LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Neue Ausstellung im „Lëtzebuerg City Museum“ macht Stöbern im Stadtarchiv möglich

Anfangs hat noch alles in eine Holztruhe gepasst, doch mit der Zunahme der Verwaltungsaufgaben der Stadt Luxemburg wuchs auch ihr Archiv. Das älteste Schriftstück stammt aus dem Jahr 1244: Es ist der Freiheitsbrief der Gräfin Ermesinde für die Stadt. Seither werden alle wichtigen Unterlagen gesammelt und im Stadtarchiv aufbewahrt. Stand heute nach 800 Jahren: 2,9 km Dokumente, 320 Urkunden, 12.300 Pläne, 8.500 Poster und öffentliche Anschläge sowie 26.000 digitale Dokumente. Das Gedächtnis der Stadt lässt sich nun in gebündelter Form im „Lëtzebuerg City Museum“ entdecken. Nicht nur kann man sozusagen im Stadtarchiv „stöbern“, nein, vielmehr auch nachvollziehen lernen, was dort an Arbeit geleistet wird und welche Bedeutung diese im Endeffekt hat. „Fouillez le archives de la Ville de Luxembourg“ heißt die neue temporäre Ausstellung, die bis Juni 2021 besucht werden kann und hinter die Kulissen dieser wichtigen Institution blicken lässt. 

Keine Zukunft ohne Vergangenheit  

„Die Dokumente, die im Stadtarchiv lagern, zeigen gleichzeitig, wie sich die Geschichte unserer Stadt im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat und wie und warum Entscheidungen getroffen wurden. Die Zukunft kann man nur gut aufbauen, wenn man weiß, warum so und nicht anders gehandelt wurde“, erklärte Hauptstadtbürgermeisterin Lydie Polfer bei einer Führung durch die Ausstellung. Guy Thewes, Direktor der Museen der Stadt Luxemburg, wies darauf hin, dass keine der bisherigen Ausstellungen im „Lëtzebuerg City Museum“ machbar gewesen wäre, ohne die Informationen, die man dazu bei Recherchen im Stadtarchiv gefunden hätte.
Die neue Ausstellung zeichnet den Weg der städtischen Archivalien nach. Als Besucher folgt man dem Weg des Dokuments, angefangen bei der Entstehung in der Stadtverwaltung über seine Verarbeitung im Archiv bis hin zur Wiederentdeckung durch Historiker oder Bürger auf der Suche nach der Vergangenheit. Dazu wurde eine spezielle Szenografie von Thomas Ebersbach aus Leipzig entworfen.
Parallelen zwischen alten und neuen Dokumenten
Im ersten Ausstellungssaal findet man sich in einem langgezogenen Korridor wieder, der den Eindruck vermitteln soll, man befinde sich direkt in einer öffentlichen Verwaltung, dort also, wo die Dokumente produziert werden. Rechts und links sind Türen, die man öffnen kann. Hinter diesen Türen in Vitrinen zu entdecken: Verwaltungsdokumente, Plakate, Urkunden. Besonders interessant: Dokumente der Vergangenheit werden solchen aus jüngerer Zeit gegenübergestellt. Bei näherem Betrachten fallen Parallelen auf, dies trotz der Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte, die zwischen der jeweiligen Entstehung liegen.        
 „Indem wir immer ein altes und ein neues Dokument zum gleichen Thema gegenüberstellen, machen wir die Kontinuität deutlich. Eine Charta, die mehrere hundert Jahre alt ist, ist wohl wegen ihrer ganzen Siegel und Wappen superschön, aber der Inhalt weicht wenig von einem Vertrag aus unserer Zeit ab. In 300 Jahren kann übrigens auch ein solcher Vertrag oder eine Rechnung interessant sein“, erklärte Evamarie Bange, Konservatorin und Leiterin des Stadtarchivs. „In diesem ersten Ausstellungsteil finden sich viele Dokumente, die die Geschichte des Archivs und somit auch der Stadt Luxemburg nacherzählen. Dadurch werden auch die größeren Brüche im Kontext internationaler Geschehnisse deutlich, ebenso wie die Änderung der Machtverhältnisse in der Stadt im Laufe der Zeit“, fügte Ausstellungskommissar Pit Péporté hinzu.

