LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

„Chamber“-Debatte über die Zukunft der zivilen Luftfahrt - Minister Bausch: brauchen bis zum Sommer Strategieplan für Luxair

Es war ein Feuerwerk an Zahlen, eine dramatischer als die andere: die Redner bei der von der CSV beantragten parlamentarischen Aktualitätsstunde über die Zukunft der zivilen Luftfahrt in Luxemburg erwähnten die Einbrüche im dreistelligen Milliardenbereich, welche die Branche in diesem Jahr angesichts der Covid-19-Pandemie erwarten, die zehntausenden Arbeitsplätze, die jetzt bereits scharfen Kostenreduzierungsprogrammen zum Opfer fallen oder die Dutzenden Fluggesellschaften, die Prognosen zufolge überhaupt nicht mehr starten werden.

Mindestens drei Jahre Turbulenzen

Seit Mitte März oder noch länger steht der Flugbetrieb quasi weltweit angesichts der Reiseeinschränkungen zur Eindämmung der Verbreitung des Coronavirus. Flüge gehen nur noch, um gestrandete Landsleute heimzuholen. Auf eine schnelle Wiederaufnahme des Flugbetriebs ist auch bei völliger Lockerung der Reisebeschränkungen kaum zu hoffen, es wird Monate dauern, bis die Passagiere sich wieder trauen, zu reisen und es wird die Gesellschaften Abermilliarden kosten, die Sicherheitsvorkehrungen an Bord gegen die Ansteckungsgefahr zu gewährleisten. Mindestens drei Jahre werde es dauern, so rechnet die IATA, der internationale Verband der Fluggesellschaften vor, bis das Passagieraufkommen wieder den Stand von 2019 erreicht.

Auch die im internationalen Vergleich kleine luxemburgische Gesellschaft Luxair hat es voll erwischt. Seit dem 24. März ist die Flotte am Boden. Der CSV-Abgeordnete Serge Wilmes sieht „das schwerste Jahr in ihrer Geschichte“ auf die Luxair zukommen, an der der Staat direkt 39 Prozent hält, die Staatssparkasse 21,8 und die BIL 13,1 Prozent. Der Holding Delfin, hinter der die italienische Milliardärsfamilie Del Vecchio steckt (Luxottica), gehören seit 2015 13 Prozent der Luxair S.A., Luxair selbst 10 Prozent, Luxair Finance rund 2,8 Prozent, dann gibt es noch ein paar kleinere Aktionäre.

Keine klare Sicht

Die Luxair-Gruppe hatte am Dienstag ihre Bilanz für 2019 vorgelegt, die bei einem Gesamtnettoumsatz von etwa 615 Millionen Euro ein Nettoresultat von 8,1 Millionen Euro auswies, wobei die Standbeine LuxairTours (Pauschalreisen) und LuxairServices einen Gewinn von jeweils 10,1 und 2,5 Millionen erzielten. Das Airline-Geschäft verzeichnet indes mit 12, 1 Millionen einen starken Verlust und auch LuxairCargo, die Waren-Handling-Sparte, ist nach einem positiven Resultat von 3,9 Millionen Euro 2018 im vergangenen Jahr in die Verlustzone geflogen (-3,1 Millionen). Auf der Kapital- und Reserveseite stehen zwar bei Luxair 366 Millionen Euro, allerdings ist längst nicht klar, wie intensiv und wie lange an den Reserven gezehrt werden muss.

Derzeit bereitet sich die Gesellschaft auf einen progressiven Neustart im Juni vor. Der einzige Lichtblick sind derzeit die hohen Warenvolumen, die im Cargocenter umgeschlagen werden. Wann die Passagiere zurückkommen und der Tourismus wieder anlaufen kann, bleibt bis auf Weiteres ungewiss. So konnte auch Vizepremier François Bausch, zuständig für Mobilität, Bauten, Innere Sicherheit und Verteidigung, auf die zahlreichen Fragen der Abgeordneten nur wenige Antworten liefern.

„Niemand kann derzeit eine richtige Prognose machen“, meinte der Grünen-Politiker, der noch nichts davon gehört haben will, dass eine der Fluggesellschaften am Findel dem Flughafen den Rücken kehren wolle. Vieles hänge davon ab, wie die einzelnen Länder ihre Lockerungsbestimmungen gestalten aber auch, was die EU-Kommission an staatlichen Fördermaßnahmen für angeschlagene Airlines und Flughäfen zulässt. Man sei dabei, das zu klären.

