LUXEMBURG
MARCUS STÖLB

Dan Diner über das „Luxemburger Abkommen“ von 1952

Am frühen Morgen des 10. September öffneten sich in Luxemburgs „Cercle Municipal“ am Place d’Armes auf beiden Seiten des „Salle de mariages“ die Türen. Wortlos und in einem Abstand von fünf Minuten schritten die Vertreter beider Delegationen, darunter der westdeutsche Kanzler Konrad Adenauer und Moshe Sharett, Außenminister des noch jungen Staates Israel, zum Konferenztisch und unterzeichneten die vorbereiteten Dokumente. Es wurden keine Reden gehalten, auch auf einen Handschlag verzichtete man bewusst. „Es schien, als laste über der Begegnung die Aura eines Banns. Ein solcher Eindruck entsprach dem Empfinden der jüdisch-israelischen Seite“, schreibt Dan Diner über diesen denkwürdigen Moment.

Die Szene im Stadtpalais, wo an besagtem Tag das „Luxemburger Abkommen“ besiegelt wurde, markiert den Neubeginn der deutsch-israelischen Beziehungen. Dabei kann von einem „Neubeginn“ eigentlich kaum die Rede sein. Denn während sich die 1949 gegründete Bundesrepublik durchaus als Rechtsfolgerin des Deutschen Reichs sah, existierte der Staat Israel erst seit 1948. Zwischen dem Luxemburger Abkommen und der Befreiung der deutschen Konzentrationslager lagen nur sieben Jahre, und allein schon der Begriff „Wiedergutmachungsabkommen“ mussten viele Israelis, die selbst das KZ überlebt oder ganze Familien dort verloren hatten, als Zumutung empfinden. Entsprechend umstritten war das Vorhaben, mit Deutschland ein Abkommen zu schließen und von Deutschland Geld anzunehmen.

„Rituelle Distanz“

Der israelische Historiker hat die seinerzeitigen Debatten nachgezeichnet. „Rituelle Distanz“ hat er sein Buch genannt, das jetzt in der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen ist. Dass etwa Deutsch als Verkehrs- und Verhandlungssprache ausgeschlossen wurde, obschon doch alle Unterhändler die Sprache Goethes und Schillers beherrschten, war Teil der Choreographie; eben weil es auch die Sprache Hitlers und Himmlers und der Millionen Nazi-Schergen und KZ-Aufseher war. Dan Diner beschreibt den Versuch vieler jüdischer Israelis, das Deutsche und Deutschland auszugrenzen. Das Bedürfnis, alles Deutsche zu tilgen und aus der jüdischen Kultur zu bannen, ging so weit, dass israelische Reisepässe anfangs für alle Länder galten, außer für Deutschland.

Dieser Bann war aus Sicht namhafter Israelis wie Ben Gurion jedoch spätestens dann nicht mehr aufrechtzuerhalten, als der junge Staat den Zustrom von Einwanderern kaum mehr leisten konnte und dringend auf finanzielle Unterstützung angewiesen war. Eine heftige Debatte entbrannte. Während Gurion für das Abkommen warb, bezogen die späteren Premiers Menachim Begin und Golda Meir dagegen Position. Sie fürchteten Deutschland könnte versucht sein, sich über den Weg finanzieller Unterstützung von seiner Schuld für die Shoa freizukaufen. Am Ende setzten sich jedoch die Befürworter durch.

Heute scheinen die damaligen Auseinandersetzungen weit zurückzuliegen. Inzwischen leben allein in Berlin rund 20.000 zumeist junge Israelis, genießt das wiedervereinigte Deutschland in Israel hohes Ansehen. Und doch macht Dan Diners anfangs spannend zu lesende und gut verständliche, im weiteren Verlauf aber sehr anspruchsvolle Abhandlung über das „Luxemburger Abkommen“ einmal mehr deutlich, warum die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel immer einen speziellen Charakter haben werden - weil nie vergessen werden darf, was in deutschen Namen dem Volk der Juden zugefügt wurde.


Dan Diner. Rituelle Distanz - Israels deutsche Frage, Deutsche Verlags-Anstalt (DVA) 2015, 160 Seiten, 19,99 Euro