LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Wie Furchtlosigkeit in der Corona-Krise zum Zwang wird

Seit Beginn der Corona-Krise hat vor allem ein Standpunkt im öffentlichen Diskurs dominiert: Dass wir keine Angst haben sollten, dass Angst aber im Übermaß vorherrschen würde.

Nutzen und Funktion der Angst

Nun stimmt es sicherlich, dass Angst in Panik münden kann, die uns lähmt, die uns auf Dauer allzu sehr zusetzt und uns die Kontrolle über unser Denken und Handeln entzieht. Sie kann in der jetzigen Zeit dazu führen, dass Menschen sich komplett isolieren und sich nicht einmal für lebenswichtige medizinische Untersuchungen aus dem Haus wagen.

Doch trotz ihrer negativen Auswirkungen darf auch der Nutzen der Angst nicht außer Acht gelassen werden. Denn die Emotion hat einen evolutionsbiologischen Hintergrund und die Funktion, uns vor Gefahren zu schützen. Demnach kann Angst durchaus vernünftig und rational sein. Sie erlaubt uns, Gefahren richtig einzuschätzen, verantwortungsvoll und vorausschauend zu handeln, mit einer aktuell herausfordernden Situation richtig umzugehen und uns auf eine künftige angemessen vorzubereiten.

Trost und sozialer Druck

Warum wir unsere Angst dennoch unterdrücken und als etwas rein Negatives betrachten, hat zwei Gründe. Erstens ist es der bequeme und tröstliche Weg. Denn die Konsequenz, die wir für unser Verhalten aus unserer Angst ziehen müssten, kommt unserer schwindenden Geduld nicht entgegen. Wir sind es müde geworden, zuhause zu bleiben und Distanz zu geliebten Freunden und Verwandten zu wahren, unsere Gewohnheiten, Hobbys, sowie unseren Arbeitsalltag nach der Krise zu richten. Deswegen wollen wir glauben, dass alles nicht so schlimm und unsere Angst überzogen ist, weil es unseren Bedürfnissen entgegenkommt und etwas Beruhigendes an sich hat.

Zweitens sorgen wir uns darum, wie unser Umfeld unsere Angst bewertet. Derzeit lässt sich feststellen, dass Angst als dringend zu bekämpfenden, beinahe pathetischen Zustand betrachtet wird. Wer von Bekannten eingeladen wird, etwa zu einem gemeinsamen Essen, darf demnach kein Verständnis erwarten, wenn er angibt, sich dabei noch nicht wohlzufühlen. Er wird aufgefordert, sich zu rechtfertigen, und seine Angst wird ihm ausgeredet, wird lächerlich gemacht. Und so erfahren wir immer wieder, dass Angst in den Augen der Gesellschaft etwas ist, wofür wir uns augenscheinlich schämen müssen.

Überspitzte Vorwürfe

In der Folge wagen wir es nicht, aufrichtig zu unseren Gefühlen zu stehen und darüber zu sprechen, wodurch Angst beinahe zu einer Tabuerfahrung wird. Der damit verbundene soziale Druck ist nicht nur eine subjektiv empfundene Belastung, sie ist ein realer Umstand, der von gravierenden Sanktionierungen und Diffamierungen begleitet wird.

Privatpersonen werden, wenn sie sich kritisch gegenüber Verstößen gegen die sanitären Maßnahmen äußern, sogar mit Kollaborateuren aus der deutschen Besatzungszeit verglichen; der Regierung wirft man vor, sie beschneide die Demokratie, die Selbstbestimmung und die persönlichen Freiheiten der Bürger. Dabei gerät völlig aus dem Blick, dass das sehr schwerwiegende und drastische Vorwürfe sind, die in diesem Fall nicht angemessen sind und die nicht leichtfertig geäußert werden sollten. Auch deswegen nicht, weil wir uns vielleicht einmal in einer Situation wiederfinden werden, in der wir dies berechtigterweise beklagen müssen und auf die Glaubwürdigkeit unserer kritischen Worte angewiesen sein werden.

Zwanghafte Beseitigung von Ungewissheit

Daneben gilt zu bedenken, dass Ängste selten erfolgreich verdrängt werden. Stattdessen verschiebt sich lediglich das Objekt; an die Stelle der Angst vor dem Coronavirus und den Auswirkungen der Krise treten oftmals Ängste, die nicht minder irrational sind.

Denn nicht zuletzt erwachsen aus der Kombination bestehender Ängste und ihrer gleichzeitigen gesellschaftlichen Sanktionierung Verschwörungstheorien. Ohne den Zwang zur Furchtlosigkeit nämlich würde man die Angst zulassen, die Angst, die vor allem die vielen nach wie vor ungeklärten Fragen im Zusammenhang mit dem Virus und dem Umgang mit ihm betrifft. Stattdessen fühlen wir uns nun unter Druck gesetzt, Antworten zu finden und die Fragezeichen aufzulösen, um so der Angst ihr Fundament zu nehmen. Wir reduzieren also die Fakten auf ein leicht zu begreifendes Schema, auf (augenscheinlich) klare Zahlen und biegen sie zurecht zu einer Erklärung, mit der wir uns zufrieden geben, obgleich sie auf keinen nachweisbaren und wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. Und so werden die haarsträubendsten Gebilde auserdacht, die paradoxerweise in ihrem Gehalt, aber auch in ihrer Absurdität noch viel beängstigender sind als die Realität, vor der ihre Erbauer flüchten.

Mut neu definieren

Ich glaube, wir sollten mutiger sein. Mutiger nicht, indem wir uns, komme was wolle, angstfrei zeigen, sondern mutig gerade, in dem wir zu unserer Angst stehen, sie hinnehmen und indem wir sie uns den Weg zu einem verantwortungsvollen, rationalen und vorausschauenden Denken und Handeln bahnen lassen.

Ja, vieles an der Corona-Krise und ihren Umständen macht mir ein wenig Angst. Und dazu stehe ich. Aber noch ein bisschen mehr Angst macht mir der vehement geäußerte Zwang, die eigene Angst abzulegen, die daraus resultierte Furchtlosigkeit, sowohl wenn sie vorgetäuscht, als auch, und erst recht dann, wenn sie wahrhaftig ist. Und Angst macht mir, dass und auf welche Weise wir aus einer menschlichen Grunderfahrung ein Unding machen.

Wer ist Christine Mandy?

Ich wurde am 12. Oktober 1994 als Erbsenzählerin geboren. Die dafür nötigen Erbsen erwerbe ich bei meiner Tätigkeit in einer Werbeagentur und im Verlagswesen. Ich bin eine Waage, halte aber wenig von absoluter Ausgeglichenheit, hege eine Vorliebe für inspirierende und ergreifende Literatur sowie tiefgehende Gespräche, besuche gerne kulturelle Veranstaltungen und liebe alles, was ungewöhnlich ist, mich überrascht und berührt. Seit 2015 habe ich die Ehre, auf dieser Seite meine Gedanken zu teilen. Wenn Sie mir auch Ihre mitteilen wollen, wäre das für mich das absolute i-Tüpfelchen: christine.mandy@outlook.com