LEUDELINGEN
CORDELIA CHATON

Guy Hoffmann über den besonderen Geist bei Raiffeisen Luxemburg und was seine Bank heute noch mit dem Genossenschaftswesen zu tun hat

Friedrich Wilhelm Raiffeisen, der Gründervater des Genossenschaftswesens, wurde vor 200 Jahren geboren. Er hatte die Idee zu einer solidarischen Finanzierung. Auch in Luxemburg fand sie Anklang. Hier gibt es die Banque Raiffeisen. Welche Rolle spielt die Genossenschaftsidee noch in einer modernen Bank? Eine große, findet Vorstandsvorsitzender Guy Hoffmann.

Herr Hoffmann, wie sieht es mit der Genossenschaftsidee im 21. Jahrhundert aus?

Guy Hoffmann Ich denke, sie ist noch sehr, sehr wichtig. Wir reden beispielweise hier in der Bank von „Phygital“: das heißt, die Kunden wollen sowohl die physische Präsenz als auch digitale Angebote. Dort sehen wir in den kommenden fünf bis zehn Jahren das Potenzial, und als Genossenschaftsbank wollen wir unseren Mitgliedern und Kunden beide Möglichkeiten anbieten. Wenn Sie an die Abos für Handys denken, wissen Sie, wie schnell dort gewechselt wird. Genau das aber wollen wir nicht. Wir sind eine lokal verankerte Bank und nicht einfach nur ein auswechselbares Angebot. Die DNA ist entscheidend. Wir sollten uns nicht austauschbar machen und jedem Trend hinterherrennen. Wir haben unsere Berater mit Tablets ausgestattet, damit sie zu den Kunden nach Hause gehen können, ein Angebot, das von vielen Kunden gerne angenommen wird. Interessanterweise spricht das nicht nur ältere Leute an, wie gern behauptet wird. Mitglieder profitieren des Weiteren von ihrer Bank durch die „Opera“-Vorteile. Bis heute zahlen wir keine Dividende. Die erwirtschafteten Gewinne bleiben in der Bank. Das senkt das Risiko und stärkt die Bank, es macht die Arbeitsplätze sicherer. Darüber hinaus ist uns die Finanzierung lokaler Projekte sehr wichtig. Wenn es der Region gut geht, geht es uns gut. Wir prüfen Projekte auf soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit. Statt Firmenpräsente zu verteilen spenden wir am Jahresende für Ideen und Projekte, die den Mitarbeitern wichtig sind. In unserer Strategie für 2015 bis 2020 haben wir den Genossenschaftsgedanken ebenfalls berücksichtigt.

Sie werben gerade für „Opera-Plus“. Hat das was damit zu tun?

Hoffmann Ja, das machen wir bewusst. Wir wollen unseren Kunden die Möglichkeit geben, aktiv zu werden. Jeder kann seinen Anteil und seine Stimme an der Bank haben und nach 3,5 Jahren haben wir schon 32.000 Mitglieder. Die Mitglieder kommen zur Präsentation der Jahreszahlen in die 13 Regionalkassen und hier in die Zentrale nach Leudelingen - das wird im jetzigen Programm „Opera“ schon sehr stark genutzt - und deshalb wollten wir dort weitermachen und haben jetzt gerade „Opera plus“ aufgelegt. Die Idee: Je mehr jemand mit uns abwickelt, desto mehr Punkte und andere Vorteile hat er oder sie. Diese Punkte kann man umtauschen in Dienste, für die man sonst bezahlen müsste.

Das ganze Interview lesen Sie in der Freitagausgabe des „Journal“.

Der genossenschaftliche Gedanke im Internetzeitalter

Die Online-Konkurrenz

Eine Genossenschaft zeichnet sich dadurch aus, dass ihre Mitglieder durch den Zusammenschluss ihre einzelwirtschaftlichen Ziele gemeinschaftlich zumeist besser erreichen können als alleine. Das ist der Gedanke, der heutigen erfolgreichen Genossenschaften wie den Raiffeisenbanken, Fondsgesellschaften wie der Union Investments oder Versicherungen wie der zur Raiffeisen-Gruppe zählende R+V  zugrunde liegt. Ein Gedanke, der aber derzeit auch von vielen Plattformen im Internet aufgegriffen wird. In der Heimat von Raiffeisen, Deutschland, hat sich in diesem Bereich bereits  das 2007 gegründete Unternehmen auxmoney einen Namen gemacht und eigenen Angaben nach bislang bereits mehr als 110.000 Kredite von privaten Geldgebern vermittelt. Neben der Vermittlung von Darlehen bietet der Online-Marktplatz gleichzeitig privaten Anlegern an, Geld gegen Rendite anzulegen. Die reine Kreditvermittlung unternimmt das Unternehmen nebst Bonitätsprüfung. Die Abwicklung verlangt allerdings eine Banklizenz, weswegen die Onlineplattform dazu mit der SWK-Bank zusammenarbeitet. Insofern ist der Werbeslogan „Geld braucht keine Bank“ nicht ganz zutreffend. Warum aber wird eine Banklizenz gebraucht? Aus Sicherheitsgründen, denn die Finanzaufsichtsbehörden wie in Deutschland die BaFin wollen natürlich keinen Wildwuchs an Kreditvergaben oder dass Anleger ihr Geld dubiosen Kreditnehmern geben, das nachher nicht zurückgezahlt wird. Eine Bank hingegen muss haften und gehört auch einem Einlagensicherungsfonds an, so dass selbst im Falle einer Pleite der Bank üblicherweise 100.000 Euro Einlagen pro Anleger gesichert sind. Ähnlich arbeitet Funding Circle, eine andere P2P-Plattform, die allerdings ausschließlich Kredite an Selbstständige vermittelt.

