CHRISTINE MANDY

Es gibt nichts, das uns Menschen derart beschäftigt, uns gleichermaßen vereint wie spaltet, das uns das größte Glück aber auch das größte Leid bescheren kann. Wir alle kennen sie, die Liebe, uns allen ist sie schon widerfahren. Fast alle Filme, alle Songs, alle Theaterstücke, alle Opern dieser Welt haben sie als zentrales Thema. Gerade weil sie uns überall begegnet, dürfte es uns nicht schwerfallen, zu beschreiben, was sie eigentlich ist.

Doch wenn wir eine genaue Definition finden sollen, stehen wir auf einmal ratlos da. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, lautet das zentrale, christliche Gebot der Nächstenliebe. Doch wie haben wir uns das konkret vorzustellen? Es ist weder eindeutig, wie wir uns selbst lieben sollen, noch selbstverständlich, dass dies überhaupt der Fall ist. Man denke an die Situationen, in denen wir nicht mit uns selbst zufrieden sind, in denen wir uns und unserem Körper nichts Gutes tun, obwohl wir es doch besser wüssten.

Amor-alisch?

Eines ist sicher: Die Liebe scheint nach Extremen zu verlangen, nach etwas, das beinahe übermenschlich, ja übernatürlich ist und alle Hindernisse inklusive der eigenen Sterblichkeit überwinden kann. Deshalb tritt sie in der Literatur und in Filmen häufig in einer idealisierten Form auf, bei der man sich fragt, ob sie tatsächlich noch realitätsnah ist. Ist es so selbstverständlich, sich wie Romeo und Julia in den Tod zu stürzen, um im Jenseits wieder vereint sein zu können? Und was ist dran an der Behauptung, anstelle eines geliebten Menschen sterben zu wollen? Wie sehr stellen wir uns selbst im Dienste der Liebe zurück? Entsteht die Liebe womöglich gar aus dem egoistischen Drang heraus, nicht allein sein zu wollen und selbst geliebt zu werden? Ist die Liebe tatsächlich eine Tugend oder doch nur ein Bedürfnis?

Ein Mythos zum Verlieben

Wenn es eine Konzeption der Liebe gibt, die besonders ergreifend ist, dann ist es die des antiken Komödiendichters Aristophanes in Platons Symposion, einem fiktiven Dialog. Demnach seien wir Menschen einst kugelförmige Geschöpfe mit jeweils vier Armen und Beinen sowie zwei Gesichtern gewesen. Wir seien allerdings zu energiegeladen, zu aufsässig gewesen und die Götter, welche einen Aufstand befürchteten, hätten uns daraufhin in der Mitte durchgeschnitten und uns damit die Gestalt verliehen, welche wir heute haben. Da uns nun aber unsere andere Hälfte entrissen worden sei, sei es fortan unser Schicksal, nach der einzig wahren Liebe zu suchen, also der Hälfte, die uns seelenverwandt ist.

Tatsächlich aber ist dies gleichermaßen romantisch wie ernüchternd. Gäbe es nur den einen Menschen für uns, so wäre die Wahrscheinlichkeit sehr gering, ihn zu finden. Wenn das Glück die Nadel im Heuhaufen wäre, wären sicher viele von uns unglücklich! Dennoch sprechen wir heute noch von unserer „anderen“ beziehungsweise „besseren Hälfte“ und die Idee scheint uns zu faszinieren. Wer will das nicht, den einen Menschen finden, der uns wirklich versteht, der genauso „tickt“ wie wir? Steckt hinter der Liebe gar der Wunsch, jemanden an unserer Seite zu haben, der uns in allem sehr ähnlich ist und das, damit wir die Bestätigung erfahren, dass mit uns alles in Ordnung ist, dass wir nicht anders sind, als alle anderen?

Die Liebe als Trieb?

Aus der Auffassung, die Sokrates in ebendiesem Werk vertritt, ist die Idee der platonischen Liebe geworden. Heute verstehen wir darunter, dass eine Liebe derart vollkommen ist, dass sie ohne den physischen Aspekt, also ohne sexuellen Akt, auskommt. Doch auch dies scheint wesentlich von dem abzuweichen, was wir in der Realität erleben. Würden wir nicht sogar behaupten, dass wohl etwas Elementares fehlt, wenn wir uns zu einem Menschen körperlich überhaupt nicht hingezogen fühlen? Wie sollten wir dann unseren Partner von einem guten Freund unterscheiden? Andererseits kann ein Ehepaar, das schon sehr lange zusammen ist, sich immer noch lieben, auch wenn es in getrennten Betten schläft.

Es ist schwer zu sagen, ob der sexuelle Akt ein Kriterium für die wahre Liebe ist oder nicht, doch eins steht fest: Die Meinungen gehen diesbezüglich weit auseinander! Der platonischen Liebe entgegengesetzt ist die Auffassung, dass die Liebe nichts anderes ist, als ein Trieb, der uns von Natur aus gegeben ist, damit unsere Gattung erhalten bleibt. Sehr romantisch ist die Vorstellung nicht, aber auch nicht ganz abwegig. Doch das bedeutet ja nicht, dass wir nicht mehr in der Liebe sehen können.

Es kann wohl niemand so genau sagen, ob der Mensch so konzipiert ist, dass er sein ganzes Leben mit einer einzigen Person verbringt - und zwar in einer monogamen Beziehung lebend -, aber er tut es auf jeden Fall. Der Grund dafür ist sicherlich mehr als bloße Konvention, davon bin ich überzeugt. Der Mensch kann sich Ideale suchen und beschließen, sie zu verfolgen, auch wenn sie ihm nicht in die Wiege gelegt wurden. Manche würden in ihr, der Liebe, gar den Sinn des Lebens sehen- und das zu Recht. Letztlich steht es uns frei, wie wir sie betrachten wollen, mit welcher Einstellung wir an sie herangehen, welche Ansprüche wir an sie stellen und wie wir mit ihr umgehen. Objektiv gesehen ist und bleibt sie ein Mysterium.