NORA SCHLEICH

Am 12. Oktober 2016 wäre Edith Stein 125 Jahre alt geworden. Ihrem Dasein wurde jedoch bereits 1942 ein brutales Ende gesetzt, denn sie wurde, wie so viele ihrer Zeitgenossen, im KZ Auschwitz ermordet. Zwar soll ihr philosophisches Denken und ihre ethische Gesinnung in diesen wenigen Zeilen im Vordergrund stehen, doch ergibt der kurze Blick in ihren Lebensweg bereits Aufschluss über ihr interessantes und für diese Zeit atypisches Dasein. So konvertierte die geborene Jüdin im Alter von 31 Jahren zum Katholizismus und arbeitete dann als Lehrerin und Dozentin im Kloster und am Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik.

Edith Stein war zudem Schülerin und Assistentin des bekannten Phänomenologen Edmund Husserl. Husserls Philosophie richtete sich auf die Frage, inwiefern unsere bewussten Wahrnehmungen mit der tatsächlichen Wahrheit übereinstimmten. In ihrem 1950 posthum veröffentlichten Werk „Endliches und ewiges Sein. Versuch eines Aufstiegs zum Sinn des Seins“ wagt Edith Stein den Versuch, den Grundriss einer Seinslehre neu zu gestalten und dies unter dem Einfluss der husserlschen Gedanken, sowie der christlichen Gotteslehre. Das Anliegen der Schrift besteht darin, die Grundstruktur des Seins aufdecken zu können.

Nach Stein wird alles Seiende von dem Grundgesetz der Analogie beherrscht. Die Analogie, also der gedankliche Vergleich, ist demzufolge auch als das einzig mögliche und somit notwendige Verfahren zu verstehen, nach welchem die sachliche Untersuchung des Seienden auszuführen ist. So soll das Seiende, das was ist, auf den Sinn des Seins, als Dasein an Sich, geführt werden. Wie Husserl sieht sie im eigenen Bewusstsein die Möglichkeit, Zugang zu dem Seienden zu erhalten. Das ‚Bewusst-Sein‘, ist genauso wie das ‚Sein in Gedanken‘ eine besondere Art unseres Daseins. Durch die Untersuchung der Art des Bewusstseins und der Art, wie wir uns bewusst mit den Fragen des Seins beschäftigen, lassen sich Analogien ziehen, die uns das Verständnis der Seins-Struktur ermöglichen sollen. Fokus der Untersuchung muss also die Bewusstseinsgestaltung des Denkenden sein.

In diesem Sinne versteht sich auch, warum Stein dafür plädiert, das ‚innergeschichtliche Denken‘ hinter sich zu lassen, also vorhandene Theorien und Interpretationen zurück zu stellen und zu einem Streben nach ‚übergeschichtlicher Wahrheit‘ voranzuschreiten, und zwar durch das freie, „kreatürliche“ Denken, ein Begriff ihres Zeitgenossen Pryzwaras.

Das interessante Konzept des kreatürlichen Denkens meint ein wechselwirkendes Zusammenspiel von verschiedenen Denkungsarten. Zu verstehen ist dies im Sinne einer Kooperation unter Denkern, wobei jede individuelle Methode der Reflexion des Einzelnen berücksichtigt wird. So kann jeder einen ergänzenden Beitrag zum Thema erbringen, indem er seine eigenen Stärken einfließen lässt, um dem Zugang zur Wahrheit und zum Begreifen des Seins stets ein wenig näher kommen zu können.

Natürlich wird diese kurze Darstellung der Gesamtheit der philosophischen Idee Steins nicht wirklich gerecht. Allerdings würde ich gerne noch auf den im letzten Absatz angesprochenen Umstand hinweisen: Jeder kann beitragen, der Gedanke eines Jeden zählt. Dass dieses Ideal oftmals mit Füßen getreten wird, musste Edith Stein am eigenen Leib erfahren. So überragend die Denkerin für ihre Zeit auch gewesen sein mag, nach ihrer Promotion wurde ihr jeglicher Zugang zu einer Habilitation verwehrt. Und dies nicht wegen mangelnder Qualität ihrer Arbeit, sondern ganz einfach, weil sie eine Frau war. Stein ließ sich jedoch nicht entmutigen und setzte sich demzufolge verstärkt für Gleichberechtigung unter Frauen und für das Thematisieren der Probleme in der Mädchenbildung ein. Ein Umstand, dem auch die Namensgebung des Foyers für Mädchen und Frauen Edith Stein hier in Eschweiler huldigte.

Aber auch in den Zeiten der Judenverfolgung zeugte Edith Stein von einem starken Willen. So schrieb sie im Jahre 1933 an den damaligen Papst und forderte ihn auf, öffentlich gegen die Judenverfolgung zu protestieren. Sie, als konvertierte Katholikin, zögerte nicht daran, Kritik an der Kirche zu äußern und mutig darauf hinzuweisen, dass das entsetzliche Schweigen bezüglich der gesellschaftlichen Grausamkeiten gebrochen werden musste. Ihr Wille zur Verbesserung wurde posthum durch eine Selig- und Heiligsprechung gewürdigt und ihre Figur ging als die einer exemplarischen Brückenbauerin zwischen Juden und Christen, sowie in Bezug auf die Geschlechterfrage in die Geschichtsbücher ein. In diesem Sinne bleibt mir nur noch ein Hoch auszusprechen, auf die vielen Edith Steins unserer Welt, die oftmals mit unfairen Behandlungsformen umgehen müssen, aber dennoch für ihre Ideale kämpfen! Weiter so!