Das Jahr 2015 ist ein Jahr der Erinnerung, in dem Europa auf einige verheerende Ereignisse der Geschichte zurückblickt. Dieses Wochenende rührte die luxemburgische Presse an den 20. Jahrestag des Völkermordes im bosnischen Srebrenica. Monatelang diskutierten Regierungen in Europa über die Anerkennung des Genozids an den Armeniern im Jahre 1915, der schätzungsweise eine Million Opfer zählte. Hier und jetzt, wo Deutschland ebenfalls das Ende der Kolonie Südwestafrika im Jahre 1915 zelebriert, fordern die deutsche Opposition, sowie ebenfalls Namibier die Anerkennung des deutschen Völkermordes an den Herrero und Nama im Jahr 1905.
Luxemburg zelebrierte 2015 den 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs, und also implizit auch des Genozids an den europäischen Juden. Außerdem erinnern die Luxemburger Medien auch regelmäßig an die tragischen Ereignisse des Jahres 1915, als tausende junge Männer aus der ganzen Welt einen grausamen Tod an der Westfront des Ersten Weltkriegs im nahen Flandern starben.
All diese Momente der Erinnerung an die Geschichte, in denen sich Deutsche, Türken und Serben schwerster Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht haben, und dabei auf viele Kollaborateure aus anderen Ländern zählen konnten, rückt das Thema der Entschuldigung erneut in den Mittelpunkt.
Papst Franziskus, der dieser Tage positiv auffiel durch eine Entschuldigung für die europäischen Kolonialverbrechen in Südamerika, hatte seinerseits bereits 2013 die Verbrechen an den Armeniern als ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Dies war zwar ein wichtiger Ansatz, nur hatte er sich geirrt, denn der erste Völkermord des Jahrhunderts war jener an den Herrero in Südwestafrika im Jahre 1905. Die deutsche Kolonialmacht hat nämlich in den Jahren 1904 und 1905 einen Aufstand der Herrero brutal niedergeschlagen, schätzungsweise 80.000 Herrero in die Wüste gedrängt und von allen Überlebensmöglichkeiten abgeschnitten. Dieses brutale Verbrechen wurde später als eine Prämisse des Holocaust identifiziert.
Die aktuellen politischen Debatten in Europa beweisen, wie schwer sich Menschen und Regierungen noch immer mit Anerkennungen von Völkermorden tun.
Die Angst vor diplomatischen Konflikten, sowie ebenfalls vor finanziellen Forderungen der Nachkommen der Opfer tragen dazu bei, dass weder der Völkermord an den Herrero, noch jener an den Armeniern einen gebührenden Platz in der Geschichte bekommen konnten.
Auch die Strafverfolgung von Tätern bleibt eher spärlich; nur wenige Schuldige des Mordes an 8.000 Jungen und Männern in Srebrenica im Jahre 1995 wurden bisher bestraft, und wir haben den Einzug der serbischen Truppen alle damals im Fernsehen mitverfolgt. Srebrenica dokumentiert die Unfähigkeit der UNO, schlimmste Verbrechen zu verhindern; dasselbe Problem schälte sich anlässlich des Völkermordes in Ruanda 1994 heraus.
Der Sommer 2015 sollte also ein Moment der Besinnung sein, wie Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Zukunft besser verhindert werden können, und wie die Regierungen hier und jetzt mit der Erinnerung umgehen sollten.


