Der Verlag „Hydre Éditions“, der sich publizistisch vor allem auf das Theater konzentriert, legt mit „Theater International 2“ die Fortsetzung einer Reihe vor, die letztes Jahr lanciert wurde. Die Reihe versteht sich als Forum für theoretische Überlegungen bezüglich des europäischen Theaters. In der nun zweiten Veröffentlichung nach 2014 finden wir zwei Vorträge, die der Dramaturg Frank Raddatz sowie die Theaterwissenschaftlerin Katharina Pewny im Mai bzw. Oktober letzten Jahres auf Einladung der Universität Luxemburg im Kasemattentheater hielten.

Ja, die Beiträge sind anspruchsvolle akademische Aufsätze zu Spezialthemen, und ja, sie zu lesen erfordert ein gewisses Maß an Wissen über die Geschichte der Tragödie und des Theaterwesens überhaupt. Was aber ebenso bejaht werden muss: Dass die Lektüre der knapp 60 Seiten schlagartig als noch größerer Gewinn empfunden wird, wenn sie ihre kunstpolitische Aktualität offenbaren und die Überlegungen sich nahtlos mit dem Zeitgeschehen verknüpfen. Das gilt insbesondere für Pewnys Aufsatz, die als Professorin an der Universität Gent arbeitet. Ihre konzisen Ausführungen fußen auf der Annahme, dass jede neue Aufführung des antiken Stücks „Antigone“ von Sophokles dessen Motive von Familie, Gerechtigkeit und Machtausübung gemäß der eigenen Zeit neu interpretiert. Zehn verschiedene Re-Inszenierungen der „Antigone“ geben also bestenfalls Aufschluss über zehn verschiedene Gesellschaften und deren Verständnisse von Macht, Liebe und Tod. Ende Februar dieses Jahres konnte sich das Publikum im Grand Théâtre dessen in einer Inszenierung der „Antigone“ unter der Regie des Holländers Ivo van Hove und mit Juliette Binoche in der Hauptrolle versichern.

Die Lektüre von Pewnys Beitrag erlaubt es überdies, eine Brücke zu schlagen zwischen dem knapp 2.500 Jahre alten Stoff und unserer Zeit. In der Tragödie verwehrt Kreon, König Thebens und Antigones Onkel, deren Bruder das Begräbnis und damit den Eingang seiner Seele ins Totenreich. Antigone begehrt gegen dieses Urteil auf und versucht gleich zweimal, ihren Bruder zu bestatten. Für Pewny „tastet sie (damit) gleichsam die Grenzen der Definition des Humanen (…) ab“. Letzte Woche nun hat die deutsche Künstlergruppe „Zentrum für politische Schönheit“ für Aufsehen gesorgt, weil es die Leichen ertrunkener Flüchtlinge von Italien nach Berlin bringen ließ, um diese dort beizusetzen. Auch das ist eine theatralische Inszenierung von Gerechtigkeit, und auch sie bedient sich der Symbolik der Beerdigung, um das zu verhandeln, was Pewny in ihrem Titel „Episteme des Humanen“ nennt. Damit meint sie die Wissensbestände, die eine Gesellschaft rund um Themen wie Menschlichkeit und Würde angelegt hat und mithilfe derer sie sich definiert.

Der Beitrag Frank Raddatz beschäftigt sich mit dem griechischen Regisseur Theodoros Terzopoulos und dessen Konzept einer interkulturellen Bühne. Raddatz stellt fundierte Gedanken zu Terzopoulos Idee eines Theaters an, das Kraft seiner Tradition ethnische, sprachliche und historische Grenzen überwindet und das als körperaffine Ursprache über Kulturen hinweg wirkt.

Das Gegenwartstheater wird in dieser Theorie und in der Interpretation derselben durch Raddatz nicht als artistisches Amüsement für Liebhaber gedacht, sondern als integrative Kunstmöglichkeit, um einem „über Europa hinausreichenden inter- bzw. multikulturellen Begriff des Welttheaters“ zuzuarbeiten.

In einem auch graphisch höchst ansprechenden Format versammelt „Theater International 2“ zwei theaterpolitische Beiträge, die – wie es im Vorwort der Herausgeber Natalie Bloch und Dieter Heimböckel heißt – „neue Formen des Zusammenlebens (und) Fantasien europäischer Identitätsfindung“ aktuell und kritisch verhandeln. Samuel Hamen