BERLIN
ESTEBAN ENGEL (DPA)

Die politische Weltlage gleicht der Situation nach dem Ersten Weltkrieg meint der Historiker Eckart Conze

Die politische Weltlage heute gleicht nach Worten des deutschen Historikers Eckart Conze gefährlich der Situation nach dem Ersten Weltkrieg mit der Unterzeichnung des Vertrags von Versailles vor 100 Jahren. Ob mit Donald Trump oder Wladimir Putin - einseitige Entscheidungen und autoritäre Herrschaft erinnerten an die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen und den gescheiterten Bemühungen um eine globale Friedensordnung, wie Conze im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur sagte.

Vor 100 Jahren wurde der Friedensvertrag von Versailles unterzeichnet und mit den Pariser „Vorortverträgen“ der Versuch einer neuen Weltordnung gestartet. Warum beschäftigen sie uns heute?

Eckart Conze Das hat nicht zuletzt mit gegenwärtigen Tendenzen der internationalen Politik zu tun: Nationalismus, Unilateralismus, Abkehr von internationalen Institutionen. Von China bis Amerika, in Polen, Ungarn oder der Türkei beobachten wir darüber hinaus den Aufstieg neuer Formen autoritärer Herrschaft. Das erinnert durchaus an den Zerfall der Versailler Ordnung nach 1919 und ist vergleichbar mit Entwicklungen der Zwischenkriegszeit.

„Die große Illusion“ - der Titel Ihres Buches bezieht sich auf die Hoffnung, dass man nach dem Ersten Weltkrieg die Welt neu gestalten könnte - und zwar friedlich ...

Conze Diese Hoffnung verband alle Beteiligten im Jahr 1919. Aber nach einem Krieg mit diesem Ausmaß an Leid, Gewalt und Hass war es eine Illusion zu glauben, dass Sieger und Besiegte sich nicht nur rasch versöhnen, sondern gemeinsam eine internationale Ordnung errichten könnten. Der „Krieg in den Köpfen“, der auch nach 1919 weiterging, verhinderte diesen Neubeginn.

Hatten sich die Friedensstifter von Paris zu viel vorgenommen?

Conze Ein globaler Krieg musste in eine globale Friedensordnung überführt werden. Das war eine Überforderung angesichts hochkomplexer Probleme: Entkolonialisierung, Handelsfragen, neue Grenzen, die Auflösung des Zarenreichs, das Ende des Osmanischen Reichs und der Habsburger Monarchie.

Vor der Konferenz hatten die Außenministerien noch Studien zum Wiener Kongress 1815 schreiben lassen. Daraus ließ sich nichts für die Gegenwart lernen, die Studien waren sofort obsolet.

Welche Rolle spielte die Öffentlichkeit bei den Verhandlungen?

Conze Gerade auf französischer Seite stand die Regierung um Premier Georges Clemenceau unter einem massiven Erwartungsdruck. In Frankreich waren die Verwüstungen überall sichtbar. Das Verhandlungsergebnis musste Millionen Opfer rechtfertigen. Auch deshalb liefen die deutschen Vorstellungen von einem milden Frieden ins Leere.

Das war dann „die große Illusion“ der Deutschen ...

Conze Ja, es war die Illusion, dass der Friedensschluss weder den Deutschen noch den anderen Verlierern die Verantwortung für den Krieg geben würde. In Berlin setzte man auf die Formel, der Krieg sei 1914 durch „Systemversagen“ der europäischen Politik ausgelöst worden ...

... wie es der Historiker Christopher Clark in seinem Buch „Die Schlafwandler“ beschreibt ...

Conze ... und wie es in Deutschland gerne als Entlastung für die Verantwortung am Kriegsbeginn verstanden wird - was Clark nie beabsichtigt hatte! Die deutsche Position, dass der Krieg durch eine Verkettung unglücklicher Umstände begonnen habe, stieß bei den Siegern auf taube Ohren. Es waren ja die Deutschen, die Frankreich angegriffen und die Neutralität Belgiens und Luxemburgs verletzt hatten - das ließ sich schwer als Systemversagen deuten.

Aber die Deutschen waren dennoch konsterniert, als sie 7. Mai 1919 mit dem Vertragsentwurf konfrontiert wurden ...

Conze Sie waren geradezu schockiert. Bis dahin hatte man noch im „Traumland der Waffenstillstandsperiode“ gelebt, wie der Theologe Ernst Troeltsch schrieb. Das Erwachen war böse: Es wurde ein harter Frieden. Und einen Demokratie-Bonus gab es für die junge Weimarer Republik auch nicht.

Und dann kommt der berühmte Artikel 231 ...

Conze ... der dem Kaiserreich ganz klar die Verantwortung für den Kriegsbeginn 1914 zuweist. Das führt wiederum auf deutscher Seite zum nationalen Schulterschluss und zur Solidarisierung mit den alten Eliten, die jedoch von Anfang an nichts anderes im Sinn hatten, als die junge Republik zu zerstören.

Geahnt hatten es aber die Deutschen schon, dass sie für den Krieg verantwortlich gemacht würden?

Conze Seit November 1918 verwahren sich die Deutschen aus einer Art schlechtem Gewissen heraus prophylaktisch gegen jede Schuldzuweisung. Aber je mehr sie das tun, desto schärfer reagieren die Siegermächte. Dabei spielt auch der im März 1918 geschlossene Frieden von Brest-Litowsk eine wichtige Rolle. Die Alliierten sahen den Vertrag, der Russland große Verluste aufbürdete, nicht nur als Versuch der Deutschen, ihren Einfluss im Osten zu erweitern, sondern auch als Beleg dafür, wie ein Frieden nach einem deutschen Sieg ausgesehen hätte.

Mit der Polemik vom „Diktatfrieden“ und der „Dolchstoßlegende“ und dem Vorwurf, die demokratischen Kräfte seien für beides verantwortlich, wurde die Weimarer Demokratie untergraben ...

Conze Der Vertrag war zweifellos ein Diktatfrieden, seine Bestimmungen waren hart. Aber er bot auch Möglichkeiten für eine konstruktive, eine kooperative Politik. Das zeigt etwa die deutsch-französische Annäherung unter den Außenministern Gustav Stresemann und Aristide Briand. Auch diese erfolgte unter dem Dach des Vertrags.

In Paris ging es nicht nur um den Frieden mit Deutschland, sondern auch um die Gestaltung einer neuen, einer friedlichen und stabilen internationalen Ordnung ...

Conze Ja, aber auch dieses Ziel, vor allem vom US-Präsidenten Woodrow Wilson mit seiner Idee des Völkerbundes vorangetrieben, blieb eine Illusion. Zwei Jahrzehnte später herrschte wieder Krieg.

Warum scheiterte die Versailler Ordnung?

Conze Sie hatte zum einen keine Befürworter. Die Mächte, auch Deutschland, waren nicht bereit, die 1919 geschaffenen Strukturen zu stabilisieren. Vor allem wollten die USA ihr Gewicht und ihre Macht nicht dafür einsetzen. Der Kongress lehnte die Ratifizierung des Versailler Vertrags mit der Völkerbundssatzung ab. Mit der Weltwirtschaftskrise seit 1929 zogen sich die USA dann noch stärker auf sich selbst zurück. Zum anderen scheiterte der Versuch einer friedlichen Ordnung an der massiven Renationalisierung der Politik.

Das erinnert an die isolationistische Politik von US-Präsident Donald Trump…

Conze Die Parallelen sind unübersehbar. Allerdings sind Ansätze eines neuen amerikanischen Unilateralismus durchaus schon seit den 1990er Jahren zu erkennen. Dabei hatte man nach dem Zweiten Weltkrieg die Lehren aus dem Scheitern von Versailles gezogen und unter Führung der USA und unter den Bedingungen des Kalten Kriegs eine auf internationale Institutionen, etwa die UNO, gestützte Ordnung geschaffen. Dieser Multilateralismus wird nun zerstört. Nicht nur von Trump. Auch von Putin mit seinen massiven Verletzungen des Völkerrechts. Und von China mit dem zum Teil brutal vorgetragenen Selbstbewusstsein einer aufsteigenden Supermacht.

Und Europa?

Conze Europa ist nicht frei von solchen Dynamiken. Viel stärker als früher wird wieder von „nationalem Selbstbewusstsein“ oder „nationalem Interesse“ gesprochen. Das mag harmlos klingen, es gefährdet aber den Zusammenhalt der EU. Die Fliehkräfte nehmen zu. Europa und auch Deutschland sind anfällig geworden für neuen Nationalismus und Vorstellungen von Souveränität durch Abschottung. Wie erleben gerade die Rückkehr der „alten Dämonen“, von denen Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am Jahrestag des Waffenstillstands von 1918 sprach.