LUXEMBURGCORDELIA CHATON

Interview mit der amerikanischen Soziologin Prof. Saskia Sassen über Brutalität,

Saskia Sassen will nicht mehr bleiben. Die amerikanische Soziologin unterrichtet an der angesehenen Columbia University in New York. Aber die in den Niederlanden geborene Forscherin und Autorin wird die USA verlassen. Ein Land, in dem Brücken einstürzen und den Reichsten die Ärmsten gleichgültig sind, ist nicht für sie gemacht, erklärte sie den Zuhörern während des Symposiums in Sankt Gallen. Der fehlende Mittelstand sei eine Gefahr für die Wirtschaft, die es auch in Europa gebe.

Prof. Sassen, warum schreiben Sie über die Brutalität der Wirtschaft?

Prof. Saskia Sassen Zurzeit werden Krisen oft als Erklärung herangezogen. Aber ich sehe Finanzakteure als die treibende Kraft unserer Epoche. Finanzen brauchen die Krise, sie arbeiten mit Krisen. Nach jeder Krise steigt der Profit. Was unsere Epoche außerdem noch auszeichnet, ist das Thema Ungleichheit. Ich schaue mir bekannte Trends an und versuche den Moment zu erwischen, in dem die Trends extrem werden. Das ist der Zeitpunkt, an dem ich von systemischen Kanten spreche. Das bedeutet: Ein bekanntes Phänomen wird so extrem, dass unser Gehirn es nicht mehr erfasst.

Können Sie ein Beispiel für eine systemische Kante geben?

Prof. Sassen Wenn 30 Prozent der Griechen arm sind, fällt das aus dem Rahmen. Ich sehe das als wirtschaftliche Säuberungsaktion. Wenn die Europäische Zentralbank auf solche Länder zeigt, geht es um bei Konzernen übliche Indikatoren. Derzeit wird in Athen aufgekauft, weil alle wissen, dass Griechenland zurückkommt. Ich gehe auf den Bruch in Europa ein, denn die statistischen Daten sind da, sie sind gut - und die Situation ist extrem. Europa hatte eine gute Idee, als es Gesundheit und Hilfe für Arbeitslose einführte. Aber das wird immer weiter beschnitten. Meine Botschaft ist: Wir stecken alle in den größten Schwierigkeiten. Wir haben zu viele systemische Fragen.

Wer leidet darunter?

Prof. Sassen Mit der Krise hat der Mittelstand 56 Prozent seiner Arbeitsplätze verloren. Es entstanden nur 24 Prozent neu. Das heißt: Die Mittelschicht bricht weg. Das Beste, was einer Stadt passieren kann, ist eine gute, breite Mittelschicht. Wenn die nicht da ist, leiden alle, allen voran die Wirtschaft. Aber solche Entwicklungen werden mit Worten zugedeckt. Wir reden beispielsweise vom Klimawandel. Was wir in Wirklichkeit meinen, sind totes Land, totes Wasser. Es geht doch um die Resultate.

In den USA gab es immer den Traum vom Tellerwäscher, der Millionär wurde. Funktioniert das noch?

Prof. Sassen Eher in Indien als in den USA. Dort wächst der Mittelstand. Wenn er schrumpft, ist das schlecht für eine Gesellschaft. In den USA sind brillante Geister wie Bill Gates eine Ausnahme. Wenn der Mittelstand wächst, bietet das auch enorme Chancen für kleine und mittlere Unternehmen. Aber das fehlt in den USA. Hier werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer. Aber die Politik reagiert nicht. Gerade erst haben die Amerikaner gegen Obamacare gestimmt. Die Mittelschicht, die seit 1800 in den USA anstieg, befindet sich auf dem absteigenden Ast. Das ist in den USA extrem, aber es beginnt auch in Europa.

Sie beraten in Europa viele Regierungen. Was bemerken Sie hier?

Prof. Sassen Die Staaten haben durch die Privatisierung Geld, Wissen und Kapazitäten verloren. Da brauchen wir wirklich Änderungen. Wenn ich jetzt in Europa bin, bemerke ich die steigende Armut; auch in eigentlich reichen Ländern wie Deutschland. Die Niederlande streichen die Renten zusammen. Es ist eine schwere Zeit, der Ausgleich wird schwieriger. Wo die Extreme hinführen, sieht man in den USA: Dort bricht jede Woche eine Brücke zusammen, schon 15.000 sind es. Aber es gibt kein Geld, obwohl die Banken darauf sitzen. Die USA haben acht Trillionen Dollar über ihre Zentralbank nach Europa geschoben, um das globale Bankensystem zu schützen. Aber für die wirklich wichtigen Dinge ist kein Geld da. Die Menschen haben Monster geschaffen, die sie nicht mehr beherrschen.

Das klingt nicht so, als ob Sie in den USA glücklich wären…

Prof. Sassen Die USA werden mehr und mehr zu einem Land, das Politik nicht mag. Es gibt eine Mischung aus extremer Politik und Ignoranz. Ich verbringe immer mehr Zeit in London. Dorthin werde ich umziehen. Die Leute sind kritischer. Mein Mann und ich ziehen Europa den USA heute vor.