LUXEMBURG
NINA NUSSBAUM*

Ein Erfahrungsbericht über die Diagnose von Gebärmutterhalskrebs

Die Sonne scheint, der Sommer zeigt sich im Moment von seiner besten Seite. Ich habe einen Termin bei meiner Frauenärztin. Keine Frau geht diesen Weg gerne, doch einmal im Jahr sollte er gemacht werden. Da ich unter komischen Zwischenblutungen leide, habe ich mir diesen Termin geben lassen. Die Untersuchung zeigt nichts Anormales und ich fahre ohne Bedenken in meinen Sommerurlaub. Drei Wochen nach meinem Frauenarzttermin klingelt abends um 21.00 mein Handy. Es ist die Arztpraxis meiner Frauenärztin. Der Abstrich zeigt veränderte Zellen an und ich soll für eine weitere Untersuchung in die Klinik. Mir fällt das Handy aus der Hand. Was? Welche Zellen? Krebs? Habe ich Krebs?

Durch die Hölle

Ich kann nicht mehr atmen. Alles ist plötzlich wie in einem Film. Ich spiele die Hauptrolle. Natürlich suche ich sofort im Internet was das alles zu bedeuten hat. „Bei Frauen um die 30 wächst der Gebärmutterkrebs am schnellsten.“ „Darm und Blase können auch befallen sein.“ Ich lese mein eigenes Todesurteil. Mir ist schlecht und ich schließe die ganze Nacht kein Auge. Am nächsten Morgen rufe ich meine Ärztin an und bitte sie um eine Erklärung. „Veränderte Zellen müssen nichts Bösartiges sein, es kann alles ganz harmlos sein. Ich will mir nur sicher sein, deshalb untersuchen wir Sie noch einmal“, erklärt sie mir. Bin ich nun beruhigt? Nein!

Qualen ohne Ende

Es ist 08.00 und ich sitze im Wartezimmer der Klinik. Welche Untersuchung steht mir bevor? Ich habe keine Ahnung. Meine Augenlider fühlen sich schwer an, ich habe die ganze Nacht wieder nicht geschlafen. Ich hoffe so sehr, dass die Ärzte nichts Schlimmes finden. Aber was, wenn doch? Wie werde ich diese Nachricht verkraften?

Ich werde in den Untersuchungssaal gebeten. Meine Ärztin kommt mir gut gelaunt entgegen. Ich fühle mich schon besser. Sie erklärt mir, dass sie mit einer Lupe den Gebärmutterhals untersuchen wird. Falls sie Veränderungen sieht, wird sie ein Stück davon abschneiden, um es zu untersuchen. Schon alleine auf diesem Stuhl zu liegen, ist unangenehm. Dann stelle ich mir schöne Orte vor. Ich liege am Strand und versuche, locker zu bleiben. Aber wie soll man locker bleiben, wenn gerade an der intimsten Stelle herumgezogen und gedrückt wird und man irgendwelche Instrumente fühlt.

Ich versuche es weiter mit den Palmen und dem Strand. Ein stechender Schmerz hält mich immer wieder von meinen schönen Strand-Gedanken ab. Die Ärztin muss an zwei Stellen etwas abschneiden. Das ist die Gewissheit, vor der ich solche Angst hatte. Ich sehe überall Blut und mir wird wieder schlecht. Ich bekomme eine Art Pampers, um die Blutungen vom Schneiden aufzusaugen. Dann fahre ich nach Hause und krabbele unter meine Bettdecke, will von alledem nichts mehr wissen. In zwei Wochen bekomme ich das Resultat.

Warten: Der Dauerzustand

Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen und meine Ärztin schreibt mich, bis ich das Resultat habe, krank. Meine Arbeitskollegen zeigen sich verständnisvoll. Ich gehe spazieren und lese, lese, lese. Aber die Gedanken kommen immer wieder, was ist, wenn es wirklich Krebs ist? Warum ich? Ich erkenne nun auch, wer meine wirklichen Freunde sind, wer da ist. In diesem Jahr verlor ich meine Tante und meinen Onkel an Krebs. Liegt ein Fluch auf unserer Familie? Hat er sich nun mich als neue beste Freundin ausgesucht? Ich hoffe nicht. Die zwei Wochen scheinen nie zu enden. Alles, was einem als normal erscheint, ist nun irreal. Ich weiß nicht, was auf mich zukommt. Das Gefühl nicht zu wissen was ist, ist schrecklich. Ich könnte nur noch heulen. Und das mache ich auch.

Glück im Unglück

Nach dem Dauerwarten erhalte ich nun endlich das Resultat. Meine Ärztin, die ich schon fast duzen könnte, nach allem, was wir in der letzten Zeit zusammen erlebt haben, erklärt mir, dass ich operiert werden muss, es aber nicht so schlimm ist. Das kranke Gewebe muss weg. Das war mir auch klar, das will ich auch nicht weiter in mir behalten. Aber wie geht es danach weiter? Den Virus, genannt „Humane Papillomviren“, welche für die Entstehung des kranken Gewebes verantwortlich sind, trage ich weiter in mir. Ich verdanke es einem meiner Sexual-Partner. Dem infizierten Mann geschieht nichts, mir schon. Wer war das? Wenn ich das wüsste…

Um sicher zu sein, dass sich nie wieder etwas entwickeln kann, müsste auch die Gebärmutter herausgenommen werden. Da ich noch jung bin, kommt diese OP nicht in Frage. Egal wie, werde ich mich wohl mit diesem Virus anfreunden müssen, auch wenn ich hoffe, dass er irgendwann verschwindet und freue mich nun auf meinen nächsten Sommerurlaub, den ich wieder gesund genießen kann.


*Der Name der Autorin wurde geändert, die Autorin ist der Redaktion bekannt