LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

SNHBM-Direktor Guy Entringer über Rolle und Zukunft des Unternehmens und die Schrauben der Wohnungsbaupolitik

Die „Société Nationale des Habitations à Bon Marché“ (SNHBM) feiert an diesem Mittwoch ihr 100. Jubiläum. Welche Ziele verfolgt sie heute und in Zukunft? Unter anderem das haben wir Direktor Guy Entringer gefragt.

Herr Entringer, die „Société Nationale des Habitations à Bon Marché“ ist in den letzten Jahren stark gewachsen und baut mehr als je zuvor. Was gab dafür den Ausschlag?

Guy Entringer Die stetig wachsende Nachfrage nach erschwinglichem Wohnraum in einem Umfeld steigender Immobilienpreise und Mieten. Wir haben uns 2015 eine neue Strategie gegeben, um pro Jahr den Bau von rund 250 Wohnungen anzukurbeln. Zuvor waren es um die 80 jährlich. Im vergangenen Jahr waren es rund 300. Diese erhöhte Aktivität bedingt natürlich, dass unser Personalbedarf steigt und weiter steigen wird. In wenigen Jahren ist unser Personalbestand von 48 auf 110 angestiegen. Ich denke, dass wir Ende des Jahres bei 120 sein werden. Wir suchen alle möglichen Profile im Bauwesen: Architekten, Ingenieure, Baustellenmanager und so weiter.

Sie sagten in einigen Interviews, die SNHBM könnte noch mehr machen. Welche Voraussetzungen müssen dafür erfüllt sein?

Entringer Nun, wir brauchen neben dem politischen Rückhalt und ausreichenden Mitteln vor allem mehr Baugrundstücke und wir müssen sie auch schnell bebauen können. Momentan haben wir das Problem, dass die Bauunternehmen Schwierigkeiten haben, die Aufträge zu erfüllen angesichts einer sehr regen Nachfrage. Das ist frustrierend für uns, es ist aber auch dramatisch für den Wohnungsbau in Luxemburg allgemein.

Die Nachfrage nach Wohnraum ist ja riesig...

Entringer In der Tat und sie wird weiter wachsen. Jedes Jahr zählt Luxemburg um die 13.000 bis 14.000 Einwohner mehr, die natürlich Wohnraum brauchen. Der Statec hat kürzlich berechnet, dass bei diesem Bevölkerungswachstum bis 2060 rund 5.600 bis 7.500 Wohnungen pro Jahr gebaut werden müssten. Heute entsteht auf dem Markt aber nur etwa die Hälfte. Wir müssen endlich mal die Rechnung aufmachen: wo und wie verwirklichen wir die 100.000 Wohnungen, die in den nächsten Jahrzehnten zusätzlich gebraucht werden?

SNHBM-Verwirklichung in Roodt-Syr Foto: SNHBM - Lëtzebuerger Journal
SNHBM-Verwirklichung in Roodt-Syr Foto: SNHBM

Um dieses Pensum zu erfüllen, muss aber auch anders gebaut werden, nicht wahr?

Entringer Völlig richtig. Ich gebe mal zu bedenken, dass wenn die öffentlichen Bauträger SNHBM und Fonds du Logement 1.000 Wohnungen im Jahr schaffen würden, für diese rund 30 Hektar Bauland gebraucht werden würden. Das ist mehr als bei unserem Großprojekt Elmen, das derzeit in Olm entsteht. Wir haben also einen erheblichen Landverbrauch und deshalb muss besser vorausgeplant werden, wo man baut und wie man baut. In meinen Augen führt kein Weg daran vorbei, dichter zu bauen, das heißt auch höher. Weshalb in den meisten Gemeinden nur fünf Etagen hoch gebaut werden darf, weiß übrigens niemand. Das ist kein Plädoyer für Hochhäuser überall, sondern für eine generelle Überlegung über die Wohnungsverdichtung.

