CLAUDE KARGER

Während die EU-Mitgliedstaaten weiter um die Verteilung der Flüchtlinge streiten, die in den letzten Tagen zu Zehntausenden in Deutschland und Österreich angekommen sind, und täglich zu weiteren Zehntausenden an den Grenzen der EU angelangen, hat sich Frankreichs Präsident François Hollande gestern vorgewagt und ab heute Aufklärungsflüge über Syrien angekündigt. Flüge, die auch französische Luftschläge gegen den „Islamischen Staat“, vorbereiten könnten.

Auch der britische Premier Cameron dürfte bald einen neuen Versuch starten, um vom Parlament grünes Licht für solche Operationen zu bekommen. Die IS-Mordbuben, die im durch das vom Bürgerkrieg geschaffene Machtvakuum in Syrien trotz dauernder Luftangriffe ihre Position stärken konnten - siehe etwa die Einnahme von Palmyra, wo sie die Überbleibsel der antiken Oasenmetropole medienträchtig sprengen - haben bislang fast das halbe Land unter Kontrolle. Sowie ein Drittel des irakischen Territoriums.

Dort waren die Luftschläge der von der USA angeführten Anti-IS-Koalition, an denen sich auch Frankreich seit einem Jahr beteiligt, ungleich erfolgreicher, weil sie von gut ausgerüsteten einheimischen Bodentruppen begleitet wurden. Im seit 2011 vom Bürgerkrieg zerrissenen Syrien, der bereits mindestens 220.000 Tote gefordert und neun Millionen Menschen in die Flucht getrieben hat, ist die Lage ungleich komplexer. Vor allem durch die zahlreicheren Kriegsparteien, hinter der natürlich unterschiedliche Interessen stehen. Präsident Assad, der laut Hollande „neutralisiert“ werden muss, ist sich zurzeit noch der Unterstützung des Kremls sicher. Vermutet wird, dass Russland seine Militärpräsenz in Syrien verstärkt, um Assad zu helfen, das Blatt zu seinen Gunsten zu wenden. Am Sonntag haben die USA Moskau vor einer Intervention gewarnt. Zur Eskalation beitragen könnten vielleicht aber auch zusätzliche französische Luftattacken, die alleine wohl wenig zielführend wären. Aber natürlich sind sie spektakulärer, als etwa mehr Mittel darin zu stecken, Landsleute vom Abzug in den Djihad abzuhalten oder einreisende Terroristen abzufangen.

Böse Zungen behaupten, dass der französische Staatschef im Umfragetief anderthalb Jahre vor den nächsten Präsidentschaftswahlen und mit einer innenpolitisch nicht gerade glänzenden Bilanz, durch solche Ankündigungen den Fokus der Öffentlichkeit stärker auf die Außenpolitik lenken will, in der Frankreich durchaus ein wichtiger „Player“ gilt. Selbstverständlich will Hollande seinen Wählern zeigen, dass er alles Mögliche tun will, um die Sicherheit im Land, das Anfang des Jahres von dem Anschlag auf die Satirezeitung „Charlie Hebdo“ tief schockiert wurde, zu gewährleisten. Sonnenklar ist, dass der Hauptschlüssel, dem IS die Luft abzuschnüren und die Flüchtlingsströme zu stoppen, die Befriedung Syriens und des ganzen Mittleren Ostens ist. Dazu braucht es aber einer konzertierten Strategie, hinter der die internationale Gemeinschaft wie ein Mann steht und die weit über eine militärische Offensive heraus geht. Bei der 70. Sitzung der UN-Vollversammlung ab kommender Woche in New York bietet sich die Gelegenheit, eine solche endlich zu beschließen. Niemand kann Interesse daran haben, dass das syrische Drama noch länger andauert.