LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

„Nice“ im Deutschen und Luxemburgischen

Ich hörte es zum ersten Mal vor etwa zwei Jahren auf der Party eines Freundes. Ich erzählte dem Gastgeber aufgeregt von einem Erlebnis, das mich euphorisch gestimmt hatte. Erwartungsvoll blickte ich ihn an, was er dazu sagen würde, und er antwortete: „nice!“.

Erworbene Eigenständigkeit

Kurz war ich verwirrt. „Geil“ und „cool“ waren mir geläufig, „nice“ kannte ich aber bisher nur aus dem Englischen. Erst dachte ich, es sei nur eine Marotte, stellte aber fest, dass auch seine Freunde das Wort selbstverständlich benutzten. Ich hielt es dann für die Eigenart seiner Clique, doch auch da hatte ich mich getäuscht. Auch wenn es vom Duden noch nicht anerkannt wurde: „Nice“ ist heute ein fester Bestandteil der deutschen und luxemburgischen Umgangssprache.

Ich höre schon förmlich den Aufschrei der Sprachpuristen und Anglizismen-Feinde. Doch „nice“ hat kein anderes Wort ersetzt und verdrängt. Es ist einfach nur dazugekommen. Und nun hat es in den Wortschatz so weit Eingang gefunden, dass es nicht mehr nur ein englisches, sondern ein richtiges deutsches und luxemburgisches Wort ist. Man vergleiche es mit dem Adjektiv „chillig“. Das englische Verb „to chill“ bildet dessen Stamm, es wurde im Deutschen aber zu einem eigenständigen Adjektiv umgeformt, indem das deutsche Suffix, also die deutsche Endung „-ig“ angefügt wurde. Das ursprünglich englische Wort erhielt so eine deutsche Eigenart. Im Luxemburgischen heißt es auch: „gechillt“.

„Nice“ oder „näiss“?

Wie „chillig“ gehörte auch „nice“ im Deutschen zunächst einer anderen Wortart an als im Englischen. So wurde „nice“ anfangs als Interjektion, also aus Ausruf verwendet, so wie „au“, „ach“ und „weh“. Schon dadurch emanzipierte es sich vom englischen „nice“.

Seit jüngerer Zeit wird es auch als Adjektiv gebraucht und flektiert. Es gibt eine Einzahl und eine Mehrzahl, eine weibliche, sächliche und männliche Form und mindestens den Nominativ und Akkusativ. Es ist demnach kein „nice Abend“, wie es heißen müsste, wenn das englische Wort ohne Veränderungen übernommen worden wäre, sondern „ein nicer Abend“. Sogar die Steigerungsform und Substantivierung ist geläufig: „die nicere Bar“, „das Niceste, das mir je untergekommen ist“. Für das Luxemburgischen lässt sich das allerdings (noch) nicht nachweisen. „Den niceste Restaurant“ würde wohl eher als „neiste Restaurant“ gedeutet werden und/oder einen gordischen Zungenknoten auslösen.

Das Schriftbild wurde nicht an das Deutsche angeglichen. Man schreibt also nicht: „neis“. Phonetisch hingegen, also lautlich, klingt „nice“ wie viele andere deutsche Wörter. So reimt es sich auf „heiß“, „weiß“, „Gleis“, „Preis“ und „Sch-“ – na, ihr wisst schon. Im Luxemburgischen wäre eine lautliche Anpassung eher vorstellbar, weil in vielen Fällen aus deutsch „-ei-“ luxemburgisch „-äi-“ wird, so in „wäiss“ und „Präis“. Ob wir also irgendwann „näiss“ sagen und schreiben werden?

Eigen und doch fremd

Auch wenn wir versuchen, „nice“ und andere entlehnte Wörter zu etwas Eigenem zu machen, so wirken sie doch oft fremd. Der Grund dafür ist erstens die starke stilistische Markierung. „Nice“ ist nämlich kein Wort der Hochsprache, sondern ausschließlich der informellen Umgangssprache. Zweitens verwenden es nur bestimmte soziale Gruppen, die damit ihren Zusammenhalt signalisieren.

Allerdings bedeutet Zusammenhalt nach innen immer auch Abschirmung nach außen. Es entsteht eine unsichtbare Trennung zwischen denjenigen, die das Wort benutzen und denjenigen, die es nicht gebrauchen oder sogar verwerfen. Kommen mehrere solche Wörter zusammen, entsteht schnell der Eindruck, dass die Tatsache, anders zu sprechen, überhaupt eine Andersartigkeit markiert und eine Nichtidentifikation bis hin zur Ablehnung provoziert. Sprache kann also nicht nur inkludieren, sie kann auch exkludieren!

Undifferenzierte Äußerungen

Mitunter wird die Verwendung von „nice“ und anderen Wörtern als kreativer Umgang mit der Sprache gelobt. Nun mag es kreativ sein, fremde Wörter in die eigene Sprache zu integrieren und entsprechend zu verändern. Aber es ist ja nicht so, als würde jeder, der „nice“ benutzt, aktiv darüber nachdenken und eine besondere kognitive Leistung vollbringen. Denn er ist selbst nicht der Initiator, er schnappt das Wort bei anderen auf und imitiert lediglich das Gehörte oder Gelesene.

Zudem macht der „nice“-Sager sich das Leben im Grunde einfach und er beweist, wenn es um die inhaltliche Botschaft seiner Aussage geht, eigentlich das Gegenteil von Kreativität. Er benutzt „nice“ nämlich in allen Fällen, in denen er ansonsten aus unterschiedlichen Adjektiven wie „gut“, „schön“ und „lieb“ hätte wählen müssen, die völlig unterschiedliche Intensitäten und Bewertungsnuancen ausdrücken. Betrachtet man den Gebrauch „nice“ nun nicht abgetrennt, sondern versucht, daraus ein globales Phänomen zu abstrahieren, so stellt sich die Frage, ob wir unsere Bewertungen und Meinungen heute generell weniger nuanciert kundgeben, sei es aus Faulheit oder Unvermögen. Etwas ist gut oder schlecht. Nice oder nicht nice. Wenn es darum geht, positive oder negative Zuschreibungen zu spezifizieren, dann sind wir mit unserem Latein – bzw. unserem sogenannten „Denglisch“ – schnell am Ende. Mit „nice“ machen wir uns das Leben leicht. Denn „nice“ passt irgendwie immer und sagt am Ende herzlich wenig aus. •