LUXEMBURGPATRICK WELTER

Von einem der auszog, die Elektromobilität auf dem platten Land zu erproben

Die Kollegen von der „Welt“ haben gestern in ihrem PS-Blog geschrieben: „Elektroautos sind wie Engel, keiner sieht sie, aber jeder glaubt an sie“. Wer nachdenkt, weiß sowieso, dass die Sache mit der Emissionsfreiheit bei Elektro-Autos so eine Sache ist, denn der Strom muss ja irgendwo herkommen, und es stellt sich die Frage nach dem Aufwand und den Schadstoffen, die bei Produktion und Entsorgung der Batterien anfallen.

Andererseits waren meine Erfahrungen mit Elektroautos bisher immer ausgesprochen positiv, denn die Dinger fahren sich - man kann es nicht anders sagen - ausgesprochen „geil“. Der Drehmomenteffekt des Elektromotors beeindruckt, sowohl beim E-Smart wie auch beim Luxusmodell Tesla. Unvergessen ein Technikseminar von Mercedes-Benz in Valencia, bei dem den Motorradfahrern immer der Unterkiefer herunterfiel, wenn sie von einer elektrischen A-Klasse ausbeschleunigt wurden. Als das Angebot kam, eine elektrische Mercedes B-Klasse ein Wochenende lang praktisch zu erproben, habe ich das gerne angenommen.

Grundsätzliches vorweg: Ich mag die Mercedes-B-Klasse, weil die kompakte Baureihe an den Prinzipien der ursprünglichen A/B-Klasse festgehalten hat. Bequeme Sitzposition, Doppelboden, gute Übersichtlichkeit, hohe Variabilität, prima Fahrverhalten.

Vergiss die Klimaanlage!

Beim Start in Hollerich wird mir eine Reichweite von fast 190 Kilometern angezeigt, im Büro-Parkhaus angekommen, sind die ersten sechs Kilometer schon weg - bei einer tatsächlichen Entfernung von nur einem Kilometer. Erste Erkenntnis: Klimaanlage aus!

Verdammt weit weg

Abends, es ist Freitag, meide ich die Autobahn und fahre über die Landstraße via Remich ins Saarland. Von Haus zu Haus sind es auf diesem Weg 45 Kilometer. Ich schwimme mit der B-Klasse im Verkehr mit. Dennoch fällt die Reichweite rapide. Man sollte zunächst erklären, dass der Wagen anstelle eines Drehzahlmessers eine Leistungsanzeige hat, auf der man sieht wie viel Prozent des Motorpotenzials man abruft, mehr als 50 Prozent waren es nie. Links ersetzt eine „Batterie-Uhr“ die herkömmliche Tankuhr, rechts ein Instrument, das unter der Bezeichnung e-Cell offenbar die Spannung wiedergibt. Ganz oben im Instrumententräger sitzt die Reichweitenanzeige, die fällt und fällt. Die Ladeanzeige der Batterie fällt ebenfalls, aber viel langsamer.

Nimmt man das „Gas“ weg, verwandeln sich die E-Motoren in Generatoren und speisen so wieder Strom in die Batterien ein, aber viel kann es nicht sein. Selbst auf der langen Passage bergab, von Orscholz nach Mettlach, bleibt der Ladezustand bestenfalls konstant, er steigt nicht. Ist ja alles kein Problem, bin ja gleich an der heimischen Steckdose. Die Reichweitenanzeige meint, ich sei etwa 90, statt der realen 45 Kilometer gefahren.

Laden statt Tanken

Im Auto liegt ein Ladekabel, dass auf der einen Seite einen fünfpoligen (Starkstrom-) Stecker hat, der ins Auto kommt, und am anderen Ende einen normalen Stecker für 220 Volt Haushaltsstrom, dazwischen sitzt ein Transformator. Das Laden am normalen Strom nimmt entgegen der Starkstromladung an einer Stromtankstelle etliche Stunden in Anspruch. Macht ja nichts, die Batterien können die ganze Nacht laden. Wobei das Auto direkt an der Steckdose stehen muss - Verlängerungskabel sind verboten.

Am nächsten Morgen die große Überraschung: Weder Ladezustand noch Reichweite haben sich erhöht. Was’n jetzt los? Zuerst mal einkaufen. Das lautlose Fahren macht Spaß, verführt aber auch zum Rasen, weil ein gewohnter Geschwindigkeitsindikator - das Motorengeräusch- fehlt.

Haushaltsstrom reicht nicht!

Wieder zuhause noch mal der Versuch mit der normalen Steckdose, dann sehe ich das rote Licht am Transformator und ahne Böses. Laut Betriebsanleitung bedeutet das: „Batterie lädt nicht“. Die Garage ist Baujahr 1960 inkl. Elektroinstallation, vielleicht liegt es daran. Nach wildem Rangieren über die Wiese wird das Auto an einer Steckdose im Esszimmer angeschlossen - mit negativem Ergebnis. Die Frau an meiner Seite sieht mein ratloses Gesicht und stürzt sich daraufhin in die Tiefen des Internets und findet binnen weniger Minuten die Antwort. Mit der platzt eine der Lebenslügen der Elektromobilität. Ich bin mit meinem Problem nicht allein. Die meisten Haushaltsnetze, alle Altbauten, haben einen viel zu schwachen Leitungsquerschnitt um ein Elektro-Auto aufzuladen. Wer seine Batterien zuhause laden will, muss sich vom Elektriker ein extradickes Stromkabel in die Garage legen lassen.

Ratlose Kabelbeschwörung

Wo ist die nächste Stromtankstelle? Im Saarland steht an jedem Bahnhof eine Ladesäule. Da lässt sich unser Besuch in Losheim mit dem schnellen Laden verbinden. Denkste. Die Säule ist frei, nach dem Einschieben einer Kreditkarte öffnet sich eine Klappe. Dahinter ist aber kein Kabel, sondern es sind zwei Steckdosen. Einmal 220 Volt, einmal 400 Volt.
Ich habe aber nur ein Kabel mit 220er Stecker im Auto, ich bräuchte jetzt eines mit zwei Starkstromsteckern…

Immerhin, das Laden über die 220 Volt-Steckdose funktioniert. Nach einer Stunde Flohmarktbesuch hat sich die Ladeanzeige der Batterie um ein bis zwei Millimeter gehoben. Praktische Physik: An einer 220er Steckdose kann die Batterie maximal zwei Kilowattstunden laden, was bei einem Verbrauch von 24 kWh auf 100 Kilometer dem Tropfen auf den heißen Stein entspricht.

Ich hab keine Lust mehr auf das Auto, muss aber am Dienstag wieder irgendwie nach Luxemburg. Die Säule am Mettlacher Bahnhof ist kaputt, also mit zwei Autos nach Merzig und die B-Klasse dort zum Laden angehängt. Acht Stunden später ist die Batterieladung von 40 auf 70 Prozent geklettert. Dummerweise ist jetzt dunkel, wen man das Licht anmacht, steigt der Energieverbrauch über 30 kWh.

Im Kriechgang

Am Dienstagmorgen versuche ich auf dem Weg nach Luxemburg so zu fahren, dass die Reichweitenanzeige den real gefahrenen Kilometern entspricht. Meine Mitmenschen hassen mich dafür. Man darf nie mehr als 25 Prozent der Motorleistung abrufen und auf Strecken wo Benziner und Diesel mit 100 Stundenkilometer dahin schnurren, maximal mit 75 schleichen. Vom Sinzer Berg bis nach Remich rollt der Wagen nur, aber die Energieersparnis ist schon wieder weg, wenn man in Remich auf der Höhe angekommen ist.

Sorry, nur für Stadtmenschen geeignet

Fazit: Die ganze Elektromobilität ist etwas für Großstädter, die ununterbrochenen Zugriff auf eine vollwertige Ladesäule haben. Geeignet für Taxis, Kurierfahrer oder Servicefahrzeuge. Für das Fahren in der Fläche ist sie völlig ungeeignet, der Blick auf den Stromverbrauch bereitet mehr Unbehagen als das besondere Fahren Vergnügen. Das Radio einzuschalten kostet schon Überwindung, die Klimaanlage vergisst man am besten ganz.

Eines sei aber betont, die Kritik bezieht sich grundsätzlich auf den ganzen unrealistischen Hype um die Elektromobilität, nicht auf den kleinen Benz. Die B-Klasse ist für mich ein prima Auto, aber das Prinzip Elektroauto ist in der Praxis nicht von morgen, sondern von vorgestern. Genau so alt wie Oma Ducks „Detroit electric“.