ECHTERNACH
NORA SCHLEICH

Peter Sloterdijk trug im Echternacher Trifolion vor und wusste zu provozieren

Viele Zuhörer wollten am vergangenen Dienstag erfahren, was der berüchtigte deutsche Philosoph Peter Sloterdijk (geb. 1947) zum Thema Weltfrieden zu sagen hat. Doch konnte der vom Echternacher Trifolion zur Vortragsreihe „Horizonte“ geladene Gast die Erwartungen des Publikums erfüllen? Angekündigt wurde er als streitbarer Geist und Querdenker, und dieser Interpretation wurde er auch gerecht, denn ja - Peter Sloterdijk weiß zu provozieren. Rhetorisch ausgeklüngelte und pointierte Formulierungen gehören seit jeher ins Repertoire seiner Stilmittel, seine Redegewandtheit lässt meist nichts zu wünschen übrig. Auch in Echternach verwöhnte er die Zuhörer mit zahlreichen geschichtlichen Hintergrundinformationen, illustrierenden Anekdoten und ausgefallenen Beispielen. Mit provokanten Aussagen und beeindruckend erscheinenden Sprachkreationen verstand der Redner es bestens, das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Globalisierung nannte Sloterdijk eine „perverse Familienfeier, bei der jeder halt damit leben muss, dass der andere auch da ist“. Bezüglich der Zerstörung unseres Planeten wirft er die Frage auf, was Alien wohl sagen würden, wenn sie unsere verrosteten Pumpanlagen entdecken würden?

Unterhaltsame Erzählungen

Globalisierung und Umweltschutz waren natürlich nicht die einzigen Themen, die bei einer Diskussion um den planetarischen Frieden behandelt werden mussten. Die zerstörerische, und darum mit sich im Widerspruch stehende Zivilisation, die Kunst der Koexistenz auf dem Planeten, die Wichtigkeit von Mobilität und Sprache waren nur einige der weiteren Eckpfeiler, die vom Philosophen umrissen wurden. Aber hierin lag auch das Problematische des Abends. Es wurden sehr viele Themen angesprochen, die sich dann in Sloterdijks ausschweifenden Diskursen wieder verliefen. Erzählerisch sicherlich sehr gelungen und auch äußerst unterhaltsam, fehlte es den Antworten doch oftmals an Ausdruck, Stichhaltigkeit und Struktur. Was bei den hochtrabenden und wissenschaftlich klingenden Phrasen eigentlich gemeint war, wurde leider nicht immer ersichtlich.

Wie schätzt Sloterdijk denn nun die Flüchtlingskrise ein? Was wäre sein Ansatz für eine Sicherung der EU? Der Autor erläutert zwar stets die grundlegenden Konzepte und gibt Auskunft über das Entstehen von Völkerwanderungen und extremistischen Tendenzen, er beschreibt und kommentiert, bleibt der eigentlichen Antwort aber oft schuldig. Da die Werke des Denkers sich primär mit dem Politisch-Zeitgeschichtlichen auseinandersetzen, hätte man zu diesen Themen eigentlich mehr als eine rhetorisch ansprechende Berichterstattung erwartet.

Der Moderator Manfred Osten, seines Zeichens auch Philosoph und Autor, hakte oftmals kritisch nach und brachte die thematischen Schwerpunkte wieder auf den Tisch: „Was sind denn zukunftstaugliche Formen unserer Gesellschaft?“ Auch hier verwies Sloterdijk eher auf historische Begebenheiten und beleuchtete die aktuelle Sachlage, ohne tiefergehende Gedankengänge oder Lösungsansätze zu gestalten.

Mehr philosophischer Tiefgang

„Schwer zu folgen“, „Ich habe den Faden verloren“, „Schwierig, aber unterhaltsam“ - solche Bemerkungen der Gäste konnten während der 20-minütigen Pause vernommen werden. So fand man sich zwischen zahlreichen diskutierenden Menschen wieder, die der erste Teil der Veranstaltung zu eifrigen Debatten anregen konnte.

Den richtigen Zugang zu dem Vorgetragenen zu finden, gestaltete sich wahrlich schwierig. So nutzte Sloterdijk komplexe Ausdrücke und hochwissenschaftlich anmutende Konzepte, er sprach mitunter von „moralischen, sozialen und politischen Immunsystemen“, vom „Bedarf einer künftigen metamorphotisch angelegten Politik“, vom „abstrakten Universalismus der EU“ und von „unserem ethischen Code, der von der kontextuellen Atmosphäre abhängt“. Was der Denker aber nun genau im Sinne hatte, offenbarte er seinen Zuhörern gestern Abend nicht. Hierzu hätte Sloterdijk seine Argumentationsstruktur deutlicher gestalten müssen, doch die philosophische Gründlichkeit wollte nicht so recht durchscheinen: Reflexive Einsichten und der ersehnte Aha-Effekt blieben leider aus.

Dass die Zuhörer sich mehr Tiefgang in einigen Punkten gewünscht hätten, wurde auch in der anschließenden Fragerunde deutlich. So bemerkte ein Gast, dass er Sloterdijk noch einmal auf die Zukunftsfähigkeit der EU ansprechen wollte, obwohl dieser ja „zuvor der Thematik ausgewichen ist“. Aber auch damit konnte man dem Redner keine direkte Antwort entlocken. Sloterdijk verwies lediglich auf die Notwendigkeit einer sprachlichen Vielfalt, der gemeinsamen Schrift und Grammatik, sowie auf die Wichtigkeit des Weinbaus, „dann ist die EU nicht verloren“. Zahlreiche Besucher nutzten auch die Gelegenheit, ein Buch des Autors zu erstehen und dieses mit einer Signatur versehen zu lassen. Ob die Kernargumente Sloterdijks in den umfangreichen Werken jedoch leichter aufzufinden sind, als es bei dieser Veranstaltung der Fall war, ist fraglich.

Die Initiative dieser Vortragsreihe des Trifolions ist aber auf jeden Fall mehr als begrüßenswert. Die einwandfreie Organisation und die einladende Atmosphäre des Kulturzentrums machten den Abend zu einer gelungenen Veranstaltung. Nur Ideen oder Lösungsansätze für einen planetarischen Frieden gab es leider keine.