LUXEMBURG
DANIEL OLY

Talent am Degen: Flavio Giannotte katapultiert sich an die Weltspitze

En Garde! Wer bei Fechten direkt an die drei Musketiere denkt, liegt nicht ganz so falsch, wie man annehmen könnte. Gut, zugegeben: Moderne Fechter stehen nicht so sehr auf schicke Hüte mit Feder, gekringelte Spitzbärte und Sonnenkönig-Overalls. Aber ehrenhafte Kämpfe, tja, die gibt es beim Fechten noch immer. Genauer gesagt: Sie sind es, die das Fechten spannend machen.

Das findet zumindest Flavio Giannotte. Der 24-jährige Luxemburger aus dem Elitekader des COSL weiß, wovon er spricht. „Es ist ein Nervenkitzel, ein Adrenalinhoch, es ist einfach unbeschreiblich“, erzählt er im Interview. Giannotte hat Ahnung - er gehört zur Weltspitze, erst vor kurzem machte er bei der Europameisterschaft in Düsseldorf den sehr guten 14. Platz.

Kopfsache und mit Herz dabei

Eine solche Leistung braucht vor allem eins: Erfahrung. „Ich fechte, seit ich neun Jahre alt bin“, erklärt Giannotte. „Ich komme aus einer Fechterfamilie, und meine Eltern wollten mich ein wenig davor bewahren, Angst vor dem Fechten zu bekommen“, weiß er weiter. „Deshalb habe ich erst so ,spät‘ damit begonnen. Ich wollte schon viel früher anfangen, zu fechten.“

Heute könne man schon viel früher anfangen, den Degen zu schwingen. „Die ganz jungen Fechtschulen bieten bereits Kurse ab fünf, sechs Jahren an.“ Sorgen sollten Eltern dabei keine haben: „Fechten ist enorm sicher, ohne Maske und Schutzkleidung geht da ja gar nichts“, weiß er. „Wer sich an die Regeln hält, dem passiert überhaupt gar nichts - eher legt man sich eine Verletzung zu, weil man umknickt.“ Na, wenn das alles ist.

Das Fechten selbst sei schnell erklärt: „Es geht nur um Punkte; wer die rund 14 Meter lange Piste verlässt, gibt einen Punkt an den Gegner ab. Und in meiner Disziplin, dem Degen, zählt einfach jeder Treffer am Körper“, erklärt Giannotte schnell. Wird gepunktet, müssen beide Fechter zurück zur Ausgangsposition, und das Spiel beginnt erneut. „In den Vorrunden wird so lange gefochten, bis jemand fünf Punkte hat oder drei Minuten vorbei sind. In den Hauptrunden sind es dann 15 Punkte“, meint er weiter. Klingt simpel, hat es aber in sich. „Besonders der Nervenkitzel, wenn man nur noch einen Punkt von der nächsten Runde entfernt ist, spornt natürlich doppelt und dreifach an.“

Da hinzukommen sei nicht leicht. Anfänger sollten sich deshalb darauf einstellen, dass das Fechten nicht nur ein körperlich, sondern auch geistig sehr anstrengender Sport ist. „Es läuft sehr viel im Kopf - die nötige Koordination, die Analyse des Gegners… das braucht Zeit und Erfahrung“, weiß er. Deshalb reist Giannotte quer durch ganz Europa, um immer neue Trainingspartner zu finden. „Da sieht man das übliche Problem in Luxemburg“, weiß er. So gebe es zwar ausreichend Fechtclubs mit teilweise bis zu 100 Mitgliedern und der nötigen Ausrüstung und Infrastruktur, um Anfänger problemlos zu empfangen.

Abschalten vor dem großen Kampf

„Auf dem Weltklasseniveau ist die Auswahl aber sehr bescheiden, und zum Training muss ich dennoch ins Ausland“, erklärt Giannotte. Da helfen auch modernste Hallen wie die in Esch nicht: Wenn es an Gegnern mangelt, muss man trotzdem woanders hin. Immerhin: So lernt man immer mal was Neues kennen und sieht viel von der Welt. Nachteile hat es aber auch: „Ich habe dadurch nicht gerade viele Kumpel in Luxemburg“, bedauert er - fügt aber auch hinzu: „Fechten ist ein Einzelsport, da ist das nicht ganz so schlimm.“

So sieht seine Vorbereitung auf ein Event wie die Europameisterschaft auch immer ähnlich aus: „Ich reise rund einen Monat zuvor viel herum, um so viel zu fechten wie möglich - ob in Kursen, Weiterbildungen oder Trainingscamps, zum Beispiel mit der französischen U20-Nationalmannschaft“, berichtet er. Zwei Wochen vor dem Event kommt er dann nach Luxemburg zurück, um sich den letzten technischen Feinschliff bei seinem Trainer abzuholen. „Dann habe ich die nötige Wettkampferfahrung in den Armen, Beinen und im Kopf, danach geht es noch um die Technik.“ Die letzte Woche verbringt er dann aber mit etwas völlig anderem. „Hauptsache den Kopf frei bekommen und nicht mehr ans Fechten denken“, erklärt er. „Karting, Klettern, irgendwas. Das löst den Druck, auch den mentalen Druck; und es macht heiß aufs Fechten beim Event.“ Das funktioniere nicht für jeden Fechter, habe sich in seiner Erfahrung aber bislang bewiesen.

Man merke deshalb denn auch schnell, dass sich die langen Jahre des Fechtens auszahlen. „Wer lange genug fechtet, hat so viele unterschiedliche Szenarien erlebt - und weiß dann, welche Reaktion die richtige ist“, sagt Giannotte. Mal im Ausfallschritt, dann wieder Parade. „Die besten Fechter sind deshalb zwischen 30 und 40 Jahre alt, wie die amtierenden Olympia-Sieger und Weltmeister. Mit meinen 24 Jahren bin ich noch fast ein Baby“, lacht er.

Trotzdem hat er sich bei der Europameisterschaft in Düsseldorf mehr als gut geschlagen. „Etwas mulmig war mir schon; einerseits hatte ich es mir schon gedacht, dass es ein gutes Wochenende werden könnte, denn ich hatte viel trainiert und gute Fortschritte gemacht“, weiß er zu berichten. „Andererseits ist es nur knapp ein Jahr her, dass ich eine schwere Verletzung erlitten habe und unters Messer musste. Ich wusste nicht so recht, ob ich jemals wieder so gut zurückkommen könnte.“ Im ersten Moment sei die Enttäuschung sogar noch sehr groß gewesen. „Ich war sauer, dass ich raus war. Aber nach einer Nacht Schlaf habe ich dann allmählich realisiert, was ich da erreicht habe“, sagt er. „Top 16 in der EU ist sehr, sehr gut. Aber es war eben auch etwas mehr drin.“

Das will er deshalb bei den kommenden Veranstaltungen unter Beweis stellen. So wird Giannotte an den Universiaden, den Hochschulmeisterschaften, in Neapel teilnehmen. „Mein Juli ist also schon geplant, danach kommt die Weltmeisterschaft in Budapest“, betont er. Das alles hat ein Ziel: Die Qualifikation für Tokio 2020. „Da sieht es bislang sehr gut aus. Ich habe auf jeden Fall Blut geleckt.“ Na dann: En Garde!