CLAUDE KARGER

Was wäre das ein toller Nationalfeiertag geworden! Feuerwerke bei angenehmen Temperaturen, Zeremonien bei strahlend blauem Himmel, Riesenfeste mit gemütlichem Beisammensein. Wie wir es halt seit fast sechs Jahrzehnten am 23. Juni gewohnt sind. In diesem Jahr machte dem wohl wichtigsten Rendez-vous auf der Agenda des Landes allerdings eine unsichtbare Bedrohung einen Strich durch die Rechnung: Wegen der Ansteckungsgefahr mit dem Corona-Virus, über das wir noch immer nicht genügend wissen und gegen das wir immer noch weder Medikamente noch Impfungen haben, mussten lieb gewonnene Traditionen in diesem Jahr komplett auf Eis gelegt oder sehr stark reduziert werden. „E geféierleche Virus huet sech queesch duerch eis Gesellschaft gefriess“, brachte Parlamentspräsident Fernand Etgen die Tragweite der Bedrohung gestern bei seiner Nationalfeiertagsrede auf den Punkt. Ja, der Erreger ist nicht nur eine unmittelbare Bedrohung für die Gesundheit, sondern auch für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft, deren Komponenten sich noch nicht zu nahe kommen dürfen und sich hinter Atemschutzmasken verstecken müssen. Komponenten, die eine anstrengende Zeit im „Lockdown“ verbringen mussten und immer noch unter teils enormer Spannung stehen, da sie nicht wissen, ob sie morgen noch einen Job haben werden oder ob ihr Betrieb den ökonomischen Schock, den die Pandemie ausgelöst hat, überleben wird. Zu diesen Komponenten zählen auch die über 200.000 Menschen, die täglich aus Frankreich, Deutschland oder Belgien kommen, um hier zu arbeiten. Die Krise hat gezeigt, wie stark Luxemburg besonders im Gesundheitswesen auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen ist. Die Hommagen auch an sie in den Nationalfeiertagsreden waren richtig und wichtig.

Aber Luxemburg wird in Zukunft seine grenzüberschreitende Dimension in allen Politikbereichen noch stärker in Betracht ziehen müssen. Die Krise hat auch erneut gezeigt, wie schnell das Großherzogtum am Limit ist, wenn die Nachbarn beschließen, die Schlagbäume an den Grenzen wieder einzuführen. Kein Wunder, dass Parlamentspräsident, Premier und Großherzog in ihren Reden besonders hervorhoben, wie wichtig - nicht nur in Krisenzeiten, sondern täglich - die EU für Luxemburg ist und die in den Verträgen verankerten Grundfreiheiten. „Looss viru blénken d’Fräiheetssonn, Déi mir sou laang gesinn!“, heißt es in unsere Nationalhymne. Die wenigsten von uns haben bislang eine getrübte „Freiheitssonne“ erlebt. Aber um der sanitären Krise Herr zu werden mussten verschiedene Freiheiten zeitweilig eingeschränkt werden. Sonnenklar, dass diese Einschränkungen schnellstmöglich aufgehoben gehören. Dass dieser Prozess schnell vorankommt, hängt natürlich davon ab, ob und wie es uns gelingt, Covid-19 in Schach zu halten. Wir wissen, dass das nur mit Disziplin funktioniert. Jeder Einzelne trägt Verantwortung dafür, indem er die Regeln und Barrieregesten respektiert. Man kann es nicht zu oft wiederholen. Und dann: „Et däerf keen an d’Abseits geroden“, gab der Großherzog gestern als Losung aus. „Tout un programme“, das enorme Anstrengungen verlangen wird. Womöglich über viele Jahre hinweg.