COLETTE MART

Das Thema der Multikulturalität ist ein politischer Dauerbrenner in einem europäischen Kontext, in dem in einigen Ländern Parteien glauben, gegen Migration und Flüchtlingsströme aus dem Orient und aus Afrika mobilisieren zu müssen. Um die Nord-Süd-Beziehungen, sowie auch in vielen Fällen das Armutsgefälle zwischen den Industrienationen und den Entwicklungsländern besser zu verstehen, lohnt sich stets ein Blick auf die Geschichte.

Letztere stand dieses Wochenende im Mittelpunkt mit den Gedenkfeiern an das Ende des Ersten Weltkriegs im November 1918. Der Krieg, der bis heute ein Symbol menschenverachtender Politik ist, offenbarte anlässlich der Feier in Paris zaghaft, aber trotzdem, die Implikation der ehemaligen europäischen Kolonien auf den Schlachtfeldern zwischen 1914 und 1918. Eine afrikanische Sängerin, Angélique Kidjo, rührte nämlich an die Opfer der Kolonialtruppen im Ersten Weltkrieg.

„Le Monde“ spricht von etwa 500.000 zwangsrekrutierten Afrikanern aus den ehemaligen französischen Kolonien, derweil die Briten ihrerseits auch 200.000 Soldaten aus ihren Kolonien in Europa in die europäischen Schützengräben geschickt hatten. Des Weiteren wurden auch Afrikaner auf dem „schwarzen Kontinent“ selbst eingezogen, und es wird insgesamt von 1,5 bis 2 Millionen toten afrikanischen Soldaten im ersten Weltkrieg gesprochen. Des Weiteren wurden während dieser ersten europäischen Apokalypse des 20. Jahrhunderts 100.000 Algerier und 40.000 Marokkaner nach Frankreich gebracht, um während des Krieges in der Rüstungsindustrie und auf den Feldern zu arbeiten. Es gab also, genauso wie im 2. Weltkrieg, Deportationen hunderttausender Menschen, über die heute niemand mehr spricht, die nie geehrt und gewürdigt wurden, was ohne Zweifel die Beziehungen zwischen Europa und seinen ehemaligen Kolonien bis ins 21. Jahrhundert nachhaltig prägte. Im belgischen Ypern, wo eine Million Soldaten im ersten Weltkrieg umgekommen sind, wurde im Rahmen des Museums „In Flanders Fields“ eine Forschungsarbeit zur Beteiligung von Afrikanern und Asiaten im Ersten Weltkrieg ausgeführt.

Letztere belegt, dass in Belgien Senegalesen, Maghrebiner, Inder, Chinesen, Nepalesen und viele andere Nationalitäten an den Kriegshandlungen beteiligt waren, dass diese Soldaten trotzdem diskriminiert wurden, in den ersten Reihen der Front ihr Leben lassen mussten, und auch nach dem Krieg keine Anerkennung für ihre Beteiligung an dem europäischen Massaker bekamen. Farbige Kriegsveteranen, die sich Aufstiegschancen erhofft hatten, bekamen nach dem Krieg keine Rente, kein Land, kein Wahlrecht, keine Anerkennung, keinen Dank. Dasselbe geschah am Ende des 2. Weltkrieges, und es ist davon auszugehen, dass die Unabhängigkeitsbewegungen in den Kolonien auch mit diesen Verbrechen gegen die Menschlichkeit während der zwei Weltkriege zu tun hatten. Hier und jetzt, wo es immer mehr politische Kräfte und auch Stimmen in der europäischen Bevölkerung gegen Migration und Flüchtlinge gibt, sollte wir uns als Europäer unbedingt an unsere historische Schuld erinnern, und der „Armistice“ sollte auch ein Moment des Nachdenkens über die Nord-Süd-Beziehungen und deren Zukunft sein.