Von „Privat-zu-privat”

P2P-Kreditplattformen wie diese haben sich in den letzten Jahren dank Internet nicht wenige entwickelt, die „Crowdinvesting“ zur Finanzierung privater oder unternehmerischer Vorhaben organisieren oder Kredite von „Privat-zu-privat“ vermitteln. Bon-Kredit in der Schweiz gibt ebenfalls an, bereits 100.000 Kredite vermittelt zu haben, eine weitere Plattform ist crosslend, die neben Deutschland auch in  Spanien, dem Vereinigten Königreich und den Niederlanden aktiv ist. In Luxemburg wird derzeit keine P2P-Kreditplattform von der CSSF beaufsichtigt oder hat eine Zulassung in Luxemburg beantragt, teilt dazu die luxemburgische Finanzaufsicht dem „Journal“ mit.  „Ob eine P2P-Kreditplattform einer Genehmigung in Luxemburg bedarf, bestimmt sich grundsätzlich nach den angebotenen Dienstleistungen“, erklärt Matthias Schmidt von der CSSF. Eine Banklizenz sei nicht erforderlich, wenn solche P2P-Kreditplattformen keine Einlagen von Kunden entgegennehmen, keine Kredite im eigenen Namen vergeben und ansonsten auch keine bankenspezifische Dienstleistungen erbringen. „Jedoch ist eine Zulassung als Zahlungsinstitut dann notwendig, sofern neben einer reinen Kontaktvermittlung zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer auch Zahlungsflüsse zwischen diesen Parteien über die Plattform abgewickelt werden.“ In der Praxis lagern die Plattformen solche Zahlungsdienstleistungen zumeist an externe Zahlungsinstitute aus, die bereits über eine Zulassung verfügen.

Lokaler Vorteil

Dass es sich bei den P2P-Kreditvermittlungen nur um vergleichsweise kleinere Summen handelt, liegt auf der Hand. Vor mehr als hundert Jahren war es bei Raiffeisen aber auch nicht anders. Könnten also solche Online-Anbieter den echten Genossenschaftsbanken zur Konkurrenz werden? Es dürfte schwer werden, denn die Genossenschaftsbanken haben gegen Onlinekonkurrenten wie auch anderen Geschäftsbanken einen klaren Pluspunkt, der nicht zu unterschätzen ist: Sie sind regional verankert. Was früher eher altbacken klang, entpuppte sich spätestens in der letzten Finanzkrise als Vorteil. Denn während andere Banken Kunden verloren, konnten Genossenschaftsbanken mehr Kunden gewinnen. Sie zeichnen sich durch Nähe, Flexibilität und persönliche Beziehung aus. So macht die Konkurrenz durch Fintechs den Genossenschaftsbanken wenig Sorge, wie auch die „Fusionen-Studie 2017“ der Unternehmensberatung Berg, Lund & Company besagt. Diesen Vorteil müssen die Genossenschaftsbanken aber nicht nur gegenüber Onlineplattformen wahren – auch gegenüber so mancher Großbank, die wieder etwas vom lokalen Geschäft, das sie lange ignorierten, abhaben wollen.     Marco Meng ___________________________________________________________________________________

Internationale Raiffeisen Union - IRU

Das Raiffeisen-Motto lautet: „Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele.“ Dieses Modell der Hilfe zur Selbsthilfe breitete sich im frühen 19. Jahrhundert rasch in den deutschsprachigen Ländern aus, und wurde dann auch international zum Erfolgsmodell. Knapp 2.400 genossenschaftliche Organisationen gibt es laut „World Co-operative Monitor“ derzeit, darunter rund 439 genossenschaftliche Banken. Die Internationale Raiffeisen-Union (IRU), ein weltweiter, freiwilliger Zusammenschluss nationaler Genossenschaftsorganisationen, deren Arbeit und Gedankengut auf den Prinzipien von Friedrich Wilhelm Raiffeisen basieren, wurde 1968 anlässlich des 150. Geburtstages von Friedrich Wilhelm Raiffeisen gegründet und hat heute 61 Mitglieder aus 36 Ländern. 2016 wurde Guy Hoffmann, Präsident des Direktionsvorstandes der Banque Raiffeisen, zum Mitglied des Präsidiums der IRU berufen. Präsident der IRU ist Franky Depickere, Vorstandsvorsitzender der belgischen Genossenschaftsbank Cera - KBC Ancora. Auf die Frage des „Journal“, ob die Genossenschaftsbanken sich einer Konkurrenz im Internet gegenübersehen, erklärt er: „Unsere Genossenschaftsbanken arbeiten nach der Philosophie von Raiffeisen. Mit seinem Modell war er schon im 19. Jahrhundert Vorreiter für Crowdfunding und Kredite auf privater Basis.“  Der Trend zu mehr Digitalisierung macht ihm keine Angst, denn Genossenschaftsbanken, so  Depickere, hätten sich immer erfolgreich an neue Technologien und Arbeitsmethoden angepasst. „Ich bin überzeugt, dass dies auch in Zukunft so sein wird. Das Konzept der Mitglieder als Eigentümer, die gleichzeitig auch Kunden sind, zwingt Genossenschaften, zeitgemäß zu bleiben. Das ist es, was wir tun, und darauf sind wir gemeinsam mit unseren Mitgliedern stolz.“     MM