LUXEMBURG
DR. ROLAND SELIGMANN

Die „Association Luxembourgeoise de Pêdiatrie Sociale“ (Alupse) kümmert sich seit über 30 Jahren um Babys, Kinder und Eltern. Die Herausforderungen verändern sich mit der Zeit, wie Gründer Dr. Roland Seligmann berichtet.

„Als wir Alupse auf meine Anregung hin gegründet haben, haben viele Menschen den Sinn nicht gesehen. Damals war Kindesmissbrauch noch gar kein öffentlich diskutiertes Thema, niemand half den Kindern oder auch den Tätern. Ich war durch die Fälle, die ich hier sah, sehr betroffen – und musste doch immer wieder Richter, Polizei oder Ämter überzeugen. Wir haben uns oft zusammengesetzt. Dazu kamen die Probleme mit geschlagenen oder verwahrloste Kinder. Es gab also viel zu tun, allein, um damit das Problem im Bewusstsein ankam. Heute arbeiten wir mit allen großen Kinderkrankenstationen. 2007 haben wir dann eine neue Arbeit angefangen, die sich auf die Schwangerschaft konzentriert. Jetzt begleiten wir rund hundert Schwangere pro Jahr, helfen bei so einfachen Fragen wie: Warum muss ich mit meinem Kind reden? Wie drehe ich es um? Oder auch bei wirtschaftlichen Problemen. Immerhin benötigen rund fünf Prozent aller Mütter Hilfe. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Die Bevölkerung in Luxemburg steigt und damit auch die Zahl der Fälle. Wir haben Kontakt zu anderen Ländern in Europa und auch dort stellen wir immer mehr Fälle von geschüttelten Babys fest. Das kann zu lebenslangen Behinderungen sowie einer Sterberate von rund zehn Prozent führen. In Luxemburg nehmen die Fälle seit 2010 zu. Während die Zahl der geschlagenen Kinder gleich geblieben ist, fällt bei den sexuell missbrauchten Kindern auf, dass rund ein Drittel der Täter unter 18 Jahre alt ist. Auch sie brauchen Hilfe. Bei den verwahrlosten Kindern ist der Schaden oft am schwersten festzustellen, denn das betrifft auch einen Mangel an Aufmerksamkeit, Liebe, Nahrung oder Kleidung. Da sind die ersten drei Jahre entscheidend und die langfristigen Schäden am höchsten. Unser Hilfsangebot ist freiwillig und deckt die Zeit von der Geburt bis zum dritten Lebensjahr ab. Die Unterstützung ist nicht nur psychologisch, sondern betrifft auch das Stillen, die Elternschaft oder finanzielle Hilfe.

Als anerkannter Verein werden wir öffentlich unterstützt und haben eine Pionierrolle. Wir wünschen uns, dass die Behandlung der Betroffenen besser organisiert und auf nationaler Ebene vereinheitlicht wird. Das verlangt auch eine Einbindung von Polizei, Justiz und Psychologen. Das ist eine politische Aufgabe. Diese betrifft auch Babys, die den Familien von der Justiz wegen besonders großer Probleme weggenommen werden. Wir hatten teilweise acht solcher Babys in der Kinderklinik des CHL stationär aufgenommen, weil Pflegefamilien fehlen, die diese Kinder aufnehmen oder adoptieren. Deren Eltern muss man ebenfalls betreuen, sonst kommt es zu weiteren Schwangerschaften. Hier sind politische Entscheidungsträger gefordert.“