NORA SCHLEICH

Prometheus, der den Göttern das Feuer stahl, um es den Menschen zu geben, wurde für diese Untat von Zeus bestraft. Es wurde eine Frau geschaffen, Pandora, die durch die Heirat mit Prometheus‘ Bruder zu dessen Schwägerin wurde.

Zeus, noch immer voller Wut und Gram, überreichte Pandora eine wunderschöne Büchse. Er wies sie an, diese den Menschen zu überreichen und sie davor zu warnen, die Büchse jemals zu öffnen. Niemals dürfte der Inhalt freigelassen werden. Pandora jedoch konnte ihre Neugierde nicht bändigen und öffnete die besagte Büchse. Aus ihr entwich alles Üble, alle Laster und Untugenden, Negatives und Krankheiten - all diese Fürchterlichkeiten wurden den Menschen auf diesem Weg ‚geschenkt‘.

Erschrocken schloss Pandora die Büchse wieder, und das Einzige, das noch drinnen enthalten war, war die Hoffnung. Die Menschen wussten von all diesem nichts und priesen die Büchse als Geschenk des Zeus, als Glücksfass und wundervollen Schatz. Wie Nietzsche jedoch meinte, war die zurückgebliebene Hoffnung ebenfalls ein großes Übel. Von der Hoffnung geblendet, sollten die Leute ihr Leben ständig weiterführen, gleich welches schreckliche Schicksal ihnen zustoßen würde. Die Hoffnung „ist in Wahrheit des übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert“, schreibt Nietzsche 1878.

Der werte Leser fragt sich bestimmt bereits, inwiefern diese tragische Geschichte der griechischen Mythologie nun mit Staatsfinanzen und -budget zu vereinen sei. Nun, es geht nicht um den Umstand, dass dem niederen Volk auch zu heutigen Zeiten eventuell ein verdächtiges Geschenk gemacht werden soll, sondern darum, dass es trügerisch sein kann seine Zukunft von der Hoffnung und hoffnungsvollen Gedanken abhängig zu machen.

So gesehen bei der Präsentation des Staatsbudgets für das Jahr 2017. Große Worte lassen sich vernehmen, wird doch von der Möglichkeit höherer Investitionen und Budgetaufstockungen durch vielversprechende Wachstumsprognosen gesprochen. Der Finanzminister lässt sich gar mit den Worten zitieren: „Die Schuldenspirale ist gebrochen“. Doch ist es nicht hier primär die Hoffnung, welche federführende Instanz beim Verfassen des Budgets 2017 war? Grenzt es nicht an mythologischer Naivität, sich bei solch gewichtiger Thematik auf gewagte Prognosen und Wunschdenken im Konjunktiv zu verlassen? Dies, um die recht lockere Budgetpolitik rechtfertigen zu wollen? Ist es nicht gefährlich, bloß darauf zu vertrauen, dass Defizite sich mit dem Verlauf der Zeit wohl bessern werden?

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich spreche keineswegs mit dem Wissen der Wirtschaftswissenschaftler, noch weiß ich im Bezug auf Staatsfinanzen hinreichend Bescheid, um hier mit Zahlen und Modellen jonglieren oder Verhältnisse von Wirtschaft, Finanzen, Prognosen und Wachstum kommentieren zu können.

Es geht mir vielmehr darum, dass die Einschätzung und Regelung eines doch so eindringlich wichtigen und grundlegenden Elements des Staates, seiner Finanzen, ihre Grundlage in gewagten Annahmen und Prognosen zu finden scheint. Wird dieses methodologische Vorgehen dem Ernst und der Dringlichkeit der Sachlage gerecht? Verschließen wir unsere Augen vor den Risiken, die auf uns lauern könnten? Stellt das Vertrauen in den wirtschaftlichen Aufschwung nicht vielleicht sogar in aller metaphorischen Trefflichkeit das blinde Ehren der von Zeus in aller Wut überreichten Büchse der Pandora dar? Abyssus abyssum invocat. Ein Fehler zieht den anderen nach sich.