Ob ein Schüler in einer Prüfung eine Frage richtig oder falsch beantwortet, interessiert Romain Martin und Samuel Greiff nur in zweiter Hinsicht. Wie aber jemand zu seiner Lösung findet, das spielt für die beiden Forscher der Universität Luxemburg eine große Rolle. Denn die Psychologen wollen herausfinden, wie Intelligenz gelehrt werden kann. Prof. Dr. Romain Martin erklärt: „Intelligenz wird oft als etwas Angeborenes betrachtet. Uns geht es darum, darauf hinzuweisen, dass sogenannte transversale Kompetenzen im Leben enorm wichtig sind. Wir interessieren uns vor allem für Problemlösekompetenzen.“ In einer sich ständig verändernden Welt, in der Jobwechsel nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel sind, sind Problemlösekompetenzen entscheidend, um sich in einem neuen Umfeld schnell zurechtzufinden. Deshalb sei es wichtig, schon früh diese Kompetenzen zu fördern. Denn auch wenn das manch einem leichter falle, sei es doch eine Kompetenz, die jeder erlernen kann. Davon sind Martin und Greiff überzeugt.
Transversale Kompetenzen
Den Psychologen ist es deshalb ein zentrales Anliegen, diese Kompetenzen stärker in der Schule zu fördern. „Man geht oft davon aus, dass der Transfer zum Beispiel zwischen dem Latein- und dem Französischunterricht quasi automatisch hergestellt wird. Das geschieht aber nicht automatisch. Man kann etwas dafür tun, indem man diese Transfers beschreibt und herausfindet, wie man sie unterstützen kann“, erläutert Martin die Idee. „Die enzyklopädische Verfügbarkeit von Wissen spielt heute keine so große Rolle mehr wie früher, sondern vielmehr, wie Informationen gefunden und strukturiert werden können, weil das Wissen so groß und vielfältig geworden ist“, fügt er hinzu. Prof. Dr. Samuel Greiff ergänzt: „Man muss diesen Transfer aktiv und gezielt fördern. Uns geht es nicht um ein Sonderfach ,Problemlösekompetenz‘ oder darum, den fachbezogenen Unterricht infrage zu stellen, sondern diesen Aspekt stärker als bisher zu berücksichtigen“. Das können naheliegende Bezüge in Fächern wie Biologie und Chemie sein, aber auch zwischen entfernteren Bereichen. Gemeinsamkeiten in der Struktur der einzelnen Fächer sollen herausgearbeitet werden und Transferleistungen so sichtbarer werden.
„Gerade für Luxemburg hat dieses Thema angesichts der komplexen, mehrsprachigen Situation ein großes Potenzial“, führt Martin aus. „Für viele Schüler ist es aufgrund ihres Sprachhintergrunds unrealistisch, dass sie bestimmte Sprachen perfekt beherrschen. Ich glaube aber, dass es gerade in unserem Schulsystem unheimlich viele Anreize für Transferleistungen gibt. Wir könnten sehr gute mehrsprachige Problemlöser sein“, sagt Martin.
Messinstrumente entwickeln
Um diese Kompetenzen erfassbar zu machen, entwickeln die Forscher Instrumente. Eine Etappe in diesem Prozess ist das „Genetics Lab“. Das Labor ist im Prinzip ein Spiel, in dem es darum geht, den Effekt verschiedener Gene auf fiktive Lebewesen zu beobachten und verschiedene Ziele durch Manipulation dieser Gene zu erreichen. Das klingt auf den ersten Blick einfach, wird aber dadurch kompliziert, dass die Lebewesen auch eigene Entwicklungsmuster aufzeigen, die es zu berücksichtigen gilt. „Die Daten über die Lösungswege, die eingeschlagen wurden, sind ein Instrument, um diese Kompetenzen in einem fiktiven Szenario sichtbar zu machen“, erklärt Greiff. In der Praxis könne so in einer computergestützten Lernumgebung ein Programm die Vorgehensweise der Schüler aufzeichnen und auswerten. Das so gewonnene Feedback würde es Lehrern erleichtern, den Überblick über die Stärken und Schwächen in der Klasse zu behalten und würde ihnen zudem eine häufigere Rückmeldung geben als punktuelle Klassenarbeiten und Tests. Außerdem sollen Sprachbarrieren durch weniger sprachgebundene Testverfahren vermieden werden.
Ihre Thesen haben Martin und Greiff in einem Positionspapier festgehalten, das im Journal „Educational Research Review“ erschienen ist. Insgesamt sind Martin und Greiff der Ansicht, dass auf diesem Weg allen Schülern besser ermöglicht werden kann, ein aktiver Teil der Wissensgesellschaft zu werden. Noch ist die Wissenschaft zwar nicht so weit, um in allen Details zu verstehen, wie die komplexen kognitiven Mechanismen zum Lösen von Problemen genau funktionieren. Zum Beispiel, wie Strategien übertragen werden können, um Probleme in unterschiedlichen Bereichen zu lösen. Darauf arbeite n die Forscher hin, denn auch für sie gilt: Der Weg ist das Ziel.
Link zum genetischen Labor, das jeder ausprobieren kann
www.assessment.lu/geneticslab/gl/


