LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Deutsche Autohersteller verlieren durch die Sanktionen mehr als 15 Milliarden Euro

Noch vor einem Jahr galt Russland als der wichtigste Wachstumsmarkt in Europa. Damit ist es laut Prof. Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen vorbei. Die Sanktionspolitik der deutschen Regierung, der EU und der USA gegenüber Russland kostet die „deutschen Autobauer alleine durch Verkaufsausfälle im Markt Russland mittelfristig mehr als 15 Milliarden Euro Umsatz“, stellt der in Deutschland auch „Autopapst“ genannte Dudenhöffer in einer aktuellen Studie fest. Darin sind Krisenszenarien wie etwa der Kollaps der russischen Wirtschaft noch nicht berücksichtigt. Dudenhöffer, der sich mit dem CAR Center Automotive Research einen Namen gemacht hat, geht von Gewinneinbußen in Höhe von über 600 Millionen Euro aus. Diese Schätzung beinhaltet die Verkaufeinbrüche deutscher Marken in Russland bis zum Jahre 2017.

Noch nicht darin enthalten ist der schwächelnde europäische Automarkt, der unter dem Rückgang des Wirtschaftswachstums leidet. „Alleine in Russland werden von dem Jahre 2014 bis zum Jahre 2017 nach unserer Modellrechnung mehr als 675.000 Fahrzeuge von den deutschen Autokonzernen einschließlich Ford Europe und Opel weniger verkauft“, stellt Prof. Dudenhöffer in der Studie fest.

Kurz vor dem Kollaps

„Durch die Sanktionen steht die russische Wirtschaft fast vor dem Kollaps“, ist Prof. Dudenhöffer sich sicher. Er ist überzeugt, dass mit der Sanktionspolitik die deutsche Autoindustrie geschädigt wird. Tatsächlich galt Russland als einer der wichtigsten Wachstumsmärkte für die Automobilindustrie in Europa. Vor einem Jahr setzten die Prognoseinstitute auf fünf Millionen verkaufte Neuwagen bis 2025. Russland sollte der größte Automarkt in Europa werden; noch vor Deutschland. Damit ist es nun laut Studie vorbei.

„Alle deutschen Autobauer und viele Zulieferer haben jedoch beträchtlich in Russland investiert, Produktionskapazitäten aufgebaut, die seit mehreren Monaten deutliche Abschreibungsverluste erzeugen“, unterstreicht der Automobilexperte. Er kommt zu dem Schluss, dass Europa als Markt hinter Nordafrika und Asien zurückfallen wird. „Die Russland-Sanktionen schädigen damit langfristig und nicht nur ein oder zwei Jahre“, ist Prof. Dudenhöffer überzeugt. Die Langzeitschäden sind seiner Meinung nach noch gar nicht absehbar.

Allein für das Jahr 2014 rechnet er mit einem Rückgang der Verkäufe in Russland um 12,5 Prozent auf 2,43 Millionen Pkw. In den ersten elf Monaten des Jahres 2014 wurden in Russland 2,221 Millionen Pkw verkauft. Im langfristigen Wachstum gingen die Experten bislang von einem kräftigen Wachstum in Höhe von acht Prozent pro Jahr aus. Selbst bei 3,5 Prozent angenommenem Wachstum hätten die Hersteller bis 2025 noch 3,534 Millionen Pkw verkaufen können, rechnet Dudenhöffer vor. „Aber durch die Sanktionspolitik des Westens wird Russland in seiner wirtschaftlichen Entwicklung erheblich zurückgeworfen“, fürchtet Dudenhöffer. Allein für den Zeitraum von 2014 bis 2017 geht er von einem Nachfrageausfall von knapp 2,5 Millionen Pkw aus (siehe Grafik). In einem Gesamtszenario für Europa die EFTA-Staaten und Ost-Europa inklusive Russland rechnet Dudenhöffer mittelfristig mit fast vier Millionen verkauften Fahrzeugen weniger. Darin sind Nutzfahrzeuge noch nicht enthalten.

Sanktionen verschärfen Probleme

Laut dem Automobilexperten zeigen die Zahlen vor allem eines: Sanktionen lösen keine Probleme, sondern verschärfen diese. Neben den nicht verkauften Fahrzeugen ist ein weiteres Problem für die deutsche Automobilindustrie die der Arbeitsplätze. Dudenhöffer zufolge lassen sich die Verkaufsverluste auch in zehn Jahren nicht aufholen. Daher bliebe den Herstellern nur, ihre Produktionskapazitäten anzupassen. „Es werden Arbeitsplätze in der Fahrzeugproduktion in Deutschland verloren gehen“, ist Prof. Dudenhöffer überzeugt. Er rechnet damit, dass diese Arbeitsplätze nach Osteuropa, Asien, Amerika und dort vor allem Mexiko verlagert werden. „Grob überschlagen dürften damit die deutschen Werke pro Jahr 400.000 Fahrzeuge weniger bauen. Das entspricht in der Summe einem großen Werk mit mehr als 5.000 Arbeitsplätzen. Die Sanktionen werden damit zum Teil auf dem Rücken der deutschen Arbeitnehmer ausgetragen“, stellt der Automobilpapst fest. Das alles wäre noch zu verkraften, wenn damit Friede und Sicherheit erhöht würden, findet er. „Es sieht aber eher so aus, dass das Umgekehrte erreicht wird.“ Die Studie bezieht sich nur auf den deutschen Markt. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass auch andere europäische Hersteller betroffen sind, weil alle von einem Wachstum des russischen Marktes ausgingen. Die Beratung Roland Berger kommt in einer Studie zum Automobilmarkt zu ganz ähnlichen Schlüssen wie Dudenhöffer. Angelockt hatte die russische Regierung die ausländischen Hersteller mit einer Mischung aus Steuererleichterungen und hohen Importzöllen. General Motors, Volkswagen, Toyota und Hyundai zogen in Russland moderne Autofabriken hoch. Schließlich ist der Nachholbedarf groß und die Russen wollen nicht nur Ladas. Wenn es nun dem Automobilsektor schlecht geht, trifft das auch die Zulieferer. Sie gehören hier in Luxemburg zu dem Bereich, der ein neues Standbein der hiesigen Wirtschaft werden soll. Fedil-Präsident Robert Dennewald gibt Entwarnung. Noch hat er nichts über negative Entwicklungen bei den hiesigen Zulieferern gehört.