COLETTE MART

Die Lebensmittelverschwendung geriet in den letzten Wochen in nationale und internationale Schlagzeilen. Ein Blick auf die globalisierte Produktion von Nahrungsmitteln offenbart regelrecht skandalöse Zustände. 50 Millionen männliche Küken landen zum Beispiel jedes Jahr auf dem Müll, weil sie in der Eierproduktion nicht benötigt werden. 12 Millionen Schweine sterben jährlich allein in Deutschland an den Haltungsbedingungen, und weitere 400.000 verenden auf dem Weg zum Schlachthaus.

Verschwendung und Tierquälerei gehen hier Hand in Hand, und dieses respektlose System wird von Steuergeldern, das heißt durch EU-Subventionen, mitfinanziert. Nach internationalen Schätzungen werden tatsächlich 50% aller Lebensmittel weggeworfen. Viele Esswaren schaffen nicht einmal den Weg in den Handel. Verbraucher kaufen oft nur den perfekt aussehenden Apfel und die makellose Tomate. Dass hier der Geschmack verloren geht, wurde erst allmählich zum öffentlich diskutierten Thema.

Für all jene Generationen, die noch im Respekt vor der Nahrung aufgewachsen sind (in christlichen Familien wurde früher vor dem Essen gebetet) ist diese Art, mit Lebensmitteln umzugehen, schwer zu akzeptieren. Noch vor wenigen Jahrzehnten war das Wegwerfen von Lebensmitteln in den Familien ein Tabu; selbst trockenes und hartes Brot wurde noch in einer Milchsuppe wiederverwertet, um nur dieses eine Beispiel aus der Geschichte Luxemburger Bauernfamilien zu nennen. Heute wird prinzipiell im Supermarkt zu viel eingekauft, und es ist zum Beispiel durchaus möglich, dass in einer „Maison Relais“ eine Lasagne für zehn Kinder, die übrig bleibt, aus „Hygienegründen“ weder im Kühlschrank aufbewahrt, noch den Kindern mit nach Hause gegeben werden kann. Dabei sei zu bemerken, dass auch in Luxemburg in vielen Familien schlecht und ungenügend gegessen wird. Hier liegt dann auch das Drama der Lebensmittelverschwendung, da das Problem des Hungers, in Luxemburg und in der Welt, keineswegs gelöst ist. 842 Millionen Menschen weltweit haben nicht genug zu essen, dabei wäre genug Nahrung vorhanden, um die 6,7 Milliarden Menschen zu ernähren. Etwa 25.000 Menschen sterben jeden Tag an Hunger und Unterernährung. Aber bleiben wir bei uns.

Wer in Luxemburg in die Prekarität gerät, respektive armutsgefährdet ist, und das sind sehr viele Familien, spart oft zuerst an der Ernährung. Viele junge Eltern wissen auch heute nicht mehr von ihren eigenen Eltern, wie man eine ordentliche und doch preiswerte Mahlzeit kocht, weil es sich hier um Werte handelt, die in der modernen Welt verloren gehen.

Der Cent-Butték in der Stadt Luxemburg rührt daran, wie viele Familien tatsächlich bei uns von Hunger bedroht sind, und hier sind jene, die sich dafür schämen und sich nicht outen, nicht einmal mitgezählt. Organisierte Lebensmittelverschwendung einerseits, Armut und Hunger andererseits, und zwar auch in Luxemburg, sollten politische Gedanken über neue Wege der Lebensmittelproduktion und -verteilung in unserer Gesellschaft anregen.