COLETTE MART

Nach einem rezenten Bericht von „Reporter ohne Grenzen“ wurden in den letzten zehn Jahren 900 Medienschaffende weltweit getötet. Allein in diesem Jahr waren es bereits 44; die meisten von ihnen sterben nicht in Kriegsgebieten, wie man annehmen könnte, sondern weil sie über Verbrechen, Korruption, Machtmissbrauch recherchierten.

Die Informationen der Nichtregierungsorganisation „Reporter ohne Grenzen“ lenken die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit regelmäßig auf die Gefahren des Berufs, der sich in unserer Zeit verändert, und der wie kaum ein anderer eine konsequente Introspektion verlangt. Dies bedeutet, dass jeder Journalist sich praktisch bei allen Berichten, die er schreibt, die Frage stellen muss, ob er nicht doch faule Kompromisse mit der Macht eingeht, ob er sich nicht doch irgendwo einschmeicheln will, oder sogar mithilft, etwas zu vertuschen.

Nie war die Frage nach der vierten Macht im Staat, und der Ruf nach der Notwendigkeit der vierten Macht, so aktuell wie heute, da einerseits der Recherche-Journalismus an Boden verliert, während die Kurznachrichten im Internet dem aktuellen Lebensstil vieler junger Menschen eher entgegenkommen.

Während die älteren Generationen noch durchaus ihrer Morgenzeitung nahe sind, informieren sich junge Menschen vorwiegend in den sozialen Medien, über Newsletter, wobei Hintergrundinformationen oft auf der Strecke bleiben, Zusammenhänge nicht mehr deutlich werden, und demnach die Welt trotz allgegenwertiger Mediatisierung immer schwerer verständlich wird. Gegen diese Intransparenz reagierten dann auch in den letzten Jahren einige mittlerweile weltbekannte Whistleblower, und einer von ihnen, Edward Snowden, veröffentlichte vor kurzem unter dem Titel „Permanent Record“ seine Memoiren.

Die Presse und der Journalismus erhalten durch die weltweite Überwachung, die der World Wide Web in unser Leben brachte, eine völlig andere Dimension. Nachrichten verbreiten sich wie ein Lauffeuer über die ganze Welt, die Verantwortung der Journalisten wird also sehr groß, die Gefahr der „Fake-News“ ist verheerend, und die wahre Mission des Journalismus, nämlich den Bürger korrekt über Politik, Gesellschaft, Umwelt und auch internationale Beziehungen zu informieren, verschwindet in einem Dickicht von Kurznachrichten, die nicht mehr richtig eingeordnet werden können. Bilder können aus ihrem Kontext gerissen werden. In seiner permanenten Suche danach, was denn jetzt sein Platz ist und wo seine genaue Aufgabe in der Gesellschaft ist, schält sich im modernen Journalismus das Geschichten-Erzählen als eine authentisch gebliebene und verifizierbare Gattung heraus, die sich über Jahrzehnte halten konnte, weil sie einen Einblick in ein Schicksal, und mit ihm in die Werteskala einer Gesellschaft vermitteln kann.

Mit der Globalisierung der Nachrichten und der dementsprechenden Fülle von Informationen ist es sicherlich richtig, hin und wieder bei einer guten Geschichte oder Reportage stehen zu bleiben, gesellschaftliche Vergleiche zu ziehen, und dem Journalisten Respekt zuzustehen, weil er die Sensibilität hatte, einen einzelnen Menschen oder eine Begebenheit darzustellen, und damit zum Nachdenken anzuregen.