LUXEMBURG
SVEN WOHL

Auch nach dem Verlust seiner Territorien arbeitet der IS weiter

Der Kampf gegen den internationalen Terror kannte im vergangenen Jahr einen großen Erfolg. Denn mit dem Fall der Stadt Baghuz im März 2019 verlor der IS sein letztes gehaltenes Territorium. Dies stellt die terroristische Organisation auch vor ein Legitimitätsproblem: Das Einrichten eines Kalifats stellte die Existenzgrundlage der Organisation dar. Dementsprechend besann sich der IS auf seine Ursprünge als Guerilla-Organisation zurück. Dies schreibt Europol in ihrem gestern veröffentlichten Bericht zum Dschi­had im vergangenen Jahr.

Provinzen im Fokus

Da man nicht mehr auf ein großes Territorium zurückgreifen kann, um damit die eigene Propaganda zu befeuern, sieht man sich andernorts um. Dabei stehen zum einen die sogenannten Provinzen in West-Afrika wie auch den Philippinen im Fokus als auch die Terroranschläge, welche von kleineren Gruppierungen durchgeführt werden. Laut der Propaganda der Terrororganisation sollen in Afrika, Asien und West-Europa insgesamt 15 Unterorganisationen aktiv sein. Tatsächlich möchte sich die Gruppierung einen Ausdauerkampf mit den Truppen in Syrien liefern.

Im November vergangenen Jahres war Europol und den EU-Mitgliedsstaaten ein Schlag gegen die Verbreitung der Propaganda der Terrororganisation gelungen. Pro-IS-Konten auf den sozialen Netzwerken, sowie Kanälen und Gruppen auf dem Nachrichtendienst Telegram wurden dabei aufgelöst. Der IS ist auf solche Kommunikationsmittel angewiesen. Dies zum einen, um die eigene Kommunikation zu ermöglichen, zum anderen, um die Verbreitung von Propaganda voranzutreiben. In dieser Hinsicht erwies sich vor allem Twitter als sehr nützlich. Doch von diesem Schlag hätte die Terrororganisation sich immer noch nicht erholt: Der IS hätte immer noch Mühe, diese Infrastrukturen auf ein Neues aufzubauen, so Europol in ihrem Bericht.

Al-Baghdadis Tod kein großer Schlag

Der Bericht äußert sich ebenfalls über den Tod von al-Baghdadi. Der Anführer selbst sei nicht der wesentliche Faktor dafür gewesen, dass so viele Menschen sich dem IS angeschlossen hätten. Stattdessen sei es das Versprechen eines Kalifats gewesen, das diese in ihren Bann gezogen hätte. Doch dies könnte sich als die wesentliche Schwachstelle der Terrororganisation herausstellen: Ihr Fokus auf ein Territorium, das sich eindeutig unter ihrer Herrschaft befindet, könnte wie bereits erwähnt, ihre Position schwächen. Da sie in direkter Konkurrenz zur wieder erstarkenden al-Qaida stehen, rechnet Europol mit unterschiedlichen Szenarien. Zum einen könnten sich die beiden Organisationen weiter bekämpfen. Zum anderen könnten sie auch eine Allianz bilden - zumindest in einigen spezifischen Regionen. So wird vermutet, dass dies bereits der Fall in West-Afrika ist. Die Konkurrenz begründet vor allem auf einer Ähnlichkeit der Ideologie und vergleichbaren Zielen der beiden Gruppierungen.

Mit Blick auf die Propaganda verfügen beide Terrororganisationen jedoch über eine Gemeinsamkeit: Einen klar identifizierbaren Feind. Dieser wird im Westen gesucht, der sich in ihren Augen gegen den Islam wendet. Der Dschi­had, der global geführt werden soll, dient dazu, gegen den Westen anzukämpfen. Da die Terrororganisationen vor allem online rekrutieren, sei es für Europol eine Priorität, diese Netzwerke weiterhin anzugreifen, damit propagandistische Erfolge ausbleiben.