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Puccinis Schwanengesang eröffnet die „Live in HD“ Saison - am 12. Oktober in den Kinos

Die Kategorien des Rhetorischen und Dramatischen nannte Nietzsche in seinen 1878 erschienenen Aphorismen als konstitutiv für das Barock als allgemeinen Stilbegriff: „Dämmerungs-, Verklärungs- oder Feuerbrunstlichter“ sind die ästhetischen Modi der Opulenz, die Franco Zeffirelli wie kaum ein anderer ins Opernrepertoire zu übersetzen wusste. Zum Saisonauftakt ihres „Live in HD“-Programms honoriert die Met den verstorbenen Regisseur. Mit „Turandot“ bringt sie eine ebenso gewaltige wie ikonische Produktion zurück ins Repertoire.

Seine Vision des legendären China schmückt Zeffirelli mit einem Füllhorn an luxuriöser Fantastik. Die Kulissen werden bevölkert von in Seide, Brokat und Gold getauchten Figuren, die sich wie die Chiffren einer zugleich grandiosen und enigmatischen Partitur verstehen. So markiert Puccinis Oper den Höhe- und Endpunkt des italienischen Melodrams, das sich zunehmend an der internationalen Avantgarde misst und auch den Blick auf das futuristische Sprechtheater nicht scheut. Diese Schwelle zur Moderne bildet den eigentlichen Aktionsraum, wo der heimliche Star der Aufführung glänzt.

Vom Barock zur Moderne: Zeffirelli und Nézet-Séguin

Als Musikdirektor hat Yannick Nézet-Séguin ein schwieriges Erbe übernommen. Nach James Levines mehr oder weniger nebulösem Abgang fällt ihm die monumentale Aufgabe zu, das Met-Orchester in einem eklektischen Repertoire zu erziehen, das von Händel bis zu Philip Glass reicht. Sein Forte ist jedoch die Moderne; mit „Turandot“ beweist der Kanadier seine Reflexionsgabe, die eine fast programmatische und - verständlicherweise - unitalienische Lesart zutage fördert. Sie insistiert auf orchestrale Details und Dissonanzen, eine impressionistische Farbpalette, die auf Ravel klaren Bezug nimmt und selbst bekannte Passagen wie das „Nessun Dorma“ in ein neues Licht rückt. In der Einzigartigkeit seiner Interpretation liegt die wahre Größe des Yannick Nézet-Séguin.

Ihm zur Verfügung steht eine Sängerriege, die sich der momentan begehrtesten Exponenten ihres jeweiligen Faches rühmt. Dass ein Wagner-Sopran dabei die Rolle der rachsüchtigen Prinzessin übernimmt, ist keine Seltenheit, und Christine Goerke muss alle Fäden einer nicht makellosen Technik ziehen, um schon die erste Feuerprobe zu bestehen. „In questa reggia“ ist eine „tour de force“, die Goerke gerade in jenen Passagen zum Verhängnis wird, die zur dramatischen Klimax ihrer Narration zählen: Der Vergeltung für den Mord an ihrer Ahnin Lo-u-Ling.

Die Stimme verliert an Fokus und ihr hohes C gerät unnatürlich flach. So ist sie nicht die monolithische Furie, die eine traditionellere Aufführungspraxis in ihr sieht; die amerikanische Sopranistin findet einen menschlicheren Zugang, der im dritten Akt seine Stärke zeigt.

Der Prinz und die Sklavin im zeremoniellen China

Ihr Calaf ist ein feinfühliger Ersatz für den indisponierten Roberto Aronica, der zuletzt mit vokalen Problemen zu kämpfen hatte. Dies gibt Yusif Eyvazov die Gelegenheit, sich als heroischer Tenor zu profilieren, der ein seltenes Maß an dramatischer Introspektion besitzt. So versteht er die Geschichte nicht als sturm-und-drängerisches Liebeserwachen, sondern als eine im Grunde tragische Konstellation, die größtmögliche Opfer fordert und letztlich unauflösbar bleibt. Puccini selbst ist an dieser Aporie gescheitert und die Oper bleibt ein Fragment, das - auch an der Met - in der Schlussbearbeitung von Franco Alfano gegeben wird.

Eleonora Buratto zeichnet ein rührendes Porträt der Sklavin Liu; sie genießt nicht nur die Sympathie des Publikums, sondern singt auch Christine Goerke an die Wand. Wie aus dem Lehrbuch intoniert sie ein wunderschönes Diminuendo, das ihr Betteln um Calafs Leben untermalt. „Signore, ascolta“ ist ein lyrisches Paradestück, das alle Facetten ihrer stilistischen Versatilität und chromatischen Reichtums bedient.

Die Met inszeniert mit „Turandot“ ein visuelles Spektakel, das sich primär als Zeremonie begreift; sie ist prunkvoll, hieratisch, märchenartig und schicksalhaft. Dabei schafft Nézet-Séguin ein modernes Äquivalent zum barocken Rahmen, das sich als dauerhafte Lesart einer schwierigen Partitur etablieren dürfte. Als Teil des Programms „The Met - Live in HD“ wird die Oper am 12. Oktober im Kinepolis Kirchberg, Belval und Ciné Utopia ausgestrahlt.