Früher habe ich für die Kirche Jugendarbeit gemacht, unter anderem das Projekt „pimp my church“, da ging es um eine Kirche für junge Leute. Innovativ war, dass sie ihre Ideen selbst umsetzen konnten. Aber zurück zu Young Caritas: Da geht es darum, den Blick der Jugendlichen auf die soziale Realität zu richten. Jugendliche sehen die Welt oft ganz anders. Da muss man hinschauen und fragen, wie kann man Erfahrungen teilen. Bei unseren Freiwilligen-Projekten machen 200 bis 250 Leute mit, die keine Mitgliedskarte haben, einfach, weil sie motiviert sind. Der Nachteil ist, dass man nicht immer auf jeden zählen kann.

Was haben Sie gedacht, als Sie von der Preisverleihung erfahren haben?

Galles Ich war sehr überrascht und gleichzeitig erfreut, als der Anruf kam, denn ich wusste gar nicht, dass ich nominiert bin. Für mich ist meine Arbeit selbstverständlich. Deshalb gibt mir die Auszeichnung auch zu denken. Vielleicht muss der Einsatz an der Seite der Flüchtlinge noch selbstverständlicher werden. Ende September werde ich den Preis entgegennehmen.

Warum setzen Sie sich so für Flüchtlinge ein?

Galles Meine allererste Motivation, mich für die Flüchtlinge zu engagieren, stammt aus den Erzählungen meines Großvaters, der mit meiner Oma während der Rundstedtoffensive 1944 Flüchtling im eigenen Land war. Dabei ist mir schlagartig bewusst geworden, dass nicht nur ihr Leben, sondern damit auch mein Leben am seidenen Faden hing. Und deswegen habe ich mich entschieden, mich für all jene Menschen einzusetzen, deren Leben ein stärkeres und sichereres Seil braucht.

Was machen Sie konkret?

Galles Ich will Menschen in Bewegung bringen. Dann gilt es auch, die Solidarität mit Flüchtlingen bei Young Caritas von der professionellen Flüchtlingsarbeit der Caritas zu unterscheiden. Uns ging es darum, Flüchtlingen eine Identität und eine Stimme zu geben. Das haben wir beispielsweise mit dem Projekt „Living Library“ erreicht. Da haben Flüchtlinge an 15 Schulen im Land den Schülern von ihrem Schicksal erzählt. Solche Konzepte anzuwenden, erfordert Mut. Die Schüler reagieren darauf sehr positiv. Einzelne Klassen haben Flüchtlinge nochmal eingeladen. Persönlich finde ich es unendlich bereichernd, sich mit Flüchtlingen überhaupt und mit Menschen in prekären Situationen zu befassen.

Waren Sie deshalb in Calais?

Galles Dort war ich im November vergangenen Jahres mit drei Jugendlichen, Sabrina, Tom und Moreno aus Luxemburg. Wir hatten eine Einladung von der Caritas Frankreich. Da Fernsehteams von RTL Lëtzebuerg und von France 3 vor Ort waren, fand das starke Beachtung. Unser Ziel war, konkret zu helfen. Deshalb haben wir unter anderem geholfen, Hilfsgüter zu verteilen. Die zweite Aufgabe war: Hinsetzen und zuhören. Das war sehr intensiv. Die Geschichten, die man da hört, sind wirklich berührend.

Was halten Sie von der Integration der Flüchtlinge in Luxemburg?

Galles Ich glaube, dass Luxemburg da noch in einem Lernprozess steckt. Flüchtlinge sind oft Opfer dramatischer Erlebnisse, wollen aber nicht dauerhaft in einer Opferrolle gefangen bleiben, sondern aktiv ihr Leben gestalten. Sie haben Ansprüche, berechtigte wie auch sicher manchmal überzogene. Sie sind mündig und machen uns auf Probleme aufmerksam, die wir nicht so sehen.

Welche Pläne haben Sie?

Auszeichnung

Europäischer Bürgerpreis

Der Preis wird seit 2008 vom Europäischen Parlament an Projekte und Initiativen verliehen, die die grenzüberschreitende Zusammenarbeit und das Verständnis innerhalb der EU erleichtern. Jeder Abgeordnete kann einen Kandidat nominieren. Das kann eine Person, eine Gruppe oder eine Organisation sein. Eine internationale Jury, bestehend aus drei Abgeordneten, ordnet die Nominierungen nach Präferenz. In der Jury für Luxemburg saßen Georges Bach (PPE), Mady Delvaux (S&D) und Claude Turmes (Grüne/ALE). Paul Galles folgt Tessy Fautsch. Die 34-jährige Krankenschwester, die für den MSF arbeitet, war 2015 ausgezeichnet worden.

Galles Das Young Caritas Netzwerk in Europa soll ausgebaut werden. Jedes Jahr sollen Jugendliche aus vielen Ländern zusammenfinden. Letztes Jahr fand ein Treffen in Montenegro statt. Dieses Jahr begegnen sich 500 Jugendliche in Frankreich, darunter auch eine Gruppe aus Luxemburg. Europa ist wichtig. Es ist eine Solidargemeinschaft. Ich rede oft mit den Jugendlichen darüber. Es gibt politische, historische, geographische und wirtschaftliche Beschreibungen. Für mich sind nicht die Grenzen entscheidend, sondern das Zusammenfügende. Ich finde die Idee des Zusammenlebens so unterschiedlicher Kulturen und Menschen faszinierend. Das setzt Anerkennung voraus, aber auch eine eigene Identität. Das ist der Inhalt von Respekt und Toleranz. Ich bin ein sehr gläubiger Mensch. Das wird heute ja oft kritisiert. Mir hat die Äußerung des französischen „Rockerpriesters“ Guy Gilbert gefallen, der meinte, man solle als Christ so leben, dass es den Menschen unmöglich wird, an der Existenz Gottes zu zweifeln.