COLMAR-BERG
PATRICK WELTER

Abfallwirtschaft: Die Restabfallanalyse ist keine Aufgabe für zartbesaitete Menschen

Für Archäologen gelten Müllgruben und selbst Plumpsklos als wissenschaftliche Schatztruhen. Sie haben bei ihrer Arbeit aber den Vorteil, dass der untersuchte Müll mehrere hundert Jahre alt ist und sich seine organischen Bestandteile in feinen Kompost verwandelt haben, der vor allem eines ist - geruchslos. Wer allerdings wissenschaftlich mit „frischem“ Müll beschäftigt ist, braucht - wenn er nicht gerade über eine „taube“ Nase verfügt - vor allem einen massiven Schutzanzug. Hinter dem neutral klingenden Begriff „Restabfallanalyse“ verbirgt sich nämlich vor allem Gestank und Dreck.

Im Auftrag der Umweltverwaltung wird derzeit auf dem Gelände der „Superdreckskëscht“ in Colmar-Berg das untersucht, was die Einwohner des Großherzogtums in die grau-schwarze Tonne werfen. Natürlich werden nicht abertausende Tonnen Müll aus dem ganzen Land unter die Lupe genommen. Nach statistischen Kriterien wurden 16 Orte oder Stadtteile ausgesucht, aus deren Hausmüllaufkommen in zwei vierwöchigen Kampagnen wiederum Stichproben genommen werden. Bei der Restabfallanalyse geht es um den Müll, der in haushaltsüblichen Mengen in die grau-schwarze Tonne wandert. Im Idealfall würden sich weder Papier, noch Glas, noch Blech, noch Getränkekartons oder Kunststoffflaschen in dieser Tonne finden. Für diese Abfälle gibt es eigene Abfuhr- und Recycling-Systeme, selbst für organische Abfälle steht in vielen Kommunen eine Bio-Tonne zur Verfügung. Die Frage lautet also: „Was bleibt?“

Regelmäßige Abfallanalysen seit 1992

Diese Frage versucht man seit 1992 zu beantworten, erklärte der Direktor der Umweltverwaltung Robert Schmit. Damals wurde die erste wissenschaftlich fundierte Restmülluntersuchung in Luxemburg durchgeführt. Die seit dem im Abstand von einigen Jahren wiederholt wird. Landet nur das in der Tonne, was wirklich hineingehört? Haben sich die Konsumgewohnheiten der Menschen geändert? Gibt es „neuen“ Müll? Landet Problemabfall - beispielsweise Lacke, Farben, Gifte oder Medikamente - im Hausmüll? Zeigen abfallwirtschaftliche Maßnahmen oder Aufklärungskampagnen Wirkung?

Grundsätzlich ist festzuhalten, dass trotz steigender Bevölkerungszahl die Restabfallmenge pro Kopf und Jahr kontinuierlich sinkt, je nach Kommune variieren die Mengen aber stark.

Eine neue Pest: Kaffeekapseln

Die Ergebnisse der diesjährigen Untersuchung werden erst im Herbst veröffentlicht. Es gibt aber erkennbare Trends, so finden sich immer weniger Druckerzeugnisse im Hausmüll, weil einerseits Papier in großem Maß bewusst recycelt wird, andererseits der Konsum von Zeitungen aufgrund digitaler Medien zurückgeht. Unangenehm fällt dagegen der Trend zu Kaffeekapselmaschinen auf. Die verbleibenden Kapseln sind eine neue Art des Mülls. In Sachen Plastik sind die Verbraucher offensichtlich sensibler geworden, in diesem Bereich zeichnet sich ein Rückgang ab.

Gestern ging es dem Umweltamt und dem projektbegleitenden Unternehmen Eco-Conseil darum, der Öffentlichkeit einmal zu zeigen, wie diese Arbeit abläuft.

Von Mitarbeitern der Beschäftigungsgesellschaft ProActiv wird der angelieferte Hausmüll per Hand in elf Hauptfraktionen, also Müllarten, und weitere 17 Sonderfraktionen unterteilt. So unterteilt sich die Hauptfraktion Folien unter anderem in die Sonderfraktionen dünne Gemüsetüten, Behelfseinkaufstüten und regelrechte Mülltüten.

Ein Knochenjob

Wer das große Zelt betritt, in dem das Sortierband für den Müll läuft, dem verschlägt es erstmal den Atem. Es riecht nicht, es stinkt fürchterlich. Um hier den ganzen Tag arbeiten zu können, stecken die Mitarbeiter in weißen Tyvekanzügen, die Hände in dicken professionellen Gummihandschuhen, ihr Gesicht verbirgt sich hinter großen Atemschutzmasken. Jeder trägt an der Hüfte einen großen Aktivkohlefilter, von dem aus die gereinigte Luft mit Überdruck durch einen dicken Schlauch in die Atemmaske geblasen wird. Das hilft gegen den Gestank, aber nicht gegen die Hitze, die bei Sonnenschein schnell in dem Zelt entstehen kann. Umweltdirektor Robert Schmit nannte es eine „schwierige Arbeit“ - die Untertreibung des Jahres. Es ist wichtig zu sehen, dass diese harte Arbeit und ihre wissenschaftliche Auswertung, wegweisend für das Abfallmanagement der kommenden Jahre sind.