Aber man muss sich auch langfristig Grundstücke sichern. Wo bekommen Sie die her?

Entringer Um unsere Aktivitäten planen zu können, müssen wir sicher sein, dass wir genügend Bauland haben. Die SNHBM ist nämlich keine Marie-Astrid, sondern ein Kreuzfahrtschiff, das weit voraus blicken muss. Das muss auch die Wohnungsbaupolitik insgesamt. Wir müssen die Brille von morgen aufsetzen und festlegen, wo in zehn oder 20 Jahren Wohnraum entstehen soll. Ich finde es in dieser Hinsicht eine exzellente Idee, einen staatlichen Fonds aufzulegen, der Baugrundstücke aufkauft. Ich sehe derzeit eine gute Dynamik im zuständigen Ministerium und hoffe, dass sich in den kommenden fünf Jahren da viel tut. Natürlich braucht es viel politischen Mut, um etwas im Wohnungsbau zu bewegen.

An welchen Schrauben müsste gedreht werden, um an mehr Bauland zu kommen?

Entringer Meiner Meinung nach sollten Gemeinden nicht einfach so den Perimeter ihrer Allgemeinen Bebauungspläne erweitern können, ohne dass ein Abkommen mit der öffentlichen Hand besteht, einen Teil der Grundstücke bebauen zu können. Dann stellt sich die Frage der Besteuerung von Bauland, das nicht ewig zurück gehalten werden kann. Ich stelle mir auch die Frage, weshalb ein Besitzer so viel mehr bekommen soll, wenn auf seinem Grundstück dichter gebaut wird.

Stellt sich nicht auch die Frage, nach welchen Kriterien Sozialwohnungen vergeben werden?

Entringer Doch, die Kriterien müssen überprüft werden und das dürfte mit der angepeilten Reform des Gesetzes von 1979 auch geschehen. Bei der SNHBM ist es so, dass Verkaufspreise und Mieten sich an der Einkommenslage der Antragsteller orientieren. Wir müssen uns überlegen, ob nicht Wohnungen ab einem gewissen Einkommensgrad befreit werden müssen oder ob ein Zeitkriterium eingeführt werden soll, während dem man eine SNHBM-Wohnung halten darf.

Die SNHBM verwirklicht nur Projekte mit einer Mindestzahl von 20 Wohnungen. Weshalb?

Entringer Das hat einerseits mit der effizienten Nutzung unserer internen Ressourcen zu tun. Die SNHBM setzt etwa bei jedem Projekt einen Baustellenkoordinator ein, der sich voll darauf konzentrieren kann. Bei weniger als 20 Wohnungen wäre er unterfordert. Dann standardisieren wir vieles, um die Baukosten zu senken und das gibt erst bei größeren Projekten richtig bedeutende Einsparungen. Wir verwirklichen übrigens alle Projekte mit unseren eigenen Ressourcen.

Unterstützt die SNHBM auch neue Wohnformen?

Entringer Mir ist nicht klar, was mit neuen Wohnformen gemeint ist. Wenn Wohngemeinschaften gemeint sein sollten sage ich: das machen wir schon. Das Kerngeschäft der SNHBM ist es, Wohnungen zu bauen. Wie darin gewohnt wird, ist eigentlich sekundär. Wir stehen auf jedem Fall jedem zur Verfügung, der ein Projekt mit uns verwirklichen will, insbesondere auch den Gemeinden.

Zur Person

Aus der Stahlbranche in den Wohnungsbau

Guy Entringer ist Wirtschaftswissenschaftler und startete seine Berufskarriere zunächst bei einer Bank, bevor er als Verwaltungs- und Finanzdirektor bei ArcelorMittal Bissen arbeitete. Mit 2006 tritt er als Direktionsrat in die „Société Nationale des Habitations à Bon Marché“ ein. 2008 übernimmt er mit 31 Jahren die Leitung des Unternehmens.