Obwohl der Stern der Rückwärtsgewandten à la ADR hier im Lande im steilen Sinkflug ist, bewährt sich die programmatische Ignoranz gegenüber gewandelten Zeiten anderswo als Rattenfänger-Modell. „Not the real world please“ gilt schon lange nicht mehr nur für Langzeitstudenten, sondern auch für die konservative Rechte.

In Frankreich hofft man trotz eines demokratischen Gesetzgebungsverfahrens, den erwarteten Untergang des Abendlandes per Homo-Ehe durch Dauerdemonstrieren noch abwenden zu können.

In Deutschland tritt jetzt die „Alternative für Deutschland“ an, weil es in der CDU ja keine Konservativen mehr gibt. Haupt-, Einzel- und Totschlag-Wahlkampfthema ist der Ruf nach dem Ausstieg aus dem Euro und der Rückkehr zur deutschen Mark. Wunderbarer Unsinn. Die Gründungsväter der AFD beteuern zwar, dass sie am europäischen Modell festhalten wollen, besonders glaubwürdig sind die Herren nicht. Die deutsche Volkswirtschaft steht aktuell glänzend da, zum einen wegen der Schröder’schen Reformen, zum anderen wegen des ungebrochen Exportbooms. Für was haben denn Griechen, Zyprioten und Portugiesen Geld ausgegeben, das sie nicht hatten? Sicher nicht für chinesischen Ramsch, sondern für das gute alte „Made in Germany“. Eine eigenständige Mark würde die deutsche Exportwirtschaft erdrosseln. Nostalgie ist ein schlechter Ratgeber.

Der Gedächtnisverlust ist aber genauso interessant. War es nicht eine Ikone der Konservativen, der ewige Kanzler Kohl, der die Einführung des Euro als eine seiner Lebensaufgaben angesehen hat? Übrigens bewusst und über Jahrzehnte angestrebt, anders als die deutsche Einheit, die er eines Morgens als Findelkind auf seiner Türschwelle fand. Der Euro ist Europa und Europa heißt Frieden, das wusste auch Kohl und das gilt weiterhin.

Aufwind dürften die Mark-Nostalgiker durch den überraschend deutlichen Erfolg der UKIP bei den britischen Teil-Kommunalwahlen erhalten. United Kingdom Independence Party - seit Jahren heißt deren Wahlziel „UK raus aus der EU“. Im Ergebnis mag man ihnen sogar zustimmen, aber nicht weil Europa so schlecht ist, sondern weil die Briten, nicht in die EU zu integrieren sind. Weder unter Thatcher noch unter Cameron. Der UKIP passt die ganze modernistische Richtung im Königreich nicht. Angefangen vom Verbot der Fuchsjagd über Rauchverbote im Pub und aufgehört bei den - für Großbritannien schon stark beschnittenen - Arbeitnehmerrechten. Alles böse EU-Importe.

Besonders in den ländlichen Grafschaften haben die Kandidaten der UKIP den Torys und den LibDems erhebliche Verluste eingebracht. Offenbar konnten sie der Wählerschaft im Dienstgebiet von Inspector Barnaby klar machen, dass Konservative und Liberale nur noch lasche prokontinentale Weicheier sind und die gute alte Klassengesellschaft (die nur im Biotop der britischen Insel überleben konnte) gefährdet ist. Da jenseits des Kanals nur in der Wolle gefärbte Rote sitzen.

Klingt alles nach Klischee? Richtig! Aber genau damit machen Rechtskonservative Politik: Die bösen Europäer, die faulen Südländer, der bürokratische Moloch Brüssel etc. Dass die große Idee Europa dabei unter die Räder kommt, stört sie nicht weiter.