NIC. DICKEN

Während in anderen Weltregionen, allen voran Mittel- und Südamerika, aber auch Russland, Südostasien und mittlerweile auch auf dem afrikanischen Kontinent, die Infektionszahlen mit dem Coronavirus zum Teil noch rasant ansteigen, gilt ein Hauptaugenmerk in Europa und in Nordamerika der Lockerung von bestehenden Ausgangs- und Veranstaltungsbeschränkungen, mit denen in den letzten beiden Monaten versucht wurde, die Ausbreitung der erwiesenermaßen tödlichen Seuche zu bremsen. Unter dem Druck einer Bevölkerung, die sich nicht länger einsperren lassen will, die schnellstmöglich wie ehedem wieder Einkäufe tätigen und Besuche in Kulturstätten und Restaurants oder Cafés absolvieren will, sind Politiker zaghaft bemüht, mit größtmöglicher Vorsicht die bestehenden Beschränkungen aufzuheben und zwischenmenschliche Begegnungen zu ermöglichen, ohne dafür das Risiko einer neuerlichen Verbreitung des Virus einzugehen. Dass diese Initiative letztendlich eine von vielen Unwägbarkeiten begleitete Gratwanderung darstellt, zeichnet sich mittlerweile bereits überdeutlich in den USA ab, wo die auf Geheiß des Präsidenten betriebenen Lockerungen einzig wirtschaftliche Gründe hatten, ohne den damit zwangsläufig verbundenen Gefahren Rechnung zu tragen. Ein Wiederaufflammen der Infektionen war die logische Folge.

Gerade in Zeiten der Lockerung sind nämlich essenzielle Vorsichtsmaßnahmen wie die Wahrung von Mindestabständen, die Vermeidung von größeren Zusammentreffen und das Tragen von Schutzmasken absolute Notwendigkeiten, die während der Ausgangsbeschränkungen weniger schwer in die Waagschale fielen. Es ist deshalb nur schwer verständlich, dass man in öffentlichen Transportmitteln oder in Einkaufszentren wieder massenweise Menschen ohne Gesichtsmasken antrifft, dass sich mehr oder weniger öffentlich schon wieder Menschenansammlungen bilden und dass die soziale Distanzierung schon wieder wie ein Relikt aus grauer Vorzeit anmutet.

Die „neue Freiheit“ sollte und müsste eigentlich vor allem als Verpflichtung verstanden werden, mit den Lockerungsmaßnahmen besonders verantwortlich umzugehen. Das gilt in besonderem Maße auch für den Schulbetrieb, der ab heute auch in den Grundschulen landesweit wieder aufgenommen wird, wobei aber jetzt schon bedacht werden muss, dass die vorgeschriebenen technischen und organisatorischen Maßnahmen der Gemeinden nur dann greifen können, wenn auf strikte Einhaltung gedrängt wird. Weil Kinder aber Kinder sind und naturgemäß nur schwer unter der gebotenen Kontrolle gehalten werden können, beinhaltet dieser Schritt ein großes Risiko, dessen Auswirkungen erst nach der bekannten Inkubationszeit von etwa zwei Wochen definitiv abgeschätzt werden können. Hier stehen auch die Eltern weiter in der Pflicht. Wenn, wie beabsichtigt, die Bewirtungsbetriebe zum Pfingstwochenende wieder öffnen dürfen, muss man sich auch hier bewusst sein, dass einerseits nicht sofort der große Rush einsetzen wird, sondern viele Gäste noch ausbleiben werden, während andererseits für die Anwesenden absolute Disziplin geboten bleibt. Der lange Weg zurück in eine neue Normalität wird mit Sicherheit kein Zuckerschlecken.