COLETTE MART

Die neue Regierung hat versprochen, ein Augenmerk auf jene Menschen zu richten, denen es weniger gut geht, und dies ist dringend. Wie der im Oktober 2018 veröffentlichte Bericht der Statec zum Thema „Travail et cohésion sociale 2017“ offenbarte, ist jeder fünfte Mensch in Luxemburg vom Armutsrisiko betroffen. Die sozialen Ungleichheiten sind verheerend: in Luxemburg leben die Ärmsten mit etwas mehr als 900 Euro verfügbarem Einkommen, während die wohlhabendsten 7.900 Euro haben. Das Armutsrisiko steigt und die Rechnung könnte sich wirtschaftlich gesehen als falsch erweisen. Denn wenn die Armen etwas mehr Geld haben und mehr konsumieren, wird das auch wieder der Wirtschaft helfen; im geschäftlichen Angebot kann man nämlich feststellen, dass es Angebote für Geringverdiener gibt, das heißt preiswerte Kleider und Lebensmittel, die aber eher diskret, ja sogar versteckt vor der allgemeinen Öffentlichkeit bleiben. Es wurde glücklicherweise errechnet, dass 30 Prozent der Armutsbetroffenen sich auch wieder erholen; allerdings bleibt einer von zehn Einwohnern unseres Landes anhaltend betroffen. Zwar steigt bei uns die Beschäftigung ständig, aber gleichzeitig werden die Arbeitsbedingungen auch prekärer, denn viele Menschen haben Teilzeitjobs und befristete Verträge. Mit etwas mehr als 5 Prozent Arbeitslosigkeit hat Luxemburg in Europa praktisch das Image der Vollbeschäftigung. Trotzdem zählen wir 14.000 Arbeitslose. Es handelt sich hier um 14.000 Einzelschicksale, um Geschichten von Menschen, die aus irgendeinem Grund kein Glück hatten, oder zu einem ungünstigen Zeitpunkt im Leben die Arbeit verloren und keine mehr fanden. Mittlerweile kennt praktisch jeder von uns in seinem Umfeld Betroffene, die nach Arbeit suchen. Junge Menschen mit gutem Willen, makellosen Lebensläufen, ordentlichen Ausbildungen, die manchmal 50 Bewerbungen schreiben, ohne eine Antwort zu bekommen. Oder auch andere, die vielleicht die Schule abbrachen, keine Diplome haben, längere Zeit nicht arbeiteten, was sich dann durch „Löcher“ im Lebenslauf bemerkbar macht und gegen sie ausgelegt wird.

Oder auch jene, die als zu alt eingestuft werden, oder sich im kalten Wind in der Gesellschaft nicht zurechtfinden. Der Verlust des Selbstvertrauens, des Vertrauens in die Gesellschaft, der emotionale Rückzug von Familie und Freunden sind die Konsequenzen für die Betroffenen. Ein Vater oder eine Mutter, die keine Arbeit haben, wird den Kindern materiell weniger bieten als arbeitende Eltern, sie haben keinen Status in der Gesellschaft, was die Kinder merken, und so entwickeln sich in den Familien Minderwertigkeitsgefühle, Depressionen, ein tiefes Gefühl der Ungerechtigkeit. Wie einige in der Presse veröffentlichten Interviews mit Obdachlosen offenbarten, haben Arme oft jegliches Vertrauen in unsere Institutionen verloren. Schlussendlich hat immer ein potentieller Arbeitgeber das letzte Wort, respektive die Möglichkeit, einem Menschen die Hand zu reichen. Demgemäß müssten Verwaltungen, öffentliche Institutionen und auch die größeren Unternehmen systematisch an der Armutsbekämpfung und der sozialen Kohäsion mitwirken, und so ihrer sozialen Verantwortung nachkommen.