NORA SCHLEICH

Von der Ignoranz der Langzeitfolgen

Der Philosoph Whitehead sagte einmal, dass nicht Ignoranz das größte Problem darstelle, sondern die Ignoranz der Ignoranz. Ja, gegen Unwissen kann ein jeder etwas tun, wenn er denn will und ihm die Möglichkeiten dazu gegeben sind. Natürlich wird der Drang zum Entdecken, Erfahren und Erkennen nicht geweckt, wenn der Mensch sich gar nicht bewusst ist, dass sein „Wissen“ als solches auch fehlerhaft oder nicht komplett sein könnte. Kann etwas anders sein, als ich dies im Moment einschätze? Sich eine solche Frage zu stellen, ist nicht selbstverständlich. Selbst in den Regionen, die aufklärende Bewegungen durchgemacht haben, fällt es so einigen recht schwer, die eigene Meinung zu hinterfragen. Wie sich das in Gesellschaften verhält, in denen Dogmatismus immer noch vor Wissen und Erkenntnis steht, dürfte zu erahnen sein. Dort gibt es die eine Meinung und man hat sich bitte daran zu halten. Die Oberen geben vor, an was sich die Unteren zu orientieren haben.

Nun stellt sich folgendes Dilemma... Sei die Hypothese nun, dass irgendwo ein Volk bewusst im Dunklen gelassen wird, dass ihm Meinungen als Sachverhalte verkauft werden, nur um Kritik und Auflehnung seitens der Bürger einzudämmen und zu verhindern. Das heißt, dass die Bürger sich in einem bestimmten Kontext gefangen bewegen, der von rigiden Deutungen derart eingerahmt ist, dass dem Individuum oder auch dem Kollektiv keine Möglichkeit gelassen wird, sich ein „Was wäre wenn?“ oder ein „Ist dem wirklich so?“ zu erlauben. Nun, nicht nur die Erlaubnis bleibt aus, sogar der Gedanke an ein kritisches Hinterfragen findet in einem solchen Konstrukt oft keine Genese.

Oder etwa doch? Die Kant’sche Lehre besagt schließlich, dass jedem Menschen das Vermögen gegeben ist, seinen Verstand und seine Vernunft eigenständig zu gebrauchen. Er muss nur von den Beschränkungen und Bedingungen, die ihm seine gegenwärtige Lage aufzwängen, mental abstrahieren können und sich selbst den „dornichten Pfad“ - wie Kant es sagen würde - entlang wagen, um mühsam das Vorhandene zu untersuchen. Ja, es ist wohl einfacher sich der allgemeinen Deutungstendenz hinzugeben, mitzumachen, ohne zu denken, zu folgen, ohne selbst zu gehen. Doch kann dies sich exponentiell entwickelnde, verheerende Folgen mit sich bringen.

Zu illustrieren am Referendum Erdogans: Die geläufige Meinung scheint diejenige zu sein, dass sich mit dem Votum für oder gegen Erdogan ausgesprochen wird. Klingt auf den ersten Blick zutreffend, schließlich geht es dem Initiator ja auch vorwiegend um sich selbst. Es geht aber nicht nur um Erdogan. Zwar ist es eigentlich schon alarmierend genug, dass sich, in einem demokratischen, laizistischen und sozialen Rechtsstaat, wie sich die Türkei seit der Verfassung von 1923 eigentlich nennen dürfte, ein Demagoge mit Pauken und Trompeten dafür einsetzt, die Gewaltentrennung abzuschaffen und sich selbst die Krone des alleinigen Herrschers (gerne bis 2035 oder länger) aufzusetzen, ja, sogar wieder die Todesstrafe ins Spiel zu bringen! Hier sträuben sich einem eigentlich schon gewaltig die Nackenhaare. Doch was, wenn Erdogan eher das kleinere Übel darstellt? Was, wenn nach seiner Amtszeit jemand auftaucht, der noch schwärzere Gesinnungen seine eigenen nennt als Recep Himself? Ganz, ganz schnell könnte ein Hitler 2.0 sich daran erfreuen, dass ein Land mit einer Verfassung auf ihn wartet, mit der seinem Durchgreifen keine Grenzen gesetzt sind. Der Ausgang dieses Szenarios ist nur mit Schaudern und Entsetzen vorstellbar. Schaurig auch, dass mit der Annahme des Referendums dieser Gau Realität werden könnte. Geht dies an den Befürwortern des Referendums vorbei? Oder an denen, die im Referendum eine willkommene Trotzreaktion auf die Haltung der EU sehen?

Weitsicht ist darum nun mehr denn je gefragt. Ja, Objektivität zu finden und zu wahren ist heutzutage ein echtes Kunststück. Bereits hier im Westen ist dies alles andere als leicht, wie soll dies bloß da möglich sein, wo auf die Informationsübermittlung bewusst Kontrolle und Zensur ausgeübt wird?

Darum ist es wohl vor allem nun wichtig, die Reflexion zu trainieren, skeptisch und mutig dem entgegen zu treten, was uns zur aktuellen Stunde begegnet, uns nicht mit ersten Eindrücken zufrieden zu geben und uns auf die Suche nach der Tatsächlichkeit zu machen. Langzeitfolgen erkennen heißt vorbeugen - es ist Zeit, diese Verantwortung zu übernehmen und die Anstrengung zu wagen. Natürlich bleibt absolute Einsicht eine Utopie, aber ein besseres Verständnis und ein logischer Weg der Meinungsbildung ist das einzige Mittel, gegen Fake-News, zwielichtige Propaganda und (wenngleich auch nicht nur) politische Verdrehungen vorzugehen. Packen wir es an, denn wir können es besser!