MONT ST. MICHEL
HELMUT WYRWICH

Vom heutigen Dienstag an ist in Frankreich vieles wieder möglich

Am vergangenen Samstag öffnete das Kaufhaus „Galeries Lafayette“ am Boulevard Haussmann in Paris wieder seine Pforten. Verkäuferinnen und Verkäufer applaudierten den ersten Besuchern, die 77 Tage nach Schließung des Hauses den Konsumtempel wieder betraten. Frankreich kehrt nach und nach wieder in seinen normalen Rhythmus zurück. Den großen Schritt gibt es am heutigen Dienstag.

Die Cafés dürfen wieder öffnen, die Restaurants dürfen wieder Essen servieren, die Parks und Grünanlagen sind wieder zugänglich. Die Bewegungsbeschränkung von 100 Kilometern rund um den jeweiligen Wohnort ist aufgehoben. Franzosen dürfen sich wieder frei bewegen. Nur ins Ausland wird es schwierig, wenn man nicht gerade Grenzgänger ist. Die Grenzen sind noch geschlossen.

Frankreich hat die Wiedererlangung der Freiheiten mit haarkleinen Verwaltungsvorschriften verbunden. Seit Tagen laufen die Gastwirte mit dem Metermaß durch ihre Räumlichkeiten, entfernen Tische und Stühle, um die Abstände von einem bis anderthalb Metern einzuhalten. Wo es auf den Terrassen nicht geht, werden Gäste durch Plastik-Trennscheiben voreinander geschützt. An den Stränden des Atlantiks und des Mittelmeeres gibt es Einzäunungen in Gatter, oder runde Markierungen. Manche Strände werden kontingentiert. Man darf entweder vormittags einige Stunden oder nachmittags einige Stunden auf ihnen verbringen. Zur Wieder-eröffnung der Schulen müssen sich Bürgermeister mit einer 62 Seiten umfassenden Verordnung auseinandersetzen, in der bis hin zu Kleinigkeiten alles geregelt ist.

Am Pfingstwochenende galt alles aber schon nicht mehr. Die Atlantikstrände waren überlaufen. Masken wurden nicht mehr getragen, Abstände nicht mehr eingehalten. Nach fast drei Monaten Ausgangssperre brachen alle Beschränkungs-Dämme. Nur in den Burgenstädten St. Malo und Mont St. Michel galt Konsequenz. Ohne Maske kam man nicht hinein.

Raum Paris unter besonderer Beobachtung

Während im ganzen Land das Leben außerhalb der Wohnung wieder möglich ist, die Kontrollen unzähliger Papiere der Gendarmen überflüssig werden, gilt das nicht für Paris. Die Bistros dürfen im Innern noch nicht servieren, aber ihre Terrassen öffnen und Stühle und Tische sogar auf die Straße setzen. Im Pariser Großraum ist die Zahl der Patienten in den Krankenhäusern noch zu hoch. Dennoch: Eine Reihe von Cafés öffnete bereits zu Pfingsten. Die Polizei belegte sie mit Strafmandaten. Für sie aber geht es ums Überleben. Frankreich rechnet mit Tausenden von Konkursen im Restaurant-Bereich.

Die französische Regierung stand nach zweieinhalb Monaten, in denen das Land still stand, unter großem Druck. Die Wirtschaftszahlen, die zum Ende des ersten Quartals 2020 bekannt wurden, waren katastrophal. Die Zahl der Arbeitslosen schnellte im April gegenüber März um 800.000 nach oben. Im März gegenüber Februar war sie bereits um 256.000 angestiegen. Frankreichs Unternehmen hatten sich einerseits massiv von Teilzeitkräften getrennt. Andererseits hatten sie ihre Beschäftigten in die „Teil-Arbeitslosigkeit“ gegeben, um sich von Kosten zu entlasten. Frankreich kopiert in der Corona Krise ein deutsches Modell der Krise 2007/2008. Deutschland hatte Kurzarbeit eingeführt, wobei der Staat zwei Drittel der Löhne übernahm. Frankreich nennt es nun „Teil-Arbeitslosigkeit“. Im März waren 12,5 Millionen Menschen in diesem Programm registriert. Es ist das großzügigste in Europa. Mindestlohn-Empfänger erhalten ihren vollen Lohn aus der Staatskasse. Ab dem heutigen Dienstag wird das Programm zurückgefahren. Bei weitem nicht alle „Teilzeit-Arbeitslosen“ werden in den kommenden Wochen ihren Arbeitsplatz wiederfinden. Vor der Krise wurde die Arbeitslosigkeit in Frankreich auf zwischen 8,1 Prozent beziffert. Zehn bis zwölf Prozent sollen es im günstigsten Fall nach der Krise werden.

Das Wirtschaftswachstum beruht zu einem erheblichen Teil auf dem Binnenkonsum. Wenn ein ganzes Land aber mit einer Ausgangssperre belegt wird, konsumiert es nicht. Die Folge: Die Franzosen legten 55 Milliarden Euro auf ihre Sparbücher. Die Kaufhauskette Conforama geriet in Schwierigkeiten, ist nun ein Übernahme-Kandidat. Die Bekleidungskette Naf Naf steht unter Sequester-Verwaltung. Die Wirtschaftsleistung in Frankreich brach im ersten Quartal ein. Es gibt ein Minus von 5,8 Prozent. In Spanien geriet sie mit 5,2 Prozent ins Minus, in Italien mit minus 4,7, Belgien liegt bei minus 3,9, Österreich bei minus 2,5, Deutschland minus 2,2 Prozent. Frankreichs Wirtschaft geht es schlechter als der in Spanien und in Italien, die als die eigentlichen Sorgenkinder der Coronavirus Krise gelten. Aus dem europäischen 500 Milliarden Programm soll Frankreich 39 Milliarden Euro erhalten. Das Geld ist bereits verplant. Frankreich pumpt Milliarden Subventionen vor allem in den Sozialbereich. Die Verschuldung steigt derzeit auf 115 Prozent der Wirtschaftsleistung.

2. Juni 2020

Öffnung der Bistros, Cafés, Bars mit Ausnahme Paris ab 22. Juni. Öffnung der Strände, Museen, Monumente, Paris ab 22. Juni. Öffnung der Theater mit Maskenpflicht. Aufhebung der 100 Kilometer-Bewegungsbegrenzung

15. Juni 2020

Öffnung der Grenzen gegenüber Ländern die ihrerseits die Grenzen öffnen. Easyjet nimmt wieder Flüge auf, entlässt 4.600 Personen

21. Juni 2020

Fest der Musik

22. Juni 2020

Kinos und Discotheken öffnen. Bars, Cafés und Bistros in Paris öffnen. Ende der Beschränkung der Versammlungen auf zehn Personen. Sportveranstaltungen sind erlaubt. Pferderennbahnen öffnen.

Ryanair nimmt Flüge ab Luxemburg wieder auf

Juli 2020

Im Laufe des Monates Öffnung der Grenze zu Spanien

4.Juli 2020

Beginn der Sommerferien

10. Juli 2020

Geplant: Aufhebung des sanitären Ausnahmezustandes

August/September

Wiederbeginn der Massensportveranstaltungen wie Fußballspiele der Ligue 1. Die Tour de France findet vom 29. August bis zum 20. September statt