LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Was genau ist überhaupt Spontaneität? Wie kann sie wirklich definiert werden und was macht den Reiz dieser Eigenschaft aus?

Als ich vor ein paar Tagen von einer Party nach Hause kam und meinen Pyjama anziehen wollte, schlüpfte ich unwillkürlich erst mit dem rechten Fuß in die Hose und danach mit dem linken, obwohl ich es seit nunmehr 22 Jahren anders gewohnt bin und, das sei betont, völlig nüchtern war. Es fühlte sich seltsam an, verkehrt, und ich erschrak ein wenig, zog die Hose nochmal an, nur um der Aufgabe diesmal in der „richtigen“ Reihenfolge nachzukommen. Ich bin ein Gewohnheitstier und mag es nicht, auf solch sonderbare Weise von meinen alltäglichen Gepflogenheiten abzuweichen. Als ich einem Freund von diesem Erlebnis berichtete, stellte er fest, ich sei wohl ein Kopf- und kein Bauchmensch.

Leib-Seele-Problem

Ich widersprach und erklärte, dass dieser Unterscheid für mich gar nicht existiert. Alles, was ich tue, führe ich allein auf mein Gehirn zurück, mein zentrales Nervensystem. Nur dort treffe ich die Entscheidungen, dort findet sowohl Reflexion als auch Gefühl statt und das sehe ich als meine Seele an, auch wenn es furchtbar unromantisch klingt. Meine Seele und ich, wir sind bloß Kopf.

Mit dieser Antwort allerdings outete ich mich wohl umso mehr als „Kopfmensch“ - immerhin müssen wir uns ja heute für alles „outen“ - und in gewisser Weise muss ich meinem Bekannten doch zustimmen. Schließlich gibt es nichts, das ich nicht hundertmal durchdenken würde und minutiös im Voraus planen würde. Selbst wenn das nicht immer der bequemste Weg ist, so bin ich doch bisher immer gut mit dieser Methode gefahren. Mein Bekannter ist schockiert, denn „Bauchmensch“ zu sein, ist die „coolere“, die Mainstream-Antwort, die man beinahe selbstverständlich erwartet. Das ist, wie wenn man jemanden fragt, wie es ihm geht und dabei schon die Worte „mir auch“ auf der Zunge hat.

Ob ich denn gar nicht spontan sei, ist die nächste Frage. Mich aber interessiert zunächst: Was genau ist überhaupt Spontaneität?

„Spontansein heißt, einfach so mal wegzufahren oder die Koffer zu packen und nach Alaska auszuwandern“, ist die erste Erklärung, die genau das bestätigt, was ich vermutet hatte. Denn Spontaneität ist in meinen Augen zu einem bloßen Synonym für das Verreisen geworden, zudem für Faulheit, Trägheit und Leichtsinn. Ob ich verreise, hat aber in erster Linie etwas damit zu tun - wer hätte es gedacht -, ob ich gerne verreise und - das darf nicht vergessen werden - ob ich überhaupt die finanziellen Mittel habe, es mir zu erlauben und ob ich keine Verpflichtungen oder geliebte Menschen am aktuellen Standort habe, die mich zurückhalten.

„Spontansein bedeutet auch, mal nicht zu wissen, wie man abends nach Hause kommt“, findet mein Bekannter. Damit wäre dann das Beispiel genannt, das den eben genannten Aspekt „Leichtsinn“ abdeckt. Man mag mir unterstellen, ich sei überängstlich oder paranoid, aber ich finde, dass ich da durchaus von „Leichtsinn“ sprechen darf. Aber immerhin würde ich mir hier im Affekt nicht lange überlegen, wie meine Pyjama-Anzieh-Routine aussieht, sondern ich würde es mir einfach auf dem Nachhauseweg direkt über den Kopf stülpen und mich vor den selbsternannten „Bauchmenschen“ verstecken, die mir auflauern könnten. Ist das etwa keine spontane Reaktion?

Monotone Routine

Ich habe mir nun, „Kopfmensch“ wie ich bin, ein paar Gedanken darüber gemacht, wie Spontaneität wirklich definiert werden könnte und was in dem Fall den Reiz dieser Eigenschaft ausmacht.

Ich glaube, dass es um die Bestrebung geht, sich nicht nur von den Ketten der gesellschaftlichen Normen und Gebräuche zu lösen, sondern auch von denen des eigenen Alltags und der eigenen Vorschriften. Es ist der Wunsch, Neues zu erleben und zu entdecken, anstatt ewig bei alten Gewohnheiten stehen zu bleiben. Spontaneität bedeutet, Spannung und Abwechslung in das eigene Leben zu bringen.

Das aber ist nur die abstrakte Grundidee dahinter. Wenn es darum geht, konkrete Beispiele zu suchen und den Gedanken in der Praxis anzuwenden, sieht es dann schon schwieriger aus. Vor allem, wenn man den Anspruch erhebt, dass es gerade keine Apologie für den inneren Schweinehund sein soll. Wenn man „spontan“ entscheidet, was man essen möchte, bedeutet es nämlich einfach, sich Fastfood reinzuschaufeln, statt selbst zu kochen, wer „spontan“ einem Freund für die Party am Wochenende zusagen möchte, der lässt sich gern ein Hintertürchen offen, ob sich nicht noch kurzfristig eine bessere Option ergibt. Und so wird das, hinter dem sich eigentlich der Wunsch nach Freiheit und wertvollen Lebenserfahrungen verbergen sollte, missbraucht für Zwecke, die keineswegs löblich und tugendhaft sind.

Genau deshalb widerstrebt mir die jugendliche Spontaneität von heute. Wenn ich den Ausdruck gebrauche, dann als Synonym für Kreativität, weil das in meinen Augen die zentrale Eigenschaft ist, die Spontaneität ausmacht. Gute Einfälle sind gefragt, und diese hat nur, wer Kopf- und Bauchmensch zugleich ist. Kreativität ist nichts, was sich durch intensives Nachdenken erzwingen lässt, aber ebenso wenig reicht ein Gefühl dafür aus; Kopf und Herz müssen geschickt zusammenarbeiten. Spontan ist dies dann, wenn es möglichst rasch passiert, wie auf Knopfdruck. Spontaneität ist eine Fähigkeit, keine Sache der Einstellung.