LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Das Foto ging vor genau fünf Jahren um die Welt: ein kleiner Junge liegt leblos am Strand in der Nähe des türkischen Ferienorts Bodrum. Alan Kurdi hieß er und wurde nur zwei Jahre alt. Gemeinsam mit seiner Mutter, seinem vierjährigen Bruder und wahrscheinlich einer Menge anderer Menschen ertrank er auf der Flucht aus dem Bürgerkriegsland Syrien in der Ägäis. Sie wollten nach Europa, wo sie sich endlich Frieden und eine Zukunft erhofften. Fünf Jahre später tobt der blutige Krieg in Syrien trotz unzähligen Anläufen für einen Frieden immer noch und wird das Mittelmeer weiterhin für Hunderte, wenn nicht Tausende zum nassen Grab. Fünf Jahre später sind die Flüchtlingslager in Griechenland und anderswo immer noch restlos überfüllt. Mit der Covid-19-Krise ist eine weitere Bedrohung für die Flüchtlinge hinzu gekommen.
Im mit knapp 14.000 Migranten größten Flüchtlingslager Moria auf Lesbos, das seit einigen Tagen unter Corona-Quarantäne steht, geben sich Politiker aus aller Welt die Klinke in die Hand. Und empören sich ob der Bedingungen und der Verzweiflung der Menschen, die wochen-, monatelang, gar jahrelang nicht wissen, wie es mit ihnen weitergeht. Wie viele Aufschreie hat man in den letzten Jahren gehört, Europa müsse nun endlich wach werden und mit einer gemeinsamen, humanen Asylpolitik die Misere auflösen.
Aber davon scheint man weiterhin meilenweit entfernt. Auch wenn Deutschland, das die EU-Ratspräsidentschaft inne hat, nun im Herbst einen Durchbruch wagen will und die EU-Kommission mit einem neuen Relokalisierungsprogramm kommen will. Erst haben Politiker vorgeführt, wie vorzüglich sich populistische Angstpolitik mit Migranten betreiben lässt, eine Übung, die auch Regierungslenker virtuos beherrschen und deshalb immer wieder solidarische Lösungen blockieren und parallel die eigenen Gesetzgebungen für die Aufnahme von Flüchtlingen verschärfen.
Ein hässliches Spiel mit Migranten ist übrigens auch der Umstand, dass die Türkei den eigentlich skandalösen „Flüchtlingsdeal“ mit der EU aus dem Jahr 2016, laut dem in Griechenland anlandende Migranten wieder in die Türkei zurück transportiert werden im Gegenzug für finanzielle Hilfen, immer wieder als politischen Hebel benutzt. Aber zurück zur EU, in der eine gemeinsame Asylpolitik auch an den Konsequenzen der Corona-Krise zu scheitern droht, deren wirtschaftlicher Schaden erst in einigen Monaten voll durchschlagen wird.
Budgetäre Engpässe werden nicht zuletzt einen riesigen Druck auf Engagements außerhalb Europas bereiten. Die beste Lösung, so lautet oft die Losung, sei es doch, Menschen vor Ort zu helfen, ihre Zukunft aufzubauen. Das braucht Geld, viel Geld. Aber wie soll das gehen, wenn nicht einmal, wie immer mehr Organisationen klagen, genügend Fonds für die elementaren humanitären Hilfestellungen zusammen kommen? Den Einsatz dieser Organisationen sollten wir übrigens in diesen Zeiten noch weit stärker unterstützen. Und in einer Welt, in der fast 80 Millionen Menschen auf der Flucht sind - die Hälfte Kinder - Politiker, die wahre Lösungen suchen, um Schicksale wie das von Alan Kurdi zu vermeiden. „Menschen stumpfen gegen die Tragödie ab, weil sich jeden Tag eine Tragödie ereignet“, bedauerte dessen Tante Tima in einem Interview. Das ist nicht hinnehmbar. Das Foto des toten Jungen am Strand sollte uns immer daran erinnern.