LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Roland Bastian, Landes-Chef von ArcelorMittal, über nationale Prioritäten

Luxemburg ist für ArcelorMittal ein besonderes Land. Zum einen, weil hier aus historischen Gründen der Konzernsitz ist, auch, wenn der CEO Lakshmi Mittal in London lebt. Zum anderen befinden sich im kleinen Luxemburg einige sehr unterschiedliche Werke, die für den Konzern wichtig sind, insbesondere das Stahlträgerwerk in Differdingen sowie Belval. Die Träger, die hier entstehen, werden in den neuesten und höchsten Wolkenkratzern der Welt verbaut. Langstahlprodukte werden auch in Rodange, Belval, Dommeldingen oder Esch hergestellt, während in Bissen ein innovative Drahtwerk steht. Gleichzeitig spielen hier Logistik, Energieverteilung sowie Forschung und Entwicklung eine große Rolle. Mit 3.851 Mitarbeitern ist ArcelorMittal Luxemburgs größter Arbeitgeber im Bereich Industrie. Besonders stolz ist der Stahlhersteller, der jede Präsentation mit einem Verweis auf die Unfallrate durchführt, auf die seit Jahren gesunkenen Fälle. In Bissen, Rodange, Dommeldingen und bei Sotel gab es gar keine Unfälle, doch in Differdingen starb 2019 ein Mitarbeiter eines Zulieferbetriebs. Dennoch können sich die Zahlen sehen lassen.

Foto: Editpress/Julien Garroy - Lëtzebuerger Journal
Foto: Editpress/Julien Garroy

Innovationen absichern

Luxemburg ist ein Hochlohnland und deshalb ist Innovation gefragt. So unterzeichnete ArcelorMittal 2019 mit dem „Luxembourg Institute of Science and Technology“ (LIST) einen fünfjährigen Kooperationsvertrag für Innovationen im Bereich Energieeffizienz. Hier konnte der Konzern auch gleich punkten, hat er doch für das Fernwärmeprojekt Sudcal in Belval den Umweltpreis des Industrieverbandes FEDIL erhalten. An der Universität Luxemburg finanziert der Konzern einen Lehrstuhl zum Thema „Corporate Responsibility“ und das Drahtwerk in Bissen nutzte Synergien bei der Integration in den Langstahlbereich so geschickt, dass der Verkauf um fünf Prozent stieg und 54 neue Mitarbeiter eingestellt wurden. Für Schlagzeilen in der Fachwelt sorgten über 21.000 Tonnen Histar-Stahl, die im höchsten russischen Gebäude verbaut wurden. Rodange wiederum lieferte Teile für den größten Hebekran der Welt, der 5.000 Tonnen wuchten kann – das entspricht 1.408 Elefanten.

Angesichts der weltweiten Klimadiskussion setzen auch die Luxemburger Werke auf mehr Energieeffizienz. Insbesondere im Werk Differdingen, das rund 700 Mitarbeiter beschäftigt und zur Langstahldivision gehört, wird das immer wieder thematisiert. Hier überwachen Mitarbeiter an Monitoren jeden Schritt und hier entstehen die höchsten, breitesten und schwersten Stahlträger der Welt. „Allein seit 2018 haben wir 27 neue Produkte auf den Markt gebracht“, betont Bastian. Die Zukunft ist rosig, denn, so rechnet er vor, der Markt für Wolkenkratzer steigt jährlich um rund zehn Prozent – und die sind ohne Stahl undenkbar. Neben Kostenoptimierung und Gewichtsreduzierung spielt auch Digitalisierung in Differdingen ein große Rolle. Drei Prozent der Produktion sind Ausschuss, doch der lässt sich problemlos wieder bei 1.800 °C einschmelzen.

Zwar kein Hochhaus, aber doch ein markantes Gebäude wird der neue Sitz von ArcelorMittal, der auf Kirchberg neben dem „European Convention Center“ entsteht. „In diesem Jahr beginnen wir mit dem Bau“, sagt Bastian. Und dann verweist er noch auf den Luxemburger Pavillon für die Weltausstellung. Der wird natürlich auch mit Stahl von ArcelorMittal gebaut.

ArcelorMittal über Vorwürfe der illegalen Entsorgung

„Die Wirklichkeit ist anders“

Anfang der Woche sorgte die Schlagzeile „Der illegale Giftmüll von Differdingen“ für Aufmerksamkeit. Reporter.lu berichtete, „der ‚Crassier‘ Differdingen dient nach wie vor der Entsorgung von gefährlichen Industrieabfällen. Eine Deponie verstößt gegen das Gesetz, die Behörden sind seit Jahren überfordert.“ Dazu nahm Roland Bastian, Landes-Chef von ArcelorMittal, Stellung. „Die Wirklichkeit ist anders“, versichert er. Historisch gesehen habe jedes Werk eine eigene Deponie gehabt, doch die Gesetze hätten sich mit der Agora-Gründung um das Jahr 2000 herum verändert und seither gebe es eine Konzentration auf Differdingen. „Hier gibt es drei Deponien“, zeigt Bastian anhand einer Karte. „Auf keiner von ihnen wird gefährliches Material gelagert“. Solche Gefahrenstoffe würden von Vertragsunternehmen außerhalb Luxemburgs entsorgt. Es gebe eine historische Deponie, die Ende 2021 geschlossen und bis 2023 begrünt werde und für die die Auflagen der ITM und des Umweltministeriums erfüllt seien. Auf einer zweiten Deponie würden risikolose Stoffe gelagert, man spreche mit den Behörden über das Vorgehen. Eine dritte Deponie schließlich werde als Bauschuttplatz genutzt. Am kommenden Mittwoch will Umweltministerin Carole Dieschbourg (déi gréng) im parlamentarischen Umweltausschuss Stellung zu der Problematik beziehen. CC