Bausch will vor allem noch vor dem Sommer einen Strategieplan sehen, wie Luxair - „ein essenzieller Betrieb für unsere Wirtschaft“ - sich für die kommenden Jahre aufstellen will. Aufgrund dieser Arbeit werde „der Staat seine Verantwortung übernehmen“, meinte Bausch, der durchblicken ließ, dass die Luftfahrtbranche auf jeden Fall einer der Wirtschaftszweige sei, der länger vom „chômage partiel“ aus Krisengründen Gebrauch machen können müsse.

Rückendeckung für Gilles Feith

Der Minister musste sich auch zahlreichen Fragen über die Nominierung von Gilles Feith als neuen Generaldirektor der LuxairGroup zum 1. Juni stellen. Der frühere Direktor des „Centre des technologies et de l‘information de l‘Etat“ (2014 bis 2019) und zuletzt Erster Regierungsrat in der Verteidigungsdirektion des Außenministeriums war Ende April von Luxair-Verwaltungsratspräsident Giovanni Giallombardo als Nachfolger von Adrien Ney vorgeschlagen worden, der nach 15 Jahren am Ruder der Gesellschaft seine Rentenansprüche geltend macht. Ob es nicht einer internationalen Ausschreibung bedurft hätte, um einen Nachfolger mit Erfahrung in der Luftfahrtbranche zu finden, fragten mehrere Abgeordnete?

Es sei wichtig gewesen, dass die Luxair schnell eine Entscheidung in der momentanen Krisensituation treffe, meinte Bausch. „Ich bin froh, dass das so geklappt hat“, sagte der Minister und hob die Qualitäten von Feith als Krisenmanager im Cargocenter hervor. Bei der Luxair gehe nun ein Luxemburger mit viel Erfahrung und Mut ans Werk. Seiner Meinung nach hätte die internationale Rekrutierung eines neuen Luxair-Chefs über Headhunter nicht bloß viel länger gedauert, sondern eine „noch größere Wundertüte“ beschert.

Lëtzebuerger Journal
LUFTFAHRTBRANCHE: ARBEITSPLÄTZE ERHALTEN

Die Forderungen des OGBL

Angesichts der schwierigen Situation in der Branche ist für den OGBL klar, dass der Erhalt der Arbeitsplätze und der sozialen Errungenschaften der Arbeitnehmer an erster Stelle stehen muss. Doch allen voran muss die Gewährleistung der Gesundheit und Sicherheit der Beschäftigten stehen, heißt es in einem Forderungskatalog des „Syndicat Aviation civile des OGBL“. Es müsse daher klare Vorschriften geben, so die Gewerkschaft, die außerdem freiwillige Covid-19-Tests für die Arbeitnehmer vor Wiederaufnahme des Passagierbetriebs fordert.
Die Wiederaufnahme und die Sicherheitsvorschriften müssten in ganze Europa zudem gleich sein. Der OGBL fordert vor allem eine echte Jobgarantie für alle Beschäftigten der Branche und den unbedingten Respekt der sozialen Rechte. Die Gewerkschaft schließt sich der Forderung der Europäischen Föderation der Transportarbeiter an, ein europäisches Rettungspaket für die Branche auszuarbeiten. In Luxemburg müsse auf jeden Fall die Kurzarbeit im Sektor möglich bleiben, bis die Krise ausgestanden ist. Eine Forderung des OGBL ist neben der Reduzierung der Zeitarbeitsverträge in der Branche auch der Aufbau einer echten Schule für die Fachkräfte im Sektor, der einen hohen Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern aufweise.  LJ
WIRTSCHAFTSFAKTOR FINDEL

Fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts

Der einzige Passagier- und Frachtflughafen Luxemburgs generiert etwa fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das geht aus einer Studie im Auftrag von lux-Airport auf Basis der Zahlen von 2015 hervor. Damals waren das rund 2,6 Milliarden Euro.
Die Autoren der Studie kamen auf rund 24.170 Arbeitsplätze, die insgesamt vom Flughafen abhängen würden (also auch Dienstleister, Hotelgewerbe in der Nähe, Transport...), darunter 6.280 direkt.
Im vergangenen Jahr wurden 4,4 Millionen Passagiere auf dem Findel gezählt, neun Prozent mehr als 2018 und ein Rekord. 89 Destinationen sind ab dem luxemburgischen Flughafen erreichbar, in diesem Jahr sollten noch mindestens vier weitere dazukommen.
Die Start- und Landebahn des Flughafens benötigt dringend eine Sanierung, die im Frühjahr 2021 beginnen soll und sich über zwei Jahre hinziehen dürfte. Der Kostenpunkt für die Sanierung und die Anpassung der Rollwege sowie für weitere notwendige Arbeiten beläuft sich auf 270 Millionen Euro, die vollständig von lux-Airport getragen werden.   LJ