LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Beton trägt den luxemburgischen Bauboom

In Luxemburg herrscht seit Jahren ein ungebrochener Bauboom. Spektakuläre Bauten, die nur aus Glas und Stahl zu bestehen scheinen, bestimmen das Bild. Im privaten Bereich gibt es mehr und mehr Holzhäuser. Doch der real beherrschende Baustoff, der auch bei den experimentellen Bauten den Kern oder die Basis bildet, ist ein anderer - Beton.

Beton ist so alltäglich, dass er eigentlich nicht auffällt. Dabei besteht die Welt um uns herum praktisch aus Beton.

Ein antiker Baustoff

Mit einem Irrtum muss man ganz schnell aufräumen. Beton ist kein Baustoff der Neuzeit. Die Technik einer Masse aus Kalk, Sand und Wasser, die leicht zu verarbeiten aber stabil ist, war im Prinzip schon in der Antike bekannt. Das bekannteste Beispiel ist die immer noch bestehende Kuppel des Pantheon in Rom. Der ehemalige Tempel, spätere Kirche und Grabstätte von Raffael wurde im zweiten Jahrhundert gebaut. Auch die römischen Aquädukte sind im Inneren mit einer Art Beton verkleidet. Mit dem Ende der Antike ging die Technik dann verloren.

Am Ende des 18. Jahrhunderts begann ein langsames Beton-Revival. Zu den entscheidenden Schritten gehörte die Erfindung des Portland-Zements (1824) - grob gesagt: Kalk und Ton fast bis zur Verflüssigung erhitzen. Das Ergebnis war ein neuer Baustoff namens Zement - und später die Erfindung des Franzosen Monier. Die  gleichnamigen Eisen gaben dem Beton nun eine ungeahnte Stabilität.

Der nächste Schub waren Bauten aus Spannbeton. Erste Beispiele gibt es schon vor dem Zweiten Weltkrieg. In der Phase des Wiederaufbaus erlebt die neue Kombination von vorgespannten Stahlseilen und Beton gerade im Brückenbau einen Siegeszug, ebenso beim Bau spektakulärer Hallen (siehe Seite 3).

Beton-Brutalismus

In den 1960ern und 1970ern wird auf einmal der kahle, der unverblendete Sichtbeton ein architektonischer Hit. „Art Brut“ oder „Brutalismus“ heißt die Architekturrichtung. Öffentliche Bauten, Schulen, Privathäuser und sogar Kirchen in Sichtbeton waren angesagt. Auf das Hosianna folgt bald, das „Kreuzigt ihn!“ Der Sichtbeton geriet schneller in Verruf, als man ihn bauen konnte. Beton ja, sogar mehr denn je, aber bitte so, dass man ihn nicht sieht. Heute kämpfen Denkmalschützer darum, die verschrieenen Kästen als Zeitdokumente zu retten. Unter Architekturtheoretikern und auch bei den Architekturstudenten erlebt der „Brutalismus“ gerade eine Rehabilitation.

Besser als sein Ruf ist auch der  Bau von mehrstöckigen Wohnhäusern aus vorgefertigten Betonteilen. Unser Bild davon ist geprägt von den Trabantenstädten des ehemaligen Ostblocks. Kurz „Platte“ genannt. Dabei war es eigentlich ein Geniestreich, um schnell die Wohnungsnot zu beseitigen – leider endete es vielfach mit „Arbeiterschließfächern“ (DDR-Jargon). Im Westen neigte man wenigstens zu Variationen, aber auch hier kam bald der schlechte Ruf. Hier gilt ebenfalls: Man darf die Fertigteile aus Beton nicht sehen.

Beton steht heute für einen Sammelbegriff hochspezialisierter Baustoffe, die für den jeweiligen Zweck speziell angemischt werden. Übrigens: Vieles, was im Baumarkt Beton heißt, ist in Wahrheit keiner; etwa „Porenbeton.“

Von wegen „Wie Sand am Meer“

Beton hat heute kein Akzeptanz-Problem. Beton hat ein Sand-Problem. Diesen gibt es nicht mehr „wie Sand am Meer“, denn der für Beton benötigte Sand muss eine spezielle kristalline Struktur haben. Der vom Wind - simpel formuliert - „rundgelutschte“ Wüstensand ist nicht zu gebrauchen. Im Kampf um den Sand müssen sich die Betonhersteller auch noch mit der Konkurrenz der Glas- und Computerchip-Industrie herumschlagen.

Das vermeintlich simpelste Teil des Wunderbaustoffs Beton ist also gerade sein größtes Problem.