Verlässliche Zeugen der Vergangenheit

Von der Verwaltung geht es für die Dokumente – und somit auch die Besucher – weiter ins Archiv, wo sie in der Regel als schützenswerte Unikate aufbewahrt werden. Archive, seien es öffentliche oder private, gelten letztlich als verlässliche Zeugen der Vergangenheit. Prominente Streitfälle zeigen auf, wie das Archiv zur Klärung beigetragen hat. Nennen kann man etwa die Diskussion um das nicht mehr von Villeroy&Boch genutzte Firmengelände im Rollingergrund. „Durch die Archive konnte damals geklärt werden, dass alles ,en règle‘ war“, so Péporté. Solche Beispiele würden zeigen, dass „das Archiv ein essenzieller Bestandteil einer transparenten, funktionierenden Demokratie“ sei.

Fokus auf die Arbeit der Archivare

Auch die Tätigkeit der Archivare wird in der Ausstellung beleuchtet. Ihnen kann man also in gewisser Weise bei der alltäglichen Arbeit wie den Konservierungsmaßnahmen über die Schulter schauen. Obwohl die Arbeitsabläufe zu einem großen Teil durch Gesetze bestimmt sind, haben die Archivare einen relativ großen Entscheidungsspielraum. Sie wägen ab, welche Akten einen historischen Wert haben und deshalb dauerhaft aufbewahrt werden sollen. Schließlich werden die Schriftstücke geordnet, beschrieben, mit Signaturen versehen und unter Bedingungen aufbewahrt, die sie vor dem Zerfall schützen.
Das Einsehen und Konsultieren von Archivgütern ist letzten Endes der wichtigste Zweck eines Archivs. Dazu wurde in diesem Expobereich ein interaktiver Lesesaal eingerichtet, in dem sich die Besucher selbst mit den Dokumenten auseinandersetzen können. Was einfach klingt, ist es nur bedingt, insbesondere wenn es um handschriftlich verfasste historische Verträge geht. „Sie muss man erst einmal entziffern. Voraussetzung ist eine gewisse Kenntnis über alte Schriften. Luxemburg war auf Verwaltungsebene fast immer schon zweisprachig. Die Schrift selbst hat sich mit der Zeit auch unterschiedlich in der jeweiligen Sprache entwickelt“, bemerkte der Ausstellungskommissar. Viele Nutzer suchen das Archiv natürlich auf, um Nachforschungen über ihre eigene Familiengeschichte anzustellen. Auch in dieser Art der Recherche kann man sich nun im „Lëtzebuerg City Museum“ üben.

Das Leben in der Stadt, damals und heute

Einblicke erhält man zudem in das Leben und den Alltag in der Hauptstadt im Laufe der Zeit. So werden etwa Vergleiche zwischen dem kommunalen Transportwesen seit 1875 und dem Busnetz ab 1926 möglich. Was Mitte des 19. Jahrhunderts im städtischen Hospiz auf dem Speiseplan stand, erfährt man ebenfalls. Und welche vorbeugenden Maßnahmen bei den Choleraepidemien des 19. Jahrhunderts galten, kann man alten Plakaten entnehmen. Ein weiterer Teil der Ausstellung hält historische Architekturpläne bereit, die heutigen Stadtansichten gegenübergestellt werden. „Das Archiv zeigt uns anhand visuell beeindruckender Dokumente, wie anders das Stadtbild eigentlich hätte aussehen können, wenn bestimmte Pläne nach der Schleifung der Festung umgesetzt worden wären, oder auch wenn es in den frühen 1940er Jahren nach dem Willen der NS-Verwaltung gegangen wäre“, erklärte Péporté. Letztendlich sei es wichtig gewesen, anhand dieser Ausstellung zu zeigen, wie breit die Vielfalt an Dokumenten ist, die aufbewahrt werden, um so möglicherweise auch Lust zu machen, im echten Stadtarchiv zu „stöbern“.