CORDELIA CHATON

Seien Sie mal ehrlich: Ihre Zahnbürste ist aus Plastik, das Gemüse im Kühlschrank ist in Plastik eingeschweißt und der Strohhalm Ihres kalten Getränks ist auch aus Plastik. Das einzige, was noch für ein gutes Gewissen sorgt, ist die Mehrwegtasche aus Plastik, die neuerdings die Einweg-Tüte aus Plastik ersetzt. Wir sind ein Plastik-Planet. Aber das soll sich ändern.

Denn jetzt stellte die EU-Kommission ihre Pläne zur Eindämmung der Plastikabfälle vor. Der Zeitpunkt kommt gelegen. Bei diesem Thema sind sich alle EU-Länder einig. Und nachdem China nun laut verkündet hat, dass es keinen Plastikmüll mehr aus Europa will, muss die EU handeln. Immerhin hat die Menschheit seit der Entwicklung dieses Kunststoffs laut Experten 8,3 Milliarden Tonnen Plastik produziert - wovon der meiste Müll ist. Weil sich kaum ein Mensch unter dieser gigantischen Zahl etwas vorstellen kann, haben die Forscher sie sogar umgerechnet: Das entspricht 822.000 Eiffeltürmen, 80 Millionen Blauwalen oder einer Milliarde Elefanten. Bislang hat China 56 Prozent des weltweiten Plastikmülls abgenommen. Was damit geschah - ob er verbrannt oder in afrikanische Länder gebracht wurde - hat kein Mensch kontrolliert. Die Idee, dass wir einen Planeten haben, hört nämlich genau dort auf, wo ein Stempel bescheinigt: Wir haben gut gehandelt und das Problem weitergeleitet. Vor allem die Müllmafia machte so jahrelang hohe Gewinne.

Überhaupt ist es überaus erstaunlich, dass erst jetzt ein Nachdenken über Plastikmüll einsetzt, Twitter quillt unter #plastictide vor Fakten und Bildern über. Berichte über Probleme gibt es reichlich: Wale, Fische und Seevögel mit Mägen voller Plastik, die verhungert sind, weil ihnen der Mageninhalt Sattheit vortäuschte oder sie vergiftete. Zugemüllte Traumstrände wie auf Bali oder in der Karibik, fünf riesige „Plastikmeere“ in den Ozeanen, die aus winzigen Plastikpartikeln bestehen, Mikroplastik im Luxussalz „Fleur de Sel“. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Längst bedroht Plastik den Menschen selbst, indem es für Unfruchtbarkeit sorgt.

Gegen das so geschätzte Material gibt es schon viele Aktionen: Die britische Supermarktkette „Iceland Foods“, die bis 2023 alle Kunststoffe abschaffen will oder auch die US-Bewegung „The last plastic straw“, die die Einmalnutzung von Plastik eindämmen will. Der Plastikstrohhalm ist zu ihrem Symbol geworden, denn täglich werden allein in den USA 500 Millionen davon ausgegeben. Sogar der Spielehersteller Lego setzt auf nachwachsende Rohstoffe. Bis 2030 will der Konzern seinen bunten Bausteine nicht mehr auf Basis von Erdöl fertigen, sondern nachhaltige Rohmaterialien und Verpackungen verwenden.

Bislang wird weniger als ein Drittel des Plastikmülls recycelt. Das ist das wirklich Erstaunliche. Wenn Brüssel bis 2030 alle Plastikmüllsorten recyceln will, ist das gut - vor allem aber längst überfällig. Und: Plastikpartikel in Kosmetika und Waschmitteln braucht kein Mensch. Wohl aber ein Bewusstsein. Vielleicht können wir hier von Ruanda lernen. Dort herrscht seit zehn Jahren ein strenges Plastikverbot. Die Hauptstadt Kigali gilt mittlerweile als eine der saubersten Städte in ganz Afrika. Verglichen damit wirkt der EU-Vorstoß wie der Versuch, eine Plastiklawine mit Tütchen aufzuhalten.