LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Sich selbst erfüllende Prophezeiungen

Jede Sekunde fließen unendliche Summen an Geldern hin und her, ein jeder von uns gibt im Alltag so einiges aus, für Notwendiges und Sekundäres. Nur wenige sind sich bewusst, wie unser Finanzsystem eigentlich funktioniert und welche Pfeiler und Strukturen Währungen stützen. Die Frage, der sich heute angenommen wird, ist die nach dem eigentlichen Wert des Geldes.

In Zeiten des Tauschhandels war dies recht einfach, Produkte mit äquivalentem Wert konnten gegeneinander eingetauscht werden. Auch zu den Zeiten, als der Wert des Geldes noch an dem des vorhandenen Goldes hing, konnte man zumindest noch von einer materiellen Strebe im Geldsystem sprechen. Heute ist Geld auf Papier gedruckt oder besteht aus einer metallenen Legierung. Der Wert, der dem Geld zugesprochen wird, ist demnach nicht dem des materiellen Trägers entsprechend. Nicht zu vergessen ist, dass ohnehin nur drei Prozent des emittierten Geldes handfest verfügbar sind. Ganze 97 Prozent bestehen nur virtuell. Doch nichtsdestotrotz steht für uns außer Frage, dass Geld einen Wert hat. Doch intrinsisch scheint der Geldwert nicht zu sein, ‚Wert‘ ist kein Prädikat des Geldes selbst, sondern nur durch uns ihm zugeteilt. Außerhalb unseres Wirtschaftsrahmens sind Schein, Münzen, Zahlen nichts!

Die Frage müsste demnach eher lauten, was garantiert uns, dass unser Geld tatsächlich einen Wert hat und diesen auch behält? Damit etwas einen Wert erhält, muss es eine Instanz geben, die dieses Etwas als etwas mit Wert akzeptiert. Soll dieser Wert auch noch für jeden gleichermaßen gelten, braucht es sogar eine allgemeine Akzeptanz. Der Einzelne akzeptiert den Wert des Geldes, weil die Allgemeinheit es tut, welches wiederum notwendig ist, damit der Einzelne den Wert des Geldes akzeptieren kann. Das Individuum sieht den Wert des Geldes darin, dass es ihm dazu verhelfen kann, seine Bedürfnisse zu erfüllen, indem er etwas kauft. Das Kaufverhalten basiert nun auf der Annahme, dass der Verkäufer das Zahlungsmittel Geld als solches anerkennt. Dieser ist ebenso darauf angewiesen, dass dieses Zahlungsmittel von anderen Instanzen global angenommen wird, ansonsten wäre der ganze Handel schlichtweg wertlos. In dem Sinne schwebt mit der Akzeptanz des Wertgehalt des Geldes die Annahme einer Allgemeingültigkeit mit. Es steht für uns außer Frage, dass unser Zahlungsmittel allgemein als solches von Relevanz ist, doch wie kam es dazu, dass ein Zusammenspiel zwischen Gesellschaft und finanzieller Wertvorstellung möglich wurde?

So paradox es in der heutigen Zeit auch scheint, in der Korruption und Hinterziehung mehr als bloße Randphänomene sind, basiert der Wert des Geldes primär auf Vertrauen. Dieses Vertrauen ist in der Totalität der Gemeinschaft verankert, die an den Wert des Geldes glaubt und dieses stetig nutzt. Es geht also weit über die Erfüllung des individuellen Nutzens hinaus, und beschreibt gar einen Glaubenssatz in der holistischen Sphäre der Gesellschaft.

So muss jeder mit jedem verhandeln können, 100 Euro können nicht einen individuell divergierenden Geldwert haben. In dem Sinne beruht die Allgemeingültigkeit nun darauf, dass ein jeder diese Verhandlungsweise als grundlegend annimmt, sodass auch hier wieder der kollektive Glaube die Basis der allgemeinen Akzeptanz darstellt, aus der, wir haben es oben gesehen, sich die Akzeptanz des Einzelnen erst ergeben kann.

Ausschlaggebend ist hier, dass wir den Wert des Geldes selbst in dieses projizieren und die Anforderung stellen, dass dieser Wert für jedes Mitglied der Gesellschaft gleich zu sein hat. Die Reflexion bestätigt es, dieser Anforderung kann aus rationellen Gründen nur zugestimmt werden, wenn wir ein funktionierendes finanzielles System erhalten wollen. Dem geht ein wichtiges Moment einher: Damit ich wollen kann, dass der Geldwert allgemein angenommen wird, muss ich mich in die Lage des Anderen versetzen können und mich fragen, kann auch dieser wollen, dass dieses Geld einen Wert hat? Erst wenn aus dieser Überlegung erfolgt, dass in der Gemeinschaft eine allgemeine Zustimmung bezüglich des Geldwertes bestehen muss, erhält das Zahlungsmittel seine tatsächliche Gültigkeit. Dieser finanzielle Gemeinsinn entsteht demnach aus einer rationellen Reflexion, durch welche sich die Plausibilität der Akzeptanz des Geldwertes einschätzen lässt. Es besteht im Allgemeinen kein Grund zu der Annahme, dass unser Zahlungsmittel tatsächlich in Frage gestellt werden müsste. Wer könnte den Wertverlust seines Vermögens wollen können?

Die Akzeptanz des Geldwertes wird somit zum Vernunftschluss und damit Realität. Im Umkehrschluss wird dadurch die Grundannahme bestätigt, nach der die Akzeptanz allgemein gefordert werden könnte. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung schlechthin. Doch weitaus mehr liegt in der Anerkennung des Geldwertes: Über die momentane Einschätzung hinaus gehen wir doch auch davon aus, dass finanzielle Transaktionen auch in Zukunft einen Wert innehaben, die uns Erwerbe ermöglichen. In dem Sinne projizieren wir also gar ein Symbol, das selbst zwar keinen Wert an sich hat, die Wertigkeit aber auch darin findet, dass ihm in Zukunft weiterhin ein Wert zugesprochen wird. Jeden Tag bestätigen uns die unendlichen finanziellen Transaktionen, dass diese Annahmen berechtigt sind und bestärken sich somit selbst. Dass dies alles aber nur auf Glauben und auf der Anerkennung subjektiver Projektionen besteht, entflieht dem alltäglichen Bewusstsein. Krisen am Finanzmarkt oder prekäre finanzielle Situationen beweisen eigentlich um ein Weiteres, dass die Allgemeingültigkeit des Geldwertes keine notwendige sein kann, da sie bloß auf mehr oder weniger klugen Voraussagungen und Berechnungen basiert.

Dieser Umstand ist allerdings kein beliebtes Thema. Zudem scheint er nicht genügend Gewicht zu haben, um die von uns supponierte Wertvorstellung tatsächlich boykottieren zu können. Die Symbolkraft des Geldes bleibt in ihrer Allgemeingültigkeit beständig, auch wenn sie nur auf tönernen Füßen steht. Unterstrichen wird die eigentliche Unbestimmtheit der Wertzuschreibung auch durch das oben erwähnte Problem mit der Liquidität. Wir wähnen uns in der sicheren Vorstellung, dass wir jederzeit über unser Geld in Realität verfügen könnten. Doch mit nur drei Prozent der monetären Masse in Materialität ist dies illusorisch. Somit beruht auch hier das eigentliche Empfinden auf einem symbolischen Vertrauensvorschuss innerhalb der gesellschaftlichen Konvention.

Die bisherigen Finanzkrisen sollten als Warnsignal dienen und uns allen vor Augen führen: Weil wir es wollen, hat Geld einen hohen Wert. Was wir mit dieser Wertzuschreibung allerdings losgetreten haben, ist nicht kontrollierbar. Je mehr wir blindlings dem großen Finanzdings unser Vertrauen schenken, je stärker wird die monetäre Blase unser Leben bestimmen. Es tut not stärker zu hinterfragen, verstehen zu wollen und dem momentan übermächtigen Finanzsystem Relativität entgegen zu stellen.