LUXEMBURG
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„Es gab keine Grenzen für den Sadismus“: Shlomo Selinger im „neimënster“

Als Shlomo Selinger anfing, aus einem Leben zu erzählen, wich die Aufmerksamkeit, die das Publikum am Dienstagabend im „neimënster“ seinem Gast schenkte, schnell einer bedrückenden Stille. Der 90-Jährige, der neun Nazi-Lager und zwei Todesmärsche überlebt hat, holte die Gäste anhand von Zeichnungen mit in die Albträume, die er erlebt hat.

Selingers Leben fing eigentlich unbeschwert an. Geboren in eine vergleichsweise wohlhabende polnische Familie von Textilhändlern, konnte er etwa, anders als seine Altersgenossen, zum Skifahren in die Berge fahren. Doch als der Krieg ausbrach, „hat das unser ganzes Leben verändert“. Zunächst die Ausgangssperren und die Zwangsarbeiten nach dem Einmarsch der Deutschen, danach in ein Ghetto in Südpolen verfrachtet, schließlich mit seinem Vater ins KZ Faulbrück.

Vater, Mutter und Schwesterüberleben nicht

Mit 13 Jahren wurde Shlomo Selinger deportiert. Vater, Mutter und seine jüngere Schwester überleben nicht. Er selbst entrinnt immer wieder den Fängen des Todes. „Der Tod wollte mich nicht“, lautet einer von Selingers bekannten Sätzen. Die traumatischen Erfahrungen leben in seinen Zeichnungen, anhand derer er durch den Abend führt, wieder auf. Selingers Zeichnungen sind nie vollständig. Wie er ausführt, teilt er das Blatt intuitiv nach den Kompositionsregeln der Renaissance beziehungsweise dem goldenen Schnitt auf, sodass viele Flächen weiß bleiben. „Das Weiß ist so wichtig wie das Schwarz“, sagt Selinger. Die leeren Flächen soll der Betrachter mit seiner eigenen Vorstellung ausfüllen. „Durch die Kunst kann man die Erinnerung viel länger andauern lassen“, bemerkt Selinger, der erst nach dem Krieg die Bildhauerei für sich entdeckte. Selinger berichtet etwa von den Deportationszügen, die so voller Menschen waren, dass einige nicht einmal die Fahrt ins KZ überlebten. Hörbares Entsetzen geht durch den Saal, als er erzählt, wie SS-Leute Kinder mit ihren Bajonetten aufspießten und Müttern dann den Vorwurf machten, was sie denn für Mütter seien, die ihre Kinder zurücklassen. „Es gab keine Grenzen für den Sadismus“, sagt Selinger. Beispiele dafür nennt er an diesem Abend viele.

Dem sicheren Tod entrinnt Selinger auch, als die Befreiung naht. Als er im KZ Theresienstadt ankam, sei er schwach gewesen, erinnert sich der damals 17-Jährige, der dann - offensichtlich bewusstlos - schon zu den Toten gelegt wurde. Ein russischer Militärarzt habe dann bemerkt, dass Selinger noch am Leben war und ihn ins Krankenhaus gebracht.

Nach dem Krieg führt Selingers Weg ans Tote Meer und - nachdem er seine heutige Frau heiratete - auch nach Paris. Skulpturen schaffen zu können „hat mir ermöglicht, zu leben“, sagte Selinger am Dienstagabend nach knapp anderthalb Stunden. Für den Bildhauer, der zwei Jahre am nationalen Denkmal zur Erinnerung an die Opfer der Shoah gearbeitet hat, das am vergangenen Sonntag offiziell eingeweiht wurde, sei es zudem ein Privileg, die vielen Monumente, die er in Granit verewigt hat, anzufertigen.