PATRICK WELTER

Wie war das nochmal mit Freiheit und Sicherheit? Zur Erinnerung für alle, die es vergessen haben: Absolute Sicherheit bedeutet absolute Unfreiheit. Der Panic Room schützt nicht nur, er schließt auch ein und ab. Dank IS ist das mal wieder in Vergessenheit geraten.

Der Orwellsche Überwachungsstaat ist bei unseren angelsächsischen Stiefbrüdern schon längst nicht mehr düstere Utopie sondern noch rabenschwarze Realität. Der gläserne Bürger ist jenseits des Atlantiks längst Wirklichkeit, nur die meisten merken es nicht einmal. Mit dem Wahlsieg der Republikaner bei den Kongresswahlen wird es bestimmt nicht besser werden. Seit 2001 hat sich das berühmte Zitat Lenins „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ bei den Sicherheitsbehörden der USA in „Vertrauen ist gar nichts, Kontrolle ist alles“ gewandelt.

Mit dem Auftreten der Kopfschlächter des IS setzt sich diese Auffassung von Sicherheit auch bei den Vettern, bei den Briten, mehr und mehr durch. Ihre Angst vor Rückkehrern aus dem höllischen und keineswegs heiligen Krieg, den die durchgeknallten Islamisten im Irak und Syrien führen, treibt seltsame Blüten. Europäischen Fluggesellschaften müssen jetzt Passagierdaten vorab übermitteln, sonst sind die Landerechte dahin. Die kontinentaleuropäische oder gar deutsche Auffassung von Datenschutz ist ihnen völlig unverständlich. Es geht doch um Sicherheit! Lautet das ewige Credo.

Osama Bin Laden hat in den USA schon lange gewonnen, viele der noch vor dem 11. September 2001 selbstverständlichen Freiheiten, sind seitdem dahin. Die Datenstaubsauger von CIA, NSA und anderen, sich selbst befriedigenden Behörden sind da nur ein Aspekt. Was sagte Helmut Schmidt über die Arbeit von Geheimdiensten: „Aus der Neuen Zürcher Zeitung erfahre ich mehr“.

Großbritannien ist das Opfer seines einstigen Weltreiches und dem Schlendrian im Umgang mit seinen vielen ethnischen Minderheiten. Natürlich haben es einzelne Zuwanderer ins Unterhaus und in der Wirtschaft geschafft, aber wer nicht selber strampelte wurde gnadenlos nicht nur nicht sich selbst, sondern den Hasspredigern an der nächsten Ecke überlassen. Kein Wunder, dass man sich jetzt vor der Rückkehr derjenigen fürchte, die sich in Syrien beim Köpfeabschneiden filmen lassen. Die Mistkerle müssen bekämpft werden, wenn es sein muss mit Waffen und Soldaten, aber nicht durch die Intensivierung des Überwachungsstaates. Was in England sowieso schwer vorstellbar ist. Wer mit offenen Augen vom London City Airport mit dem Wagen bis zum Hotel in der Innenstadt fährt, weiß, dass jede Bewegung von Videokameras aufgezeichnet wird, dass Autokennzeichen automatisch überprüft werden und nichts unbeobachtet bleibt.

Wenn es irgendwann zu einem Anschlag in Deutschland, Frankreich oder auch in Luxemburg kommt, wird sofort danach der reflexhafte Schrei nach härteren Gesetzen und strengeren Kontrollen zu hören sein. Erstens sollte man nicht mit dem Ruf „Kopf ab“ auf Kopf-ab-Mörder antworten. Zweitens ist es wirklich sinnvoll, dass Millionen Bürger Teile ihrer Freiheit und Selbstbestimmung aufgeben müssen, um eine winzige Minderheit religiöser Spinner im Zaum zu halten? Ich meine, Nein.