CHRISTINE MANDY

Eine philosophische Überlegung über Smartphones

Ich habe verschlafen. Woran das liegt? Ich hatte kein Handy. Und das nicht etwa, weil ich es verloren habe oder jemand sich das teure Gerät unter den Nagel gerissen hat- warum sollte er das auch tun, gilt ein Handy doch nicht nur als Segen sondern auch als Fluch, so zumindest heißt es doch immer - sondern weil ich auf den gutgemeinten Ratschlag hören wollte, den scheinbar völlig überbewerteten Begleiter einfach einmal auszuschalten und in eine Schublade zu sperren, da das ja ungemein befreiend sein soll. Ich wollte mich der Herausforderung stellen, die Hürden des Alltags auch so zu meistern. Ich glaube an den Smartmenschen und an seine App-lose Existenz.

Kein Dandy ohne Handy

Auf der Uni komme ich schon mal zu spät an. Danach wollte ich ja eigentlich noch mit einer Freundin essen gehen, aber wenn ich nicht gerade über den ganzen Campus laufen möchte, in der Hoffnung, ihr zufällig zu begegnen, habe ich keine Chance, sie danach zu fragen und einen Treffpunkt auszumachen. Dann gehe ich halt allein essen. Im Regen. Ohne Regenschirm. Niemand hat mir das Wetter vorhergesagt! Immerhin sitzen in der Mensa immer so viele gutaussehende Studenten allein an einem Tisch, man könnte sich ja irgendwo dazu setzen? ...

Das tue ich dann auch, rede aber ziemlich wenig mit meinem Gegenüber, da seine virtuellen Gespräche wichtiger zu sein scheinen als meine volle, ausnahmsweise nicht app-gelenkte Aufmerksamkeit. Aber er fragt mich, ob ich Haustiere habe, was ich bejahen kann, doch das niedliche Foto von meinem Vierbeiner als Welpe kann ich ihm nicht zeigen. Auch ist er Spanier -der Junge, nicht mein Hund- und meine Kenntnisse reichen nicht aus, um ein vernünftiges Gespräch führen zu können, jedenfalls nicht ohne mein geliebtes Online-Lexikon, auf das ich ja blöderweise nicht zugreifen kann. Trotzdem will er meine Nummer haben. Blöd nur, dass er mir nicht app-zukaufen scheint, dass ich kein Telefon besitze. Er fragt mich, ob ich eine „Ökotante“ sei oder einer Sekte angehöre und läuft dann kopfschüttelnd und auf einen mit fettigen Fingerabdrücken versehenen Bildschirm starrend davon. Ich will gar nicht wissen, wie viele Bakterien sich darauf befinden. Ich bin clean.

Halbe Sachen

Ich will mich mit Einkaufen trösten, das funktioniert bei Frauen ja bekanntlich immer. Das stellt sich nur als etwas problematisch heraus, wenn man keine Einkaufsliste hat. Ich schleppe meine völlig arbiträr gefüllten Einkaufstaschen nach Hause und gebe viel zu viel Geld aus, da ich das Kopfrechnen seit der zweiten Klasse nicht mehr beherrsche und mein Taschenrechner mir app-handen gekommen ist. Ich habe auch weder fünfzig Finger, noch habe ich halbe oder zehntel und mit Bruchrechnen habe ich es sowieso auch nicht so. Es ist schon dunkel und ich habe keine Taschenlampe dabei, da kommt es, wie es kommen muss: Ich falle hin. Hilfe rufen könnte ich nicht, welches Krankenhaus Dienst hat wüsste ich auch gern. Zum Glück aber komme ich mit nur einem blauen Fleck davon und es bleibt mir auch erspart, dass ich diesen genauer analysiere und mir online selbst die Diagnose Krebs stelle.

App-etitlich

Zu Hause angekommen will ich etwas kochen und diesen Moment mit einem Selfie festhalten. Das fertige Essen muss natürlich auch app-gelichtet werden und beides schicke ich an die Mama - aber dann fällt mir wieder ein, dass das ja heute nicht geht. Glücklicherweise muss man dazu sagen, denn ohne Rezept stellt sich das als unlösbare Aufgabe heraus, was meine angekohlten und im Topf festgebackenen Nudeln bestätigen können. Vom Verzehr dieser Köstlichkeit drückt und ziept mein App-endix, aber da ist app-solut nichts zu machen.

Ich will zu unserem wöchentlichen Stammtisch, fahre extra dahin und stelle fest, dass außer mir niemand da ist. Es hat wohl jemand Mitleid mit mir, weil ich mich nun mit Siri unterhalten möchte und weinend ihre App-wesenheit beklage, denn wieder werde ich angebaggert. Aber: Zu früh gefreut, da läuft jetzt wohl leider nichts mehr: Niemand hat mich an meine Pille erinnert!

Ich gehe nach Hause und weiß nicht, wie viel Uhr es ist, ich würde gerne noch etwas Musik hören, besitze aber nichts, was angenehme Töne von sich geben könnte und auch wird mein Referat morgen wohl nichts werden. Meine Gruppe musste ohne mich auskommen und ich ohne meine Gruppe. So macht man sich Freunde! Wäre ich ein Teilnehmer an einer Castingshow würde man mir bestimmt jetzt sagen: „Ich habe heute leider keine Likes für dich“.

App-ra Kadabra

Irgendwann klingelt es und ich erschrecke, weil ich schon fast erstaunt bin, dass noch irgendetwas ohne Smartphone funktionieren kann, denn ich, das muss ich mir eingestehen, kann das nicht.

Vor der Tür stehen meine Eltern, die dachten, ich sei ermordet worden, weil ich einen halben Tag lang nicht app-rufbereit gewesen bin und es fühlt sich fast so an, als wäre da etwas Wahres dran, denn als ich mein Handy aus der Schublade nehme und es anschalte, fühle ich mich wieder wie ein Mensch. Ich beantwortete mit meinen eingerosteten Daumen, die einen Tag im Dornröschenschlaf verbracht haben, eine Vielzahl verpasster Nachrichten und fühle mich plötzlich weniger einsam, unbeholfen und unselbstständig - ob ich das auch tatsächlich bin, sei an der Stelle mal dahin gestellt.