LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Wie er das Böse in uns hervorbringt

An eine Unterrichtsstunde aus der Grundschule erinnere ich mich besonders gut. Es muss in der dritten oder vierten Klasse gewesen sein. Unsere Lehrerin wollte uns die Struktur von Determinativkomposita erklären mittels der Formel „Bedeutung= Nomen + zum + Infinitiv“. Ihr Beispiel: „Ein Kochtopf ist ein Koch zum Topfen!“

Dieser Regel nach ist es ganz klar: Ein Rucksack ist kein Ruck zum Sacken, aber ein Sack, der einem einen Ruck verpasst – einen Ruck, den man erst mal sacken lassen muss.

Ich wünschte, das wäre ein Scherz, ein missglücktes Wortspiel, ein Schenkelklopfer für Beduselte. Aber ich meine es ernst: IMMER, wenn immer ich im Bus sitze, lauert ein Rucksack gefährlich nah an meinem Schädel. Die Nähe reicht dem wollüstigen Herumtreiber aber nicht aus: Irgendwann kommt es zu einer, natürlich bloß einseitig gewollten, Berührung, einem aggressiven Kuss. Und wenn ich mich wehren will, steigt der Casanova auch schon aus und ist über alle Berge.

Misstrauen und Vorurteil

Das Leben, so heißt es doch, ist wie eine Schachtel Pralinen: Man weiß nie, was drin ist. Das Wort „Pralinenschachtel“ könnte man eigentlich auch durch den Rucksack ersetzen. Das aber passiert aus gutem Grund nicht. Denn bei der Praline erwarten wir etwas Gutes im Inneren. Beim Rucksack ist das anders. Was ich hier erwarte zu finden, sind die fossilisierten Nutellabrotkrümel eines Schulkindes, die müffelnden Wechselklamotten eines Bergsteigers oder, und das ist immer meine erste Assoziation: eine Bombe.

Und deswegen mag ich den Rucksack nicht. Nicht, weil ich recht haben könnte, sondern weil er mir deutlich macht, wie wenig rational und vorurteilsfrei mein Denken ist, wie sehr es von Stereotypen und blinden Emotionen durchzogen ist. Die Hälfte meiner Schweißperlen, die sich bei solchen Rucksackbegegnungen auf meiner Stirn bilden, ist nicht darauf zurückzuführen, dass ich ernsthaft einen Bombenanschlag befürchte. Sie ist darauf zurückzuführen, dass ich von meiner eigenen Reaktion und meinen eigenen Gedanken erschrocken bin. Der Rucksack macht mir nicht Angst aufgrund dessen, was sich in ihm befinden könnte, sondern wegen des Misstrauens, das er in mir auslöst.

Die Stimme im Hinterkopf

Der Rucksack ist ein Satansbraten, weil er zum Bösen verführt. Nicht nur zu bösen Gedanken, sondern auch zu bösen Taten. Denn er fordert uns heraus, gibt uns Handlungsmöglichkeiten vor, die ohne ihn gar nicht erst gegeben wären. Zum Beispiel glaube ich, dass der Rucksack sehr stark an den Konsumenten in uns appelliert, an die Naschkatze, an den Schweinehund. Er verleitet dazu, sehr viele unnötigen Gebrauchsgegenstände zu kaufen und in ihm zu transportieren.

Und da wäre dann diese Gewohnheit von ihm, ständig mit uns zu sprechen und uns abzulenken. „Hey“, ruft er, wenn wir uns eigentlich auf etwas Wichtiges konzentrieren sollten, „probier doch mal die Karamellbonbons in meiner Seitentasche.“ Oder: „Weißt du, wo dein Schlüssel ist?“. Natürlich versuchen wir, ihn zu ignorieren, aber wie ein quengelndes Kleinkind versucht er so lange, unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, bis es ihm gelingt. Regelrecht in Panik versetzt er uns, so dass wir in den ersten fünf Wühldurchgängen den Schlüssel tatsächlich nicht finden.

Doch gibt sich der Rucksack mit diesem Triumph zufrieden? Natürlich nicht! Denn schon eine halbe Stunde später erzählt er uns andere haarsträubende Geschichten. Mich warnt ein Rucksack ja immer sehr vehement vor Taschendieben. Alle zwei Minuten drehe ich mich um und versuche sicherzustellen, dass sich niemand an ihm zu schaffen macht. Ein Rucksackträger zum Beispiel, der selbst Opfer der teuflischen Verführung seines Rucksacks geworden sein könnte. Aus ihm nämlich könnte der Rucksack ja einen Kleptomanen gemacht haben, so, wie er aus mir einen Paranoiden gemacht hat, der in jeder Person einen potenziellen Dieb oder Terroristen sieht.

Ohne Rucksäcke gäbe es keine Diebe, weil sie nicht wüssten, wo sie ihr gestohlenes Gut verstecken sollten, und ich würde, wo es keine Diebe gibt, auch keine mehr vermuten. Ohne Rucksack herrschte Frieden!

Stattdessen haben wir jetzt alle unser Päckchen zu tragen.

Mit- statt gegeneinander

Sehr gerne würde ich daran glauben, dass die Welt eine bessere wäre, wenn es den fiesen saccus dorsualis nicht geben würde. Saccus dorsualis, das werde ich in Zukunft sagen, wenn ich fluche!

Nun rate aber mal, lieber Leser, was mir letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt wurde, was sich unter dem goldenen Sternchenpapier verbarg: Es war, ausgerechnet, ein Rucksack! Toll!

Ich hatte den Rucksack angestarrt, er hatte zurückgestarrt. „Vielleicht werden wir ja doch mal Freunde“, flüsterte ich ihm zu, zugegebenermaßen weniger aus Überzeugung heraus als vielmehr der Taktik, mich lieber nicht mit ihm anzulegen.

Nun trage ich ihn jeden Tag, bepacke ihn mit lauter Dingen, die ich nicht brauche, aber auch mit jenen, die mir nützlich sind. Die mir nützlich sind für den Kampf, den ich bestreite, wenn ich mir eingestehe, dass das, was mir missfällt im Leben, was mir Angst macht oder geballte Wut in mir auslöst, was Vorurteile heraufbeschwört, vielleicht doch nicht nur in den Rucksäcken dieser Welt lauert.

Das Böse ist dem Rucksack nicht inhärent. Ich projiziere es in ihn hinein.