LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Die doppelte Kapitulation

Heute und morgen wird in ganz Europa das Kriegsende vor 75 Jahren begangen, ohne Corona würde es sogar gefeiert werden. Genau genommen war es keine Ende – es war der VE-Day, den Tag des „Victory in Europe“. Japan kämpfte noch.

Wie bei größtmöglichen Katastrophen üblich, hatte sich der Hauptverursacher, der Führer und Reichskanzler, per Kugel oder Zyankalikapsel oder beidem, man streitet sich noch, davon gemacht. Offiziere, die ihm jahrelang willfährig gefolgt waren – die mit einem Gewissen waren nach dem 20. Juli 1944 erschossen worden – mussten nun den letzten Akt vollziehen.

Verteilt über Tage ging es schrittweise voran, bis Generaloberst Alfred Jodl dann am 7. Mai in Reims im Hauptquartier von Eisenhower die entscheidende Unterschrift leistet. In der Rückschau riecht es schon nach dem kommenden Kalten Krieg, als Stalin mitten im allgemeinen Jubel auf einer eigenen Kapitulationszeremonie bestand, bei der dann Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, Karikatur eines preußischen Offiziers, am 9. Mai seine Unterschrift leistete.

Der letzte Akt: Kriegsende in Europa – Dönitz bringt es zu Ende

Nach dem er Millionen Menschen den Tod gebracht hatte, überließ Hitler den letzten Akt des „tausendjährigen Reiches“ anderen. Er schoss sich am 30. April 1945 im Berliner Bunker eine Kugel in den Kopf. Zuvor hatte er auf Basis eines Gesetzes von 1934 den Oberkommandierenden der Marine, Großadmiral Karl Dönitz, langjähriger Kommandant der U-Boote und überzeugter Nationalsozialist, zu seinem Nachfolger und Reichspräsidenten ernannt. Göring war zuvor bei Hitler in Ungnade gefallen und auf der Flucht. Goebbels, designierter Kanzler, brachte zunächst seine Kinder und dann sich selbst um.

Regierungssitz Flensburg

Dönitz saß im Marienoberkommando in Mürwik bei Flensburg an der dänischen Grenze und übernahm dort das Amt des Staatschefs formal am 2. Mai, an seiner Seite Reste der Reichsregierung. Im Gegensatz zu Hitlers Auftrag, bis zur letzten Patrone zu kämpfen, verzögerte Dönitz ‚nur‘ die unausweichliche Kapitulation für mehrere Tage, um Wehrmachtstruppen und Zivilisten eine weitere Flucht vor der Roten Armee nach Westen zu ermöglichen. Immerhin warf er den Reichsführer SS, Heinrich Himmler, und den Chefideologen der Nazis, Alfred Rosenberg, aus allen Ämtern.

Teilkapitulationen

Am 3. Mai nahmen im Auftrag von Dönitz hohe Offiziere von Wehrmacht und Marine erste Verhandlungen mit den Engländern auf. Ziel war eine Kapitulation nur vor den Westmächten, was von den Briten abgelehnt wurde. Am 5. Mai erfolgte eine Teilkapitulation der deutschen Truppen für Norddeutschland, die Niederlande, Norwegen und Dänemark. Am 2. Mai hatten schon die deutschen Truppen in Italien auf eigene Faust kapituliert.

Formal ging der Krieg in Europa dann mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands am 7. Mai 1945 in einem Schulhaus im französischen Reims, dem Hauptquartier der Westalliierten, zu Ende.

Unterzeichnet wurde das Dokument von Generaloberst Alfred Jodl und Generaladmiral Hans-Georg von Friedeburg im Auftrag von Dönitz. Für die Alliierten unterzeichneten der Stabschef Eisenhowers, General Walter Bedell Smith, sowie ein französischer und ein sowjetischer Offizier. Der Waffenstillstand trat am 8. Mai um 23.00 in Kraft. Die Deutschen erfuhren offiziell von der Kapitulation durch eine Rede des „leitenden“ Ministers der Restregierung, Lutz Graf Schwerin von Krosigk, über den Radiosender Flensburg.

Zwei Kapitulationen, zwei Daten

Der sowjetischen Seite reichte die rechtskräftige Unterschrift von Reims nicht, die Kapitulation musste vor dem Sieger von Berlin, dem sowjetischen Marschall Schukow, noch einmal in Berlin-Karlshorst wiederholt werden, nach Moskauer Zeit erst am 9. Mai. Womit der Krieg in Europa an zwei verschiedenen Tagen zu Ende ging. Diesmal unterschrieb auf deutscher Seite Hitlers oberster Lakai, Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel für die Wehrmacht. Diese „zweite“ Kapitulation in Berlin ist dank sowjetischer Kameraleute erheblich bekannter als die „echte“ Kapitulation in Reims.

Dönitz und die verbliebene Reichsregierung in Flensburg blieben formal bis zum 23. Mai 1945 im Amt, dann wurden sie von den Briten verhaftet. Die Mitglieder kamen entweder als Kriegsverbrecher in Haft oder gingen in Kriegsgefangenschaft.

Camp Ashcan

Mondorf, der Ascheimer für Nazi-Größen

Das schrägste Kapitel des Zweiten Weltkriegs in Luxemburg spielte sich erst nach Kriegsende ab – als eine Art grotesker Epilog.
Nach dem die Westalliierten der meisten Nazi-Größen habhaft geworden waren oder sie sich wie Reichsfeldmarschall Hermann Göring, in völliger Verkennung der Lage, selbst gestellt hatten, landeten sie in einem geheimen Luxusgefängnis, dem „Camp Ashcan“. Kurz gesagt im „Ascheimer“. Wobei dieser Ascheimer nichts anderes war, als das „Palace-Hotel“ in Luxemburgs einzigem Kurort Mondorf-les-bains. Laut einem Bericht des „Spiegel“ sollen die amerikanischen Militärpolizisten bei der Anreise von Göring in dessen Gepäck 20.000 Morphintabletten gefunden haben.
In dem Hotel saß die einstige Elite des Dritten Reichs ziemlich komfortabel von Mai bis August oder September 1945 in Haft. Während die Sieger die Kriegsverbrecherprozesse vorbereiteten. Die Herren fühlten sich so wohl, dass es sogar ein Gruppenfoto gibt. Mit Göring in der Mitte. Sie bewohnten zwei Geschosse des Hotels und durften sich im Park frei bewegen, um sich, so das Kalkül, für die Verhöre mit den amerikanischen Ermittlern zu entspannen.
Allerdings handelte es sich bei den Gefangenen nicht um eine homogene Gruppe – laut Aussagen von Zeitzeugen herrschte fröhliches Intrigieren unter den Fraktionen. Die Zahlen der Gefangenen schwanken, aber auf dem Gruppenfoto ist fast die ganze Anklagebank des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses zu sehen.
Widerstand, Zwangsrekrutierung, Shoah

Luxemburgische Opfer des Krieges

Zum Zeitpunkt des deutschen Einmarsches 1940 hatte Luxemburg ungefähr 290.000 Einwohner. Beim Statistikportal ‚Statista‘ wird Luxemburg mit 2.000 zivilen Kriegsopfern aufgeführt. Andererseits nennt das Centre Robert Schuman auf seiner Webseite für Luxemburg eine Gesamtzahl von 5.000 Toten für den zweiten Weltkrieg. Darunter sind auch die zivilen Opfer der Ardennenoffensive nach dem 16. Dezember 1944.
Die untenstehenden Zahlen wurden von den luxemburgischen Widerstandsorganisationen zusammengetragen.
3.500 Männer und 500 Frauen wurden aus politischen Gründen oder aktivem Widerstand in Konzentrationslager deportiert. Allein 1.586 Luxemburger kamen zunächst in das Sonderlager Hinzert bei Trier, dort starben 76 Luxemburger. Rund 800 politische luxemburgische Häftlinge überlebten die Konzentrationslager nicht.
Nach der Annexion Luxemburgs durch Deutschland wurden 10.200 junge Männer zwangsrekrutiert, 2.848 wurden an der Front getötet oder gelten als vermisst.
3.600 Luxemburger verweigerten sich der Wehrpflicht oder desertierten und gingen in den Untergrund.
587 Luxemburger kämpften auf alliierter Seite, 57 fielen im Kampf.
3.614 junge Frauen, sogenannte „Arbeitsmaiden“ wurden in den Reichsarbeitsdienst RAD und in Hilfsdienste gezwungen, 58 von ihnen wurden im Laufe des Krieges getötet.
4.136 Luxemburger, von denen 156 starben, wurden gewaltsam in das damals noch deutsche Schlesien umgesiedelt.
1940 lebten 4.000 Menschen jüdischen Glaubens in Luxemburg, 980 mit luxemburgischem Pass, weitere tausend wohnten schon vor 1933 im Großherzogtum. Der Rest waren Flüchtlinge vor den Nazis, aus den Jahren nach der Machtergreifung. Im Mai 1940 flohen 2.000 Juden nach Frankreich und Belgien, in den
nächsten Monaten weitere 900. Aus Luxemburg wurden später 700 Juden in die Vernichtungslager deportiert, rund 600 der zuvor geflohenen erlitten das gleiche Schicksal in
den Nachbarländern. Kaum einer überlebte die Shoah.
Seit einigen Jahren wird die aktive Kollaboration der luxemburgischen Verwaltung und von Privatpersonen mit dem Nazi-Regime debattiert. Nach dem Krieg wurden knapp 10.000 Luxemburger wegen Kollaboration belangt, 1.300 erhielten Haftstrafen von mehr als zwei Jahren, zwölf wurden zum Tode verurteilt, acht Urteile vollstreckt.