CORDELIA CHATON

Jeder redet über die armen Affen, die in den Käfigen Abgase einatmen mussten, um nachzuweisen, dass Dieselautos gar nicht so dreckig sind. Aber hier geht es nicht nur um Affen. Hier geht es um uns.

Ganz real sterben in Europa pro Jahr über eine halbe Million Menschen an Luftverschmutzung - das sagen zumindest die Weltgesundheitsorganisation und die Europäische Umweltagentur. Feinpartikel, Stickoxide, Ozon und Schwefeldioxid schädigen die Lungen, belasten Herz und Leber und können langfristig zu Krebserkrankungen führen. In Polen, wo rund 30 der 50 EU-weit am stärksten verschmutzen Städte liegen, hat das sogar zu einer Mode für Atemschutzmasken mit so putzigen Namen wie „City“, „Techno“ oder „Bandit Scarf“ geführt. Aber die Atemschutzmaske als Mode-Accessoire kann es ja wohl nicht sein. Die Rechnung, dass die Arbeitsplätze in der Industrie erhalten werden müssen und es deswegen keine Anpassung geben darf, ist zu kurz gegriffen. Erst recht in Zeiten des Klimawandels.

Mittlerweile setzt ein Umdenken ein. Das hat auch mit der EU zu tun, die den Abgasskandal nicht nur als fiese Aktion der Amerikaner zur Schädigung der europäischen Automobil-Industrie einstuft. Nach jahrelangem Streit hat die EU-Komission jetzt der deutschen Bundesregierung eine letzte Frist gesetzt, um Maßnahmen zu ergreifen, damit die EU-Grenzwerte für gesundheitsschädliches Stickoxid endlich erreicht werden.

Einigen deutschen Bürgermeistern dürfte da ganz heiß werden, denn laut einer Studie des Automobil-Experten Prof. Ferdinand Dudenhöffer droht ohne Hardware-Umrüstung für ältere Modelle in mindestens zehn deutschen Großstädten ein Fahrverbot. Ganz vorn dabei sind die Stammsitze der Automobilkonzerne, Stuttgart, wo Daimler und Porsche zu Hause sind, sowie München, dem Sitz von BMW, und Köln, wo ein großes Fordwerk steht. Dudenhöffer sieht 15 weitere Städte gefährdet. Damit ist das Dieselgate längst nicht mehr ein Fall zum Gesundheitsschutz in den USA; die Frage stellt sich hier immer quälender. Schon plädiert der VW-Chef für eine blaue Plakette für emissionsarme Autos. Die ist gar nicht so unwahrscheinlich, falls das Gericht Ende Februar den Weg für Fahrverbote frei macht.

Luxemburg scheint davon zunächst nicht so betroffen. Dabei sterben auch hierzulande statistisch gesehen 340 Menschen pro Jahr aufgrund von Luftverschmutzung. Als vor einem Jahr die Feinstaubwerte in Luxemburg und Esch/Alzette überschritten wurden und zum ersten Mal überhaupt in der Landesgeschichte Feinstaub-Alarm ausgelöst wurde, riet die Umweltverwaltung zu öffentlichen Transportmitteln und zum Vermeiden von Tätigkeiten im Freien. Dabei hatte es früher geheißen: „Geht an die frische Luft!“ Sie war das Synonym für Gesundheit und Wohlbefinden.

Jetzt haben wir sie so verpestet, dass der Kontakt gefährlich werden kann. Nach jahrelangem Verschieben geht es nun nicht mehr anders: Die Automobilindustrie muss nachrüsten, liefern und die Frage ernst nehmen. Dem Outsourcing von Getrieben darf nicht das der Moral folgen. Selbst wenn schon Erich Kästner wusste: Die ersten Menschen waren nicht die letzten